Brett vorm Kopf

oder vom Hindernis, im Alltag Sub und Dom zu sein.

„Wenn's Arschl brummt, is 's Herzl g'sund“ stand auf einem Holzbrett, das angenagelt an der sonst weißen Wand im Klo meiner Eltern hing. Jedes Mal, wenn ich es sah, musste ich schmunzeln – schon wegen der bayerischen Mundart, und weil ich es irre witzig fand. Ich erinnere mich überhaupt daran, dass es bei uns zuhause viele solcher kleinen Holzbrettchen gab, die unbeachtet an Küchen- oder Flurwänden ein tristes Dasein führten. Lebensweisheiten nannte meine Mutter sie. Und irgendwie hatte sie damit vollkommen recht. Es gab für jede Lebenslage irgendwo immer ein passendes Brettchen, das mir auf nette Art mitteilte, wie das Leben so läuft. Wenn ich frühmorgens am Frühstückstisch saß, konnte ich lesen: Morgenstunde hat Gold im Munde. An der langen Wand im Flur hingen gleich drei Brettchen. Und noch bevor ich die Wohnung verließ, ermahnte mich ein weiteres mit dem netten Hinweis: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu! Richtig, dachte ich jedes Mal, und wer weiß, vielleicht bin ich deshalb ein Mensch, der andere so behandelt, wie ich es für mich selbst beanspruche.

Überhaupt fand ich diese kleinen Lebenshilfen ziemlich hilfreich. Immer dann, wenn ich in meinem jugendlichen Wahn vergaß, meine schlechte Laune eben nicht schon am Morgen an anderen auszulassen. Immer dann, wenn ich mich mal wieder ungerecht behandelt fühlte, und ebenso in den Momenten, in denen ich glaubte: Keiner mag mich. Irgendwie schafften es diese kleinen Weisheiten immer wieder, meine Sichtweise geradezurücken. Am besten gefiel mir jedoch das Brettchen mit der Aufschrift: Ein Lächeln am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Und so lächelte ich an manchen Tagen, was das Zeug hielt.

Die Zeit der Brettchen ist längst vorbei, und mittlerweile weiß ich, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss sind und mit Sicherheit kein Allheilmittel. Und trotzdem wünschte ich mir an manchen Tagen meine heißgeliebten Brettchen zurück.

Wäre es nicht eine wunderbare Vorstellung, morgens aufzuwachen, und noch bevor du den Tag beginnst daran erinnert zu werden, was du sein wolltest und doch oftmals gar nicht bist, weil dich dein eigenes Brett vorm Kopf daran hindert? Wenn ich gleich beim Aufstehen, noch bevor ich die erste Tasse Kaffee getrunken, die Zähne geputzt und mich in meine Klamotten geworfen habe, lesen könnte „Sub sein bedeutet zu dienen und nicht zu fordern“, würde es vielleicht meiner Vergesslichkeit auf die Sprünge helfen. Und vielleicht wäre es für alle Herren und Herrinnen dieser Welt ebenso hilfreich, mit einem Spruch darauf hingewiesen zu werden, dass Dom sein auch im Beziehungsalltag funktionieren kann. Ach ja - wäre das schön!

Aber ebenso wenig, wie ich anderen oder meinem Partner die Schuld daran geben kann, dass ich so wenig „alltagsbeziehungssubdomtauglich“ bin, kann ich fehlenden Brettchen die Schuld zuschieben. Wenn, dann gilt es sich den Schuh selbst und alleine anzuziehen.

Man hat eine Abmachung, und die heißt klipp und klar Sub und Dom füreinander zu sein. Auch dann, wenn die Beziehung mal nicht so rund läuft, der Alltagstrott einen fest in seinen Klauen hat und auch, wenn man mal keine Lust zum Gehorchen, Dienen und Befehlen hat. Weil nämlich alles besser funktioniert, je mehr man in Übung bleibt. Das ist keine Weisheit von mir, sondern eine unumstrittene Tatsache. Schon meine Mutter behauptete stets: Übung macht den Meister.

Doch die meisten, die sowohl als alltagstaugliches Paar als auch in einer DS-SM-Beziehung zusammenleben, winden und weiden (Weiden sich? Woran? „weiden“ bedeutet „erfreuen“.) sich, erfinden immer neue Ausreden, und am Ende wundern sie sich, wenn das Dom- und Sub-Sein auf der Strecke bleibt.

Beziehungen sind ein komplizierter, mit eigenen Grenzen und Erwartungen gefüllter Komplex. Und was einem vielleicht noch in einer „normalen“ Beziehung (Was soll dieses ständige Plenken bei den Anführungszeichen?) gelingen mag, wird oder kann in SM-Beziehungen zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. Hier gelten nämlich ganz andere Regeln und Gesetze.

Da können auch Brettchen wenig helfen, wenn auf dem eigenen Brett vorm Kopf in großen Lettern steht: HEUTE NICHT.

Natürlich halte auch ich immer dann, wenn es mir gerade in den Kram passt, ein solches Brett hoch und trage es wie ein Warnschild vor mir her. Mein Lieblingsspruch lautet dann immer: „Das hat gar nichts damit zu tun.“ Falsch! Und ob es etwas damit zu tun hat. Die Schwierigkeit einer solchen Paarkonstellation liegt nicht darin, dass der Wunsch nicht vorhanden ist, sondern daran, es konsequent durchzuführen. Und genau daran scheitern wir.

Würde sich ein jeder, Sub und Dom, jeden Tag selbst an sein Versprechen erinnern, dann würde ich meinen Herrn und Meister, Ehemann, Geliebten und Freund nicht gleich am Morgen anmotzen , nur weil er vergessen hat den Mülleimer rechtzeitig rauszubringen. Und ganz sicher würde ich dann auch nicht halbwach sonntagmorgens im Bett liegen und warten, bis er aufsteht, um den Kaffee zu kochen. Und vielleicht auch niemals wieder miesgelaunt und schmollend auf dem Sofa sitzen, weil er in den letzten Wochen mal wieder so wenig Dominanz gezeigt hat.

Denn eines ist sicher: Hätte sich auch nur ein Brettchen, und zwar das mit der Aufschrift „Was du nicht willst, das man dir tu, dass füg' auch keinem anderen zu!“ wirklich in meinen Kopf einen festen Platz gesichert, dann wäre ich in der Lage, auch im Alltag das zu sein, was ich sein möchte, und zwar ohne Wenn und Aber.

Schlussendlich kann ich von meinem Partner nur das erwarten, wozu ich auch selbst fähig bin.

Und solange es mir in den Kram passt, nur dann Sub zu sein, wenn es mir gefällt, kann ich unmöglich erwarten, dass mein Partner Dom ist, nur weil er es irgendwann einmal versprochen hat.

Denn wie heißt es so schön: Nur aus Erfahrung wird man klug.

Ich kann also nur hoffen, dass meine Erfahrungen mich irgendwann dazu bringen, mein Brett vorm Kopf durch Einsicht zu ersetzen - ohne dabei gleich kopflos zu werden.

In diesem Sinne

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