BDSM ist ...

In den letzten Monaten wurden mir gegenüber, von BDSMlern und nicht BDSMlern, die unterschiedlichsten Statements geäußert. Folgend werde ich auf einige von diesen eingehen:

BDSM ist unzivilisiert
„Peitschen, Inkettenlegen, Benutzen - all das ist doch barbarisch!“ Also ich gehe sogar einen Schritt weiter, es ist animalisch. Sex kann nun mal schmutzig sein (laut Woody Allen zumindest dann, wenn er richtig gemacht wird).
Wer also ganz sicher sauber bleiben will, dem empfehle ich die In-vitro-Fertilisation: hier kommt man sogar ohne einen großen Fluss von sich nachher vermischenden Körpersäften aus. Denn Aussterben sollten selbst zivilisierte Wesen nicht und die künstliche Befruchtung ist in meinen Augen die sauberste Methode der Arterhaltung. Allen anderen sei gesagt, machts so schmutzig wie ihr beiden/drei/vier es wollt, nur achtet auf die Gesundheit.

BDSM ist unemanzipiert
Frauen, die sich einen Mann unterordnen, das geht doch nicht, wofür hat die Frauenbewegung so lange und so erbittert gekämpft, wenn nun das Erreichte so einfach an einen Dom herausgegeben wird? Also bitte, im Kontext BDSM entscheidet allein die Neigung und nicht Geschlecht, Alter, Herkunft etc. über die jeweilige Rolle. Genauso wie es Sklavinnen gibt, gibt es Herrinnen. Wenn nun „Emanzen“ Frauen das Recht abstreiten, ihrer Neigung nachzugehen, wechselt eigentlich nur das Geschlecht der Unterdrücker, war es früher die Männerwelt, so wären es dann aktuell diese Emanzen, welche der freien Persönlichkeitsentfaltung im Wege stehen würden. Jeder, der Rechte hat, muss auch das Recht haben, auf selbige zu verzichten. Eine wirklich emanzipierte Frau richtet ihr Leben nach ihren Bedürfnissen und Wünschen aus, will sie eine Sklavin sein, kann sie diese Rolle mit Stolz und Würde ausfüllen und darin glücklich werden. In einer gesunden BDSM-Beziehung mag der dominante Part die Zügel in der Hand haben, aber der devote bestimmt eben die Zügellänge ;-)

BDSM ist gefährlich
Ja, das kann es sein, muss es aber nicht. Damit meine ich sicher nicht die angeblichen Ligadom… Es gibt aber gefährliche Spielarten und zugegeben BDSM zieht als extreme sexuelle Spielart auch sehr extreme Persönlichkeiten an, leider oftmals auch welche, die nicht gerade die besten Absichten verfolgen. Diese Seite ist ursprünglich wegen der Vergewaltigung von zwei devoten weiblichen Bekannten entstanden und selbst im letzten Jahr kam es in meinem Bekanntenkreis im Kontext BDSM zu einer Vergewaltigung und einem Missbrauch von Subs, die mir recht nahe standen. BDSM selbst ist in meinen Augen nicht gefährlich, die Gefahr geht höchstens von den Personen aus, die diese Spielart betreiben und größere menschliche Schwächen aufweisen.

BDSM ist die intensivste Form der Liebe
Das behaupten zumindest sehr viele BDSMler, komisch nur, dass ein Großteil der BDSM-Beziehung eine Haltbarkeit aufweisen, die unter der einer Tüte Chips liegt (wer keine da hat, das sind meist 3 Monate). Liebe und BDSM, das kann zusammengehören, muss es aber nicht. Wenn zwei Menschen etwas sehr Intensives miteinander teilen, schweißt dies natürlich zusammen, dann dürfte aber auch jedes Paar das Extremklettern oder ähnliches zusammen auslebt, die intensivste Form der Liebe haben. BDSM kann das Liebesleben bereichern, aber dieser Faktor allein ist ganz sicher kein Garant für Liebe. Gleiches gilt für diese typischen Floskeln wie: BDSMler haben den besten Sex/Beziehung etc. Es gibt BDSMler, die haben gar keinen Sex und ich selbst habe mehr Affären im Kontext BDSM als Beziehungen geführt. Ein BDSMler ist weder besser noch schlechter als ein Nicht-BDSMler, er hat eben nur recht spezielle Vorlieben.

BDSM ist unchristlich
Das Christentum lehrt Respekt. „Wen der Herr liebt, den züchtigt er“ (Hebräer 12.6), diese Antwort wäre in meinen Augen die falsche, zum einen geht sie auf das AT zurück, zum anderen kann sie unterschiedlichst interpretiert werden und vielleicht würde sie sogar als blasphemisch gedeutet werden. Jesus spricht so viel von Liebe und Ausgleich, daran sollte man sich als Christ wohl eher orientieren. Somit müsste es einem Christen auch möglich sein, eine andere Meinung zu respektieren. Wenn meine Partnerin Peitschenhiebe liebt, gebe ich ihr diese liebend gern, ist das dann nicht auch Nächstenliebe/-hiebe? Wer ein biblisches Gebot kennt, welches diese Art der Liebe untersagt, kann es mir gerne schicken. Ich erinnere mich eigentlich nur daran, dass die christliche Lehre sagt, dass man niemand schaden darf und den Menschen helfen soll. Einvernehmlicher BDSM ist kein Schaden und schöne Gefühle, die sich dabei entwickeln, sind sicher auch ein schönes Geschenk für beide.

BDSM ist undemokratisch
Wie sagte Winston Churchill so schön: „Jedes Volk wählt sich die Regierung, die es verdient.“ Und jede Sub wählt sich den Dom, den er/sie verdient und ihre Stimme zählt dabei zu 100%, ganz ohne Überhangmandate; Quotierungen und ähnliches. Natürlich kann ein Dom wie ein Politiker auch nach der Wahl seine Wahlversprechen vergessen, nur dann kann Sub diesen auch ganz rasch verlassen. Gefällt mir meine aktuelle Regierung nicht, habe ich dagegen nur zwei Möglichkeiten, auswandern oder die Sache bis zur nächsten Wahl aussitzen und hoffen, auch andere wollen den Wechsel.

BDSM ist brutal
Also ist das zärtliche Auffangen der Partnerin nach einer intensiven Session brutal oder ist gar ein Bondageliebhaber, der seine Partnerin mit weichen Seilen umschlingt, grob? In meinen Augen gibt es durchaus Brutalität, aber in den meisten Fällen keine rohe oder gar sinnfreie Gewalt. Für mich ist SM (also das, wo es um's Hauen geht) meist nur ein Mittel zum Zweck, für andere mag es einen höheren oder niedrigeren Stellenwert haben, grundsätzlich ist und bleibt es aber eine Facette von einem viel größeren Spiel.

BDSM ist nicht lustig
Hallo, schon mal in die Anekdoten reingeschaut???

BDSM ist Therapie
Auch wenn es einige so sehen, BDSM ist sicher nicht die Antwort auf psychische Probleme und auch wenn es vielleicht eine psychische Krankheit kaschieren mag, geheilt wird sie nicht und das erhöht die Gefahr, dass sie sich verschlimmert.

BDSM ist krank
Ja, das sahen die Psychologen bis vor einem Jahrzehnt wirklich so, inzwischen bewerten aber die aufgeklärten wissenschaftlichen Kreise das alles weitaus differenzierter. Wie alles kann BDSM krankhaft sein, dies gilt aber auch für Alkohol, Sex, Shopping, Essen und diverse andere Genüsse. Der Genuss allein macht die Krankheit nicht aus, sondern ob das jeweilige Ausleben krankhafte und damit schädliche Züge annimmt oder nicht. Wer Spaß hat an BDSM und keiner anderen Person Leid zufügt, der ist nicht krank, die Wissenschaft schränkt dies noch minimal weiter ein und will zudem, „dass die Person auch ohne BDSM sexuelle Freuden genießen kann.“ Naja, da ich auch Kuschelsex mag, muss ich mir selbst nach der Definition keine Sorgen machen, ich denke aber auch, diese Einschränkung dürfte in den nächsten zehn Jahren verworfen werden.

BDSM steht nicht für Gleichberechtigung
Alles ist natürlich eine Frage der Absprachen, aber ja, dieser Aussage muss ich zustimmen. Ich bin sehr froh darüber, in einem freien und demokratischen Land zu leben, in dem jeder Mensch, staatlich garantiert, die gleichen Rechte hat. Ob, wann und wo er diese Rechte einlösen will, soll aber bitte jedem selbst überlassen werden. Niemand wird gezwungen von seiner demokratischen Pflicht, wählen zu gehen, Gebrauch zu machen, aber bei jeder Wahl, für die er zugelassen ist, wäre dies möglich. Es ist also allein seine freie Entscheidung, diese Rechte zu nutzen oder eben auf sie zu verzichten. Gleichberechtigung kann nicht bedeuten, einen Menschen, der dies nicht will, dazu zu zwingen, seine Rechte auch wahrzunehmen. Wenn jeder also Herr über seine Rechte ist, kann er diese auch nach eigenem Gutdünken verwenden, einfordern, nutzen, abgeben und übertragen. Selbst wenn jemand im Rahmen einer TPE-Beziehung (Aufgabe aller Rechte durch den devoten Part) die Gesamtheit seiner Rechte an eine andere Person abtritt, wird er dadurch nicht wertlos. Ein devoter Mensch ist genauso viel wert wie ein dominanter, er hat alle Rechte, nur gab er diese, ganz oder teilweise, freiwillig auf und vertraute sie einem anderen an. Egal, wie weit das Ungleichgewicht in der jeweiligen Beziehung geht, beide Partner sind gleichwertig, denn ohne einander wäre die Sklavin eine ganz normale Frau und der Herr nur ein ganz normaler Mann. Erst durch die Ergänzung beider werden sie noch zu etwas anderem und das macht sie zwar nicht gleichberechtigt aber zumindest gleichwertig und ist das nicht viel entscheidender?

Kurz: BDSM ist weder gut noch böse… BDSM ist das, was du draus machst! ... Also mach das Beste draus ;-)


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