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BDSM und die Liebe

Ein kleines Plädoyer für die Liebe.

Ja, zugegeben, ich bin eine, die noch an die Liebe glaubt. Na und? Sie bereitet mir halt Vergnügen. Hat sie immer schon, und ich glaube, das wird wohl auch immer so bleiben.

Liebe ist für mich wie das Salz in der Suppe. Gut, es geht auch ohne. Wer Hunger hat, isst schließlich seine Suppe auch ohne Salz. Doch wenn wir ehrlich sind, und das sollten wir gerade in diesem Bereich sein, dann schmeckt es doch erst richtig gut, wenn man die passenden Gewürze hinzufügt. Und ist Liebe nicht ein wunderbares Gewürz für alles, was wir an zwischenmenschlichen Beziehungen erleben können?

Nach dieser Definition sollte man nun annehmen, dass ich Beziehungen ohne Liebe verteufeln würde. Weit gefehlt! Nicht jeder hat nun einmal das Glück, ihr begegnen zu dürfen. Und manchmal kommt es vor, dass derjenige, der glaubt, sie gefunden zu haben, sie schneller verloren hat, als er das Wort „Liebe“ überhaupt buchstabieren kann. Und auch, dass man trotz vorhandener Liebe Ausschau nach einem Abenteuer hält, weil der Partner entweder nicht geben kann, wonach wir uns sehnen, oder es schlicht und ergreifend gar nicht weiß, weil wir darüber geschwiegen haben, ist heute kein Einzelfall mehr.

Ganz dem Motto:

Mein Partner kann alles essen, muss aber nicht alles wissen.

Die Zeiten ändern sich nun mal. War es früher gang und gäbe, seine ureigenen Wünsche für sich zu behalten, sie bestenfalls seinem Spiegelbild zu erzählen, so hat man heute – dank des Internets, unzähliger Zeitschriften und einer rasanten gesellschaftlichen Entwicklung - die Möglichkeit, alles zu erleben, was man sich vorstellen kann. Und das, ohne dabei wirklich Gefahr zu laufen, der Liebe wirklich begegnen zu müssen.

Schaut euch doch nur mal um auf den Plattformen dieser Welt. Da kann man einen Seitensprung wagen, ohne dafür mehr als einen Fingertipp zu tun. Datingagenturen, Kennlernbörsen und Communities , die einem das Blaue vom Himmel versprechen, haben enormen Zulauf. Jeder war selbst schon auf solchen Seiten oder kennt mindestens zwei, wenn nicht drei Personen im unmittelbaren Umfeld, die schon mal auf einer dieser Internetplattformen unterwegs gewesen sind.

Hier wird gekruschelt, gekuschelt, geherzt und geknutscht, was das Zeug hält, und nicht selten kommt es vor, dass zwei Herzen füreinander entflammen. Wohl gemerkt, sie entflammen, glimmen ein paar Wochen vor sich hin, um dann ebenso rasch wieder wie ein Meteorit in der Erdatmosphäre zu verglühen. Kaum einer nimmt sich für die Liebe wirklich Zeit. Und dass sie Zeit braucht, sollte allen klar sein, weil sie nicht nur etwas Wunderbares ist, sondern gehegt und gepflegt werden will wie eine seltene Blume.

Und genau das ist unser größtes Problem. In unserer schnelllebigen Zeit hat kaum noch einer Muße und Lust zum Gärtnern. Abgesehen davon ist die Liebe für viele auch ein ausrangiertes Relikt aus vergangenen Zeiten. Man braucht sie nicht, um glücklich zu sein, und erst recht nicht, um seine sexuellen Wünsche zu befriedigen. Ihr Stellenwert ist heute ein anderer als noch zu Großmutters Zeiten. Auch gut. Warum auch nicht. Schließlich sagte schon Friedrich der Große: „Ein jeder lebe nach seiner Fa­çon“. Wobei ich nicht glaube, dass er dabei an die Liebe gedacht hatte.

Fazit ist doch, dass jeder irgendwo nach Liebe sucht.

Selbst die, die sie verteufeln und deren Existenz am liebsten verschweigen würden.

Bei aller Liebe, auch körperlicher Art: Es ist mir schon klar, dass die Spielarten der Sexualität unüberschaubar vielseitig sind. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die ein Faible für Schulmädchenspiele haben, und andere, die das Pudern nackter Hinterteile als sexuellen Höhepunkt ansehen. Ich zum Beispiel gehöre auch zu einer nach allen moralischen und gesellschaftlichen Sittenvorstellungen Minderheit an, die sich für gewisse Rollenspiele sexueller Art begeistern können. Nun, und ich glaube, dass das bei vielen so sein wird, die dieses Magazin lesen, ist es nicht nur eine Art Rollenspiel. Es ist schon mehr. Gut. Nicht für jeden ist das, was wir sexuell bevorzugen, gleich eine ganze Lebenseinstellung. Und doch ist der Stellenwert von BDSM schon ein recht hoher, und für manchen geht in sexueller Hinsicht überhaupt nichts mehr, wenn nicht wenigstens ein wenig BDSM dabei ist.

Aber wenn uns BDSM so wichtig ist, warum, so frage ich mich, sind wir dann mit so wenig zufrieden und leben diesen in Beziehungen aus, die uns außer sexueller Befriedigung nichts weiter bieten? Ist Liebe einfach zu unbequem oder gar zu anstrengend? Mag sein, dass der eine oder andere es so sehen wird. Doch ich, die das Glück hat, beide Varianten zu kennen, weiß heute, dass ich trotz aller Vorzüge, die mir meine außerehelichen BDSM-Beziehungen gebracht haben, erst richtig zufrieden und glücklich bin, seit ich es mit dem Partner ausleben kann, den ich auch liebe.

Ich sage nicht, dass es einfach ist.

Liebe kann in gewisser Weise oder gerade, wenn es um gewisse Praktiken im BDSM geht, ein Störfaktor sein. Wer schlägt schon gerne den Partner, den er liebt? Und wer mag schon mit großen Strafaktionen aufwarten, wenn man sich zuvor gerade gestritten hat? Einfacher ist es da schon, wenn man dann auf jemanden zurückgreifen kann, mit dem einen außer seiner sexuellen Neigung nichts verbindet und mit dem man erst recht nichts teilen muss. Man kann sich frei und ohne vorausgegangene Unstimmigkeiten aufeinander einlassen.

Ein- bis zweimal in der Woche trägt man sein sündiges Outfit, schlüpft in die schwarzen High Heels, befestigt seine Gerte an der Gürtelschlaufe und zieht unter Umständen im Laufe eines Abend oder einer Nacht soundso viele überteuerte und manchmal auch überflüssige Schlaginstrumente aus dem Koffer. Für die nötige Stimmung sorgt leise Musik, und eh man sichs versieht, kehren im Flackerschein der Kerzen Mann und Frau ihr Inneres nach außen. Vertrauen tut man sich sowieso, ansonsten könnte man sich das ganze Spiel auch schenken. Der Gerechtigkeit halber verzichtet man auf seine sonst üblichen Vornamen und nennt sich dem Anlass entsprechend Herr und Sklavin. Während der dominante Part durch wohldosierte Schläge und verbale Attacken den nötigen Respekt einfordert, liegt der untergebene Teil vor ihm oder auf einem extra dafür arrangierten Gestell und ist selig ob all dieser Zuwendung. Von Liebe ist weit und breit nichts zu spüren, bestenfalls mögen beide füreinander Zuneigung und Achtung empfinden - was ja auch schon viel wert sein kann.

Doch reicht das wirklich aus, um sich einem anderen mit Haut und Haaren hingeben zu können? Ich glaube nein. Denn wenn die Lichter erloschen sind, das Spiel beendet ist und man sich schon längst wieder auf dem Heimweg befindet, wird man feststellen, dass man trotz aller Zärtlichkeit, aller sexuellen Handlungen und vieler wundervoller gesprochener Worte genau wieder die Person ist, die man für ein paar Stunden vergessen wollte: Single oder ein liierter Mensch, der mit sich und seinen Hoffnungen und Träumen alleine bleibt.

Anders als in Liebesbeziehungen teilt man mit seinem Spielpartner nämlich weder Tisch noch Bett. Genaugenommen teilt man höchstens einen schönen, wenn auch sehr geringen Teil seines Lebens. Man lässt ihn entweder gar nicht oder sehr selten wirklich an den Dingen teilhaben, die einem wichtig sind. Und noch seltener teilt man mit ihm Träume oder Zukunftsvisionen. Das und das Wissen darüber, dass ich mit ihm nur für ein paar Stunden lachen und weinen konnte, und dem fehlendem Gefühl, ohne den anderen nur ein Halbes vom ganzen Kuchen zu sein, hinterließ bei mir immer einen bitteren Beigeschmack und machte aus der an sich schönsten Sache der Welt dann doch nur eine kurzweilige Session. Und wenn ich ganz ehrlich bin, wusste ich jedes Mal, wenn ich mich hingegeben hatte, dass dieser Mann jederzeit und ohne dass es mir einen körperlichen und seelischen Schmerz verursacht hätte austauschbar war.

Im Grunde genommen will man gar nicht den Mann oder die Frau, mit dem oder der man etwas so Kostbares wie seine sexuelle Neigung teilt, sondern lediglich die Möglichkeit, diese nach Lust und Laune ausleben zu können. Ja, zugegeben, ich glaube noch an die Liebe. Wohl auch, weil ich sie seit so vielen Jahren täglich auf so unterschiedliche Weise erleben darf, und weil ich für mich festgestellt habe, dass das Geben und Nehmen mit Liebe um ein Vielfaches schöner, befriedigender und glücklich machender ist als bei einer nur um der Lust willen geduldeten (gelebten) Spielbeziehung.

Liebe macht nichts einfacher.

Hin und wieder macht die Liebe sogar vieles unmöglich und lässt erst recht BDSM zu einem schwierigen Balanceakt werden. Nicht immer findet man den richtigen Ton zueinander, was auch schwierig ist, wenn man vielleicht gerade über Alltägliches gestritten hat. Und oftmals mag gerade die Liebe eines der größten Hindernisse sein, um seine Neigung wirklich bis zum bitteren (?) Ende miteinander ausleben zu können. Dennoch: man liebt und vertraut einander - auch auf bessere Zeiten. Man kennt den anderen blind und fühlt sich einfach so himmlisch geborgen. Man weiß, dass man füreinander da ist, egal wie positiv oder schlecht gelaunt man zuvor drauf ist - eben weil man sein Leben und nicht nur seine Neigung miteinander teilt.

Für mich verhält sich Liebe zu BDSM wie Ketchup zu Pommes.

Man isst sie auch ohne, und doch schmecken Pommes hundert Mal besser mit Schranke Rot-Weiß.

Redakteur:


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