Lieber spät als nie

oder warum ich 38 Jahre brauchte, um vor mir selbst zugeben zu können, dass ich BDSM liebe.

Das ist eine lange Zeit, eine sehr lange Zeit.

Dabei waren die ersten Zeichen schon früh da.

Mit ca. 10 Jahren, als meine Pubertät begann, liebte ich es, mit meiner besten Freundin und meinem Bruder König und Diener zu spielen. Es war erregend, wenn ich auf die Knie fallen musste, aber auch, wenn meine Freundin oder mein Bruder vor mir auf die Knie gingen.
Ein gutes…zu gutes Gefühl! Denn auch wenn ich damals nicht wusste, was genau in mir vorging, tief in mir drinnen schämte ich mich. Ich merkte, dass die anderen diese Gefühle nicht hatten, während bei mir die Augen leuchteten und die Wangen rot wurden.
Mein Fazit: Das war nicht normal und damit nicht gut.
Also mied ich das Spiel irgendwann.
Einige Jahre gingen ins Land, dann entdeckte ich die GOR-Bücher von John Norman (in der verharmlosten deutschen Form). Ich mochte schon immer gern Märchen und Fantasy lesen und die Bücher waren für mich fast eine Offenbarung. Eine Offenbarung insofern, als das ich sie als erotische Lektüre nutzen konnte.
Meine Eltern, insbesondere meine Mutter, durften davon jedoch auf keinen Fall etwas wissen. Sex war in unserer Familie immer ein Tabu-Thema und meine Mutter eine absolute Feministin, die zu Hause fast nur über Männer schimpfte.
Wie konnte ihre Tochter nur da davon träumen, sich Männern darzubieten, vor ihnen zu knien?
Meine Mutter war auch gegen jegliche Ungerechtigkeit und Gewalt auf der Welt.
Wie konnte ich da dann davon träumen, einen Mann in Ketten vor mir zu sehen, ihn auszupeitschen?
Das war beides so konträr zu meinem Weltbild, dass es einfach nicht sein konnte und durfte, dass es mir gefiel.
Einen Namen hatte das Ganze da jedoch noch immer nicht.
Es war die Vor-Internet-Zeit. Ich lebte auf dem Dorf, spießiger als spießig. Ein stinknormales Wald-und Wiesenleben. Die Möglichkeiten, mich auch nur annähernd an BDSM heranzukommen, gleich Null.
Es war ja in meiner Familie schon schwer genug, überhaupt Lust auf Sex haben zu dürfen. Reden über (Vanilla-)Sex oder auch nur über (Vanilla-)Sehnsüchte ging überhaupt nicht. Meine Mutter war prüde, Sex schmutzig und kam einfach nicht vor.
Dennoch schloß ich mich regelmäßig in mein Zimmer ein, tanzte nackt zu Bolero, band mir dabei Glaskugeln an die Schamlippen (fragt nicht, wie das genau ging, nur soviel: Ich war da sehr kreativ!) …immer voller Angst, meine Eltern würden plötzlich klopfen. Mich ertappen und vollkommen entsetzt sein.
Aber es war einfach zu geil, um es zu lassen. Das Gefühl so gut, so megagut.
(Meine Domseite schlief dabei etwas ein, einfach, weil sie allein nicht so gut auszuleben war.)
Ja, ich spielte da schon mit mir selbst, obwohl mich die Scham darüber fast umbrachte, dass ich so war. So etwas mochte.
Dann vergingen wieder einige Jahre.
Ich fing mein Studium an, hatte meinen ersten Freund, meinen ersten „richtigen“ Sex mit einem Mann (ich konnte nicht genug bekommen), die Beziehung zerbrach, ich lernte meinen Mann kennen, wir heirateten…kurz: Das Leben nahm seinen Lauf.
Nur mein Sexleben war merkwürdig unbefriedigt. Obwohl ich fast jeden Tag mit meinem Mann Sex hatte. Und das auch nicht richtig schlecht fand, aber halt auch nicht richtig gut.
Einen Orgasmus bekam ich nur, wenn ich selbst Hand anlegte. Allein. Mit meinen Fantasien.
Aber das konnte ich unmöglich meinem Mann erzählen.
Ich wollte ihn nicht verletzen und mich nicht als pervers outen.
Inzwischen war ich auch noch politisch engagiert, in Gesprächen vehemente Verteidigerin von Gleichberechtigung. Das passte einfach nicht zu meiner Neigung.
Ich wusste da zwar längst, was BDSM war.
Das war für mich aber nicht viel anderes als eine schmutzige, dunkle Subkultur, die gefährlich und leicht kriminell war. Mit einer eigenen Sprache, lästernd über Neue, herablassend und als Bedrohung betrachtet vom Rest der Gesellschaft (Ja, ich weiß, Klischees über Klischees…)
Dieser Subkultur würde ich nie angehören. Nie.
Auch wenn sich mein ganzer Körper danach sehnte.
Immer stärker danach sehnte.
Ich bemerkte nach und nach bewusst, dass ich bestimmte Filme und Serien bevorzugte. Die, in denen Menschen vor anderen niederknieten, gefesselt wurden, in Ketten lagen, ausgepeitscht wurden.
Manche schaute ich nur wegen einer bestimmten Szene, weil diese mir fast einen Orgasmus bescherte. Jedes Mal. Besser als jeder Porno es sein konnte.
Denn eine emanzipierte Frau schaut natürlich auch keine Pornos.
Mich erregten Artikel über Folterungen, obwohl ich diese moralisch komplett ablehnte. Schämte mich auch dafür.
Schließlich benutzte ich zur Selbstbefriedigung Klammern und Dildos. Kaufte mir Brustklemmen. Probierte einiges aus. Immer mit Kopfkino. Aber nur allein.
Mein Mann hatte mich da schon längst durchschaut. Er wusste, was mich an gewissen Filmen reizte und neckte mich damit.
Mir war das aber immer noch peinlich. Sehr peinlich. Immer noch mit damals Mitte Dreißig. Die Scham, die insbesondere meine Mutter in mir gepflanzt hatte, war immer noch viel zu sehr präsent.
Ab und an jedoch googelte ich im Internet. Nichts hat mich mehr befreit als die Erfindung des Internets.
Mir wurde nach und nach bewusst, dass ich eindeutig BDSM mag. Dass meine Fantasien, mein Kopfkino BDSM in Reinkultur waren, schon immer gewesen waren.
Aber richtig dazu bekennen… mich austauschen mit anderen? Noch unmöglich.
Der Sex zwischen mir und meinem Mann nahm nach und nach eine andere Dimension an, nachdem ihm klar wurde, dass ich BDSM mag, aber es waren nur zarte Versuche, eigentlich nicht der Rede wert, und war nicht einmal annähernd das, was ich wünschte, was ich mir herbeisehnte.
Ich konnte ihm einfach nicht sagen, was ich genau wollte. Immer noch schämte ich mich. Entsprach mein Sehnen nicht meinem Verständnis von mir sellbst.
Zudem war ich viel zu sehr gefangen in meiner Rolle als Mutter. Die Kinder waren immer da, keine Ruhe, um mal etwas zu besprechen. Mut anzuhäufen und Wahrheiten auszusprechen.
Ich verdrängte es weiterhin.
Mein Leben wäre wahrscheinlich so weitergegangen.
Doch dann starb mein Vater. Absehbar, aber dennoch plötzlich.
Ein Einschnitt.
Zur gleichen Zeit schrieb ich meinen ersten Roman, einen Fantasy-Roman mit eindeutig sadistischen Zügen. Was mich einerseits erschreckte, andererseits aber auch zeigte, was in mir schlummerte.
Mir wurde durch beides bewusst, dass sich etwas in meinem Leben ändern musste.
Die Kinder wurden größer, ich wurde älter, die Ziele, die ich erreichen wollte, hatte ich erreicht. Alles lief scheinbar perfekt!
Dennoch fehlte mir etwas.
Ich hatte immer gedacht, dass ich zufrieden sein müsste, wenn ich meine Ziele erreicht hatte.
Aber das war es nicht.
Ich war nicht zufrieden.
Und dann hörte ich meine Mutter, die ständig darüber sprach, dass sie nie das hatte machen können, was sie ausmachte. Nie sie selbst hatte sein können. Und das es jetzt zu spät sei. Ihr Leben habe sie vergeudet.
So wollte ich nicht enden.
Auf keinen Fall!
Meine Fantasy-Romane waren da ja schon mehr als deutlich. Brutal und sadistisch, mit viel DS, wenn auch ohne direkten Sex. Meine Neigung bahnte sich bereits da einen Weg. Ließ sich nicht mehr verleugnen.
Ich musste mich endlich bekennen. Zu mir selbst kommen und nicht immer den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen, sonst würde ich noch an Langeweile und in Erstarrung sterben. Immer noch unbefriedigt.
Das Bedürfnis, mich auszutauschen, wurde immer stärker.
Nur, mit wem?
Also wieder ins Internet geschaut. Die meisten einschlägigen Seiten schreckten mich schon vom Namen her ab. Nichts für eine gehemmte, spießige Theoretikerin wie mich.
Der Hype um SoG bescherte mir, genau zur richtigen Zeit, das Interview von Gentledom mit der Huffington Post. Ich war beeindruckt, dass jemand damit so offen und ruhig umging, und schaute mir die Hauptseite an. Mit roten Wangen, aber entschlossen, mich nicht mehr zu verstecken. Registrierte mich, begann, zu lesen, obwohl ich vieles schon kannte und wusste.
Es bestätigte mir, was mir tief in mir drinnen bereits längst klar war: Ich gehörte dazu. Und es war nichts, wofür man sich schämen musste!
Das Gute und Befreiende: Es war so angenehm normal. Nicht schmuddelig, nicht billig, einfach klar. Danach war es nur noch ein kleiner Schritt, mich auch im Forum anzumelden.
Mich bekannt zu machen mit den anderen.
Mich endlich zu mir zu bekennen.
Jetzt bin ich zwar immer noch auf der Suche, versuche immer noch, mein BDSM im RL zu finden, aber die Basis steht.
Denn ich bin endlich bei mir angekommen. Bin ganz.
Auch wenn es bei mir lange gedauert hat: Es ist nie, wirklich nie zu spät!

Autorin Feuerpferd


Kommentare:


rubbi64 schrieb am 29.12.2015


Auch ich möchte mich bedanken für diesen Beitrag, Feuerpferd!

Ich bin 52 und habe auch gerade erst vor 4 Monaten entdeckt, dass es mehr gibt, als der 08/15 Sex, den ich bisher in meinem Leben hatte.
Ich habe auch bereits seit meiner Kindheit deutliche devote Neigungen, die ich allerdings nie einordnen konnte. Es fehlte einfach nur immer etwas.
Jetzt hab ich es gefunden!

Rubbi
PS: mir gefällt Dein Name sehr!


Antwort auf diesen Kommentar

Lagertha schrieb am 22.06.2015


Danke, Feuerpferd, für diesen Blog.
Du sprichst mir aus der Seele, denn das ist fast 1:1 meine Geschichte!
Das alles hier macht mir Mut, endlich zu akzeptieren, wer oder was ich wirklich bin und möchte!

Lg, Lagertha


Antwort auf diesen Kommentar

Feuerpferd schrieb am 15.06.2015


Ich danke Euch für Eure Kommentare, :)
Leider kann ich nicht direkt antworten (keine Ahnung, warum).


Antwort auf diesen Kommentar

Na das wäre kompliziert umzusetzen ;)

 

Beim offenen Blog gibt es einen Redakteur und viele Schreiber. Wir müssten dann entweder allen Schreibern die Redaktionsrechte geben (und jeder könnte in allen Texten dann kommentieren oder ändern) oder eben nur einer kann es ;) Eine weitere Möglichkeit ist aber, dass wir jedem die Möglichkeit geben überall in den Kommentaren zu schreiben, irgendwer würde das sicher für irgendeinen Mist ausnutzen, zumal ich nicht mal wissen kann, ob es sich bei dem Feuerpferd um die Autorin handelt, könnte rein theoretisch auch wer anders sein ;)

 

Daher kommentieren kann jeder, es muss dann eben nur noch freigeschaltet werden.

KaJa62 schrieb am 14.06.2015


Nein, zu spät ist es wahrlich nie - und besser man entdeckt es spät als nie.....
Gehöre auch zu den "Späten" und fühle mich endlich angekommen!
Danke für diesen offenen Beitrag, Feuerpferd!


Antwort auf diesen Kommentar

Nina schrieb am 14.06.2015


Danke für Deinen inspirierenden Beitrag.
Nina


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