BDSM - kann es als Hobby bezeichnet werden?

Ein Artikel über BDSM, Monogamie, offene Beziehungen und dem Wort Hobby, das hier irgendwo berechtigterweise seinen Platz findet. Dieser Artikel ist vor allem für diejenigen unter Euch gedacht, die ihren Partner nicht zu verstehen scheinen, wenn es darum geht die Beziehung aufgrund von BDSM zu öffnen. Der Artikel soll auch eine Hilfe für diejenigen sein, die damit hadern ihren Partner mit dem Thema der offenen Beziehung zu konfrontieren und keine Worte finden ihre Sehnsüchte rational zu beschreiben.

Rede ich mit Menschen über das Thema BDSM verbunden mit einer offenen Beziehung, spüre ich allzu oft eine Wolke des Unverständnisses über dem Gespräch schweben. Viele Menschen scheinen gefangen zu sein in den von der gesellschaft vorgegebenen Definitionen. Sie vergleichen BDSM zurecht mit Intimität und stoßen mit ihren Gedanken gegen die Mauer der Monogamie. Denn wieso wird eine sexuelle Neigung mit jemandem anders ausgelebt, als mit dem Partner? Wie kann man im einen Moment eine emotionale Liebesbeziehung führen und im nächsten zu einem/einer Dom oder einem/einer Sub gehen, um seine Neigung auszuleben? Wie lässt sich dies rechtfertigen? Wie ihr merkt, rutsche ich jetzt schon in eine Diskussion über Monogamie, doch das war gar nicht das Ziel dieses Artikels. Und trotzdem scheint alles irgendwie miteinander verwoben zu sein. 

Zeit, einen Schritt zurückzutreten. Denn wie passen die Themen BDSM, offene Beziehungen und die Definition eines Hobbys zusammen?

Verfolgt ihr meinen Blog schon länger, so wisst ihr, dass ich bereits darüber geschrieben habe, wie schwer es sein kann sich seinem Partner zu öffnen und daraus folgend die Neigung auszuüben. Wenn man Glück hat, empfindet der Partner genauso wie man selber, dann endet die Geschichte genau hier. Doch wenn man Pech hat, empfindet der Partner eben anders. Und das ist keine Schande, denn jeder Mensch hat seine Vorlieben und jeder Mensch ist ein Indivuduum. Doch eine Neigung ist keineswegs ein Gegenstand, den man wieder getrost in den Schrank räumt, wenn er keine Anwendung findet. Es handelt sich hierbei um eine Sehnsucht, einen inneren Impuls, dem wir auf kurz oder lang folgen möchten. Dieser Impuls ist, und das ist das wichtigste an dieser Stelle, unabhängig vom Partner. 

Wir möchten also dieser Sehnsucht nachgehen, finden aber keinen Anhaltspunkt in unseren Alltag. Wir verlieren uns irgendwo zwischen Träumen und Realität, bis wir erkennen, dass es nur einen Ausweg gibt: das öffnen der eigenen Beziehung. So gut das Verdrängen am Anfang klappt - ich versichere Euch, dass sich die Sehnsucht stets einen Weg an die Oberfläche graben wird. Und hier stoßen wir wieder auf die vordefinierten Werte unserer Gesellschaft, denn das Öffnen einer Beziehung bedeutet für viele Menschen nur eines: die eigene Beziehung steht kurz vor dem Zusammenfall. Vielleicht ist dies bei einigen Menschen tatsächlich ein Grund, oftmals aber möchten die Partner sich Wünsche erfüllen, die in der eigenen Beziehung nicht erfüllt werden können. Logisch, dass dies mit dem Scheitern einer Beziehung verglichen wird, schließlich wurde uns doch jahrelang erzählt, dass es nur der eine Partner sein darf.

Bis dass der Tod uns scheidet. 

Totaler Quatsch! Denn das öffnen einer Beziehung bedeutet bei Weitem nicht, dass die Beziehung schief läuft, wir unserem Partner schaden wollen, oder wir fremdgehen. Die Voraussetzung: eine ehrliche und vertrauensvolle Kommunikation. Während der eine Partner nämlich eine offene Weltanschuung vertritt, kann der andere Partner es ganz anders sehen. Und das wird in den meisten Fällen auch so sein. Denn,während der eine einen Druck verspürt, hat der andere Angst etwas zu verlieren (danke Gentledom für diese weisen Worte). 

Und besser als Gentledom hätte ich es gar nicht beschreiben können. Wir verlangen etwas von unserem Partner, das er aber nicht erfüllen kann und meist auch nicht erfüllen will. Doch dieser bereits genannte Impuls lässt sich nun mal nicht verdrängen. Und hier kommt das Hobby ins Spiel. Manche haben das Bedürfnis Sport zu machen, manche Schach zu spielen und manche BDSM zu praktizieren. Zugegeben: es ist ein äußerst intimes Hobby, das wir nicht mit jedem teilen wollen. Aber das möchten wir auch beim Sport oder Schach nicht. :)

Die Definition, die ich oben genannt habe, passt aber optimal. Denn für Menschen, die ihre Beziehung öffnen, bedeutet das Ausüben dieser Neigung eben nicht fremdzugehen, dem Partner zu schaden, oder weniger Liebe für ihn zu empfinden. Ganz im Gegenteil. Es bedeutet einem Impuls nachzugehen, den man eben mit einer anderen Person teilt. Der Spielpartner ist dann kein Laufpartner, sondern ein BDSM Partner. 

Hier entsteht natürlich die bereits genannte Angst des Beziehungspartners, schließlich gibt der Spielpartner genau das, was er selber nicht geben kann. Es entsteht also ein Band zwischen den beiden Spielpartnern - ein Band, von dem der Beziehungspartner kein Teil mehr ist. Man sorgt sich um potenzielle Gefühle, Emotionen und auch um Liebe, welche das eigene Band, das doch so lange die gemeinsame Beziehung stabilisiert hat, zerreißen könnte. 

An dieser Stelle knüpfe ich mit meiner eigenen Meinung an, um es verständlicher zu erklären. Emotionen und Vertrauen MÜSSEN ein Teil des Spiels sein. Gefühle oder Liebe hingegen, welche sich natürlich auch erst nach einiger Zeit in den Vordergrund drängen können, sind fehl am Platz. Ein Mensch, der sich rational dazu entscheidet seinem Impuls, seiner Neigung nachzugehen, wird aber nicht mit diesen Gefühlen konfrontiert sein. Warum? Auf der Suche nach einem/einer Dom oder einem/einer Sub geht es nicht darum den Partner fürs Leben zu finden oder verschiedene Lebensbereiche miteinander zu teilen. Es geht um die gemeinsame Neigung. Sind die Grundvoraussetzungen gesetzt und auch das Vertrauen aufgebaut, so versichere ich euch, dass beide Spielpartner dazu in der Lage sind, ihre Neigung ohne Liebesgefühle auszuüben. Und auch wenn sich Gefühle entwickeln, was natürlich vorkommen kann, wird auch darüber geredet und die Spielbeziehung beendet. Denn, wie schon gesagt, geht es nicht darum einen Partner zu finden, sondern darum seine Neigung auszuleben. Bei jedem anderen Hobby wäre es ja auch so. Damit es klappt, muss aber selbstverständlich mit allen Parteien offen kommuniziert werden. 

Nun können böse Zungen natürlich behaupten, dass die Situation durch die Definition von BDSM als Hobby nur "Schöngerede" ist, denn schließlich geht es hierbei immer noch um Intimität, die nur durch den eigenen Partner zu erfüllen gilt. Es ist eine Ansicht, die zwar in vielen Köpfen gefestigt ist, aber lange nicht mehr als zeitgerecht definiert werden kann. Denn wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der wir alle perfekt sein müssen. Wir Menschen sind nicht dafür gemacht in allen Bereichen zu glänzen - und das macht uns aus. Daraus folgend können wir eben nicht alle Wünsche unseres Partners erfüllen und das ist auch gut so. Während der Lebenspartner eben zu 90 Prozent perfekt ist, erfüllt der Spielpartner die restlichen 10 Prozent. Wie ihr seht, geht es hierbei nicht um tiefgreifende Gefühle, sondern lediglich darum, uns selber zu verwirklichen. Die eigene Beziehung, in der die zehn Prozent gefehlt haben, werden ergänzt. In der Produktion sieht es ja auch nicht anders aus. Kein Gerät kann zu 100 Prozent alle Schritte vollziehen. Erst die Kombination mehrerer Geräte macht den Prozess vollkommen. Und genau so ist es im Leben auch. Warum sollten wir denn nicht die 100 Prozent erreichen dürfen? Dafür ist ein Menschenleben doch da. Es geht um uns. Und keinen anderen. 

Um meine beschriebene Ansicht verstehen zu können, müssen erst mal einige Mauern eingerissen werden, die unsere Gesellschaft über Jahrzehnte aufgebaut hat. Tretet einen Schritt zurück und betrachtet Euch und Eure Beziehung. Ihr werdet sehen, dass diese durch gute Kommunikation und Vertrauen absolut keinen Schaden nimmt. Im Gegenteil. Eine gut funktionierende Beziehung wird niemals an einem Hobby scheitern. Auch wenn das Hobby (ich gebe es ja zu), etwas außergewöhnlich ist. 

Übrigens habe ich (wie ihr ja weiter oben schon gesehen habt) mit Gentledom über das Thema gesprochen, da er hier weitaus mehr erfahren ist, als ich es bin. Er gab natürlich den Tipp, stets offen zu kommunizieren. Auch ich sehe dies als wichtigsten Punkt. Ein weiterer Tipp, den ich äußerst interessant finde ist der, seinen Spielpartner so rauszusuchen, dass es niemals zu einer Beziehung kommen wird. Sei der Spielpartner einfach vergeben, oder nicht Euer Typ. Ihr könnt solche Voraussetzungen mit dem Partner diskutieren. Diese Einigung wird Eurem Partner Eure Entscheidung bestimmt um einiges leichter machen.  Dadurch kann auch besser verstanden werden, dass es primär um das Ausleben der Neigung geht und sekundär um die Person dahinter. Was nicht heißt, dass der Spielpartner irrelevant ist. Bei diesem geht es dann aber um das Vertrauen und das gemeinsame Grundverständnis des Auslebens. 


Kommentare:


Gentledom schrieb am 04.11.2019


Huhu Ceerny,

wie schon geschrieben, habe ich da eine andere Meinung. Jedoch kenne ich nicht gerade wenige Subs, die deinem oder einen ähnlichen Argumentationsstrang verfolgen. Immer gleich ist eben das Argument, man nimmt dem Partner nichts weg. In der letzten Unterhaltung zu dem Thema, die noch gar nicht so lange zurück liegt, war es beispielhaft das Argument, dass die Sache mit dem anderen Dom ja gar keine Beziehung sei, da es keine Zukunft haben kann und somit der Beziehung und der Liebe zu dem eigentlichen Partner nichts weggenommen wird.

Wie gesagt, deine Gedanken sind alles andere als selten und daher freue ich mich sehr, diese Ansicht hier im Projekt auch präsent zu haben.

Ich finde den Vergleich mit dem Hobby falsch, da man damit alles zu einem Hobby erklären könnte. Wäre es mein Anliegen mit möglichst vielen Frauen ungeschützt zu schlafen, kann ich auch nicht sagen, hey aber das ist mein Hobby, das muss ein Partner akzeptieren. Auch finde ich es ebenfalls falsch zu sagen, das ist OK, weil es keine Zukunft hat und damit dem Partner nichts weggenommen oder die Beziehung gefährdet wird. Eine Beziehung ist eben ein Bund von (mindestens) zwei Menschen und jeder von diesen kann seine NoGos aufstellen. Wenn mein Partner also sagt, es ist ein NoGo, dass ich mit anderen Sex oder BDSM habe, gibt es nur drei Möglichkeiten. Ich akzeptiere seine Grenze, ich trenne mich, oder ich ignoriere die Grenze ohne sein Wissen und Einverständnis.

Beschränke ich meine Sexualität nicht auf meinen Partner so verändert sich die Beziehung. Mitnichten muss es aber eine negative Änderung sein. Ich kenne es von mir, ich hatte monogame Beziehungen und weiß, dass mein Sexualtrieb in diesen jeweils stark nachgelassen hat und BDSM für mich uninteressant wurde. Eine weitere Frau hätte also auch für meine Partnerin durchaus nicht nur Nachteile gehabt, denn auch unser Sexleben wäre wieder weit aktiver und bdsmiger gewesen. Dennoch obliegt es in meinen Augen dem Partner, ob eine solche Freigabe erteilt wird oder eben nicht.

Den Tipp mit der offenen Beziehung die als NoGo jede Art von Sexualpartnern ausschließt, die potentielle Partner sein könnten, kann ich wirklich nur empfehlen. Meine ehemalige Lebensgefährtin hat genau diese Bedingung bezüglich meiner Spielbeziehungen aufgestellt und ich kann es gut nachvollziehen. Ich habe daher damals nur Spielbeziehungen mit vergebenen oder Frauen in einem Alter gehabt, bei welchem ich mir eine Liebesbeziehung nicht vorstellen konnte. Dies gab meiner Partnerin die Sicherheit, dass sie sich durch die (damals einseitige) Öffnung der Beziehung keine Konkurrenz ins Bett holt.

Liebe Grüße

Gentle


Antwort auf diesen Kommentar

Huhu Gentle,

 

danke für deine sehr ausführliche Antwort und deine kritischen Gedanken. Ich habe mich sehr gefreut Deinen Kommentar zu lesen. :-)

Es ist ein Thema, von dem ich ganz sicher war, dass es viele Meinungen aus sich rauslocken wird. Und du hast völlig recht: das Wort Hobby kann in dem Sinne auch missbraucht werden und Dinge rechtfertigen, welche völlig inakzeptabel sind. Wenn mein Partner in der Beziehung die Monogamie als Grundvoraussetzung ansieht, habe ich das zu akzeptieren - oder eben nicht und verlasse sie oder ihn. Auch da stimme ich Dir zu. Der Schlüssel ist hierbei, wie immer, die Kommunikation.

 

Vielleicht basiert meine Meinung auch einfach auf der Tatsache, dass ich BDSM bisher nur mit Spielpartnern praktiziert habe und es für beide Parteien als unverbindliche Zusammenkunft gesehen wurde. Es gab immer eine gewisse Freiheit, die natürlich in Beziehungen nicht gegeben ist (wenn kein BDSM praktiziert wird, der Wunsch aber besteht). Und trotzdem ist es, vor allem durch die Vergangenheit geprägt, ein Hobby für mich (glaub mir, an dieser Stelle habe ich krampfhaft versucht ein anderes Wort für Hobby zu finden): eine Tätigkeit, bei der ich Abschalten kann, die mich erfüllt, ein Hobby, das ich vielleicht sogar ganz für mich habe und nicht mit meinem Partner teilen kann oder möchte (soll auch vorkommen). Ich finde übrigens, dass viele Personen, die BDSM praktizieren viel offener gegenüber Spielpartnern oder auch offenen Beziehungen sind und ich hatte nicht selten die Diskussion mit nicht BDSMlern. Für mich war es einfacher es so zu erklären. Wobei ich dir Recht gebe: das Wort Hobby ist in dem Zusammenhang vielleicht eine Gratwanderung.

 

So oder so (und das möchte ich nochmal klar stellen), muss all das mit dem Partner besprochen werden. Die Grenzen in der Partnerschaft sollten niemals ignoriert oder übergangen werden, denn das gegenseitige Verständnis ist hierbei besonders wichtig.

 

Vielleicht ist das Wort Hobby aber auch nur eine Rechtfertigung für eine Freiheit, die so schmerzlich vermisst wird. Wer weiß. Ich werde es nochmals analysieren und komme dann wieder auf dich zu. :D

 

Liebe Grüße

Mia

 

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    Ceerny
    Willkommen auf dem Blog der unendlichen Vielfältigkeit, mit einen guten Mix aus Realität und Fantasie. Setzt den Teekessel auf und habt viel Spaß beim Lesen. :)
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