BDSM und die neue Mitte

In der neuen Gentledom Community erhielt ich von einer Userin ein Statement verbunden mit einer Frage, der ich mich öffentlich widmen will.

Findet man heute noch Frauen, die sich auf diese intensive Art einer DS-Beziehung einlassen?

Die Frage basiert auf dem Eindruck, dass im Moment eher die Stimmung bei den Subs in Richtung lusterfüllende Erwartungshaltung geht. Sprich, es geht ihnen primär um die eigene sexuelle Lust, die Dom nach ihren Vorstellung erfüllen soll. Die Tatsache jedoch, dass unter der neuen Vorstellung der Subs, die Doms kränkeln, ist nicht von der Hand zu weisen.

Für mich kann ich nur sagen, die Suche ist in den letzten 2-3 Jahren weder leichter noch schwerer geworden. Ich betreibe meinen Blog (Leben als Sklavin) nur sehr sporadisch und gehöre auch nicht zu den Doms, die Subs anschreiben. Für mich ergibt sich eine BDSM-Beziehung meist ganz natürlich, und wenn ich etwas virtuell suche, ist es den Austausch nicht eine Partnerschaft oder Spielbeziehung. Ich betreibe jenen kleinen Blog und habe zwei Profile in Communities. Insgesamt gibt es sogar mehr Anfragen als früher, jedoch ist die Zahl, derer die TPE in all seiner Konsequenz wirklich reizt, recht konstant.

BDSM war früher polarisierender, inzwischen ist es schon fast Mainstream, damit kommen eben auch immer mehr Mainstreamgedanken in diesen Bereich und was früher normal war, wird jetzt an den Rand gedrängt. Ein Dom mit mehr als einer Sub, dem neuen Mainstream nach geht das natürlich gar nicht. Wenn BDSM gesellschaftlich akzeptiert wird, dann strömt eben auch die gesellschaftliche Mitte in diesen Bereich und die derzeitige gesellschaftliche Norm sieht eben eine monogame Beziehung vor.

Viele alte Hasen beschweren sich nun, dass BDSM verwässert wird und alles früher so viel besser und intensiver war. Dieses Jammern finde ich recht lächerlich, mein BDSM hat sich nicht verändert und ich freue mich über die neue Akzeptanz, die uns entgegengebracht wird. Es stimmt, früher wurde meine Einstellung unter den BDSMlern als relativ normal angesehen, inzwischen finde ich mich mit meiner Vorliebe für TPE (also dem extremen Machtgefälle in einer Beziehung) an den Rändern der BDSM-Gemeinschaft wieder. Da aber auch die Ränder einer Gemeinschaft zu dieser gehören, sehe ich darin gar kein Problem. Ich muss nicht für mein Ego zur tonangebenden Gruppe gehören und war ich früher als BDSMler und TPEler ein Freigeist so bin ich es nun eben nur noch als TPler. 

Diese Entwicklung finde ich nicht problematisch denn ich muss kein Exot sein, ich will nur nicht meinen freien Willen verlieren und mich bei meinen Überzeugungen oder auch meiner Lust nach irgendeiner Masse richten müssen. Kommt es dazu, dass die Masse aber meine Ansichten ganz oder in Teilen adaptiert, so muss ich mich nicht neu erfinden nur um meinen Status als exotischer Freigeist zu bewahren, denn davon hängt mein Ego ganz sicher nicht ab. 
 

Wer zum Beispiel über Shades of Grey seinen Zugang zu BDSM gefunden hat, der wird einen anderen Einstieg haben, als jemand der die Geschichte der O gelesen hat. Noch anders wird es bei jemand sein, der einfach mit der Zeit und ohne größere äußere Einflüsse festgestellt hat er ist dominant, devot oder was auch immer. In Shades of Grey werden die Orgasmen der Hauptdarstellerin frenetisch bejubelt, natürlich wird jemand der das liest dadurch geprägt. Auch anderswo gewinnt die selbstbestimmte Sexualität und vor allem Lust der Frau immer mehr an Einfluss und das ist auch gut so. Vor 15 Jahren war es für eine Frau noch verpönt einen Liebhaber zu haben und Sex in the City war noch ein Skandal. Viele Frauen denken also inzwischen auch sehr stark an ihre eigene Lust und ebendies schlägt auch auf den Bereich BDSM durch. Da dieses aber nicht nur in Serien und Zeitschriften kommuniziert wird die Frauen lesen, wird auch anderswo der Lust der Frau ein immer höherer Stellenwert eingeräumt.

Die Werte sehr vieler Menschen richten sich nach den jeweilig herrschenden sozialen Standards und sind somit durch äußere Faktoren leicht zu beeinflussen. Daher wundert es mich kaum, dass sich die Einstellungen vieler BDSMler dem gesellschaftlichen Wandel angepasst haben, zumal die gesellschaftliche Mitte wie beschrieben immer mehr in den Bereich BDSM strömt. Ich sehe dies aber nicht als eine Art kränkeln, sondern als eine natürliche Entwicklung an. 

Natürlich verunsichert der neue Mainstream einige Doms und Subs, die früher vielleicht TPEler waren oder diesem Konzept zumindest offen gegenüberstanden. Vielleicht wird sogar innerhalb der Gemeinschaft ein Druck aufgebaut, eben nicht dem extremen Rändern zugehörig zu sein. Wer sich aber von diesem Druck ernsthaft beeinflussen lassen würde, der würde mich als Sklavin eh nicht reizen und den würde ich auch nicht für einen guten Herrn im Kontext TPE halten. Besonders TPE ist in meinen Augen etwas für starke Persönlichkeiten, wird es durch schwache Persönlichkeiten ausgelebt sehe ich darin sogar eine Gefahr. Daher ist die Entwicklung der letzten Jahre kein ungesundes Kränkeln, sondern vielmehr eine gesunde Schrumpfkur. Ich glaube zudem, dass auch jemand der über Shades of Grey zu BDSM gekommen ist, durchaus mit der Zeit seine Vorliebe für extremere Machtgefälle entdecken kann. 

Also nur weil jene Menschen die BDSM etwas intensiver betreiben zwischen dem Mainstream schwer zu finden sind, sind diese nicht verschwunden, man muss nur etwas genauer hinschauen. Wichtig ist doch eigentlich nur, dass die Beteiligten Freude an dem haben, wie sie miteinander machen und keine Person zu ernsthaftem Schaden kommt.
 

Autor Gladius


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