Zu viele Sicherheitshinweise

Dieses Projekt ist ins Leben gerufen worden, um über Gefahren aufzuklären, und ich glaube, das ist uns recht gut gelungen. Wer sich informieren will, findet hier eine große Anzahl an Sachartikeln und anderen Texten zu diversen BDSM Spielarten und auch Sicherheitskonzepten.

Was ich aber gerade dort, wo sich jüngere BDSMler tummeln, immer wieder sehe, ist eine gewisse Übersättigung mit Sicherheitshinweisen und eine Art Stigmatisierung, wenn man diese Hinweise in Zweifel zieht oder gar kritisiert. Ich glaube, zu viele Hinweise sind besser als zu wenig, aber wie mein Großvater zu sagen pflegte, etwas mit einem „zu“ davor ist selten gut. Wenn ich lese, dass Leuten allen Ernstes ans Herz gelegt wird, für normalen SM doch bitte erst mal einen Workshop zu besuchen, oder die Planung eines Rapegames nur möglich ist, wenn beide eine ganz innige Beziehung führen, sich supergut kennen und über sehr viele Monate, wenn nicht gar Jahre, erst einmal genug Vertrauen aufgebaut wird, dann ist das eine Fehlentwicklung.

Es gibt sehr aussagekräftige Studien aus den USA zu ungewollten Schwangerschaften. Diese treffen vor allem jene Menschen, die gar nicht aufgeklärt werden und danach jene, bei denen Sexualität stigmatisiert und als belastet dargestellt wird. Ich habe das Gefühl, dass die neuste Generation an BDSMlern aus sehr vielen Ecken hört „Das ist zu gefährlich“, „Das kann man nicht machen“, „So geht das doch nicht“, was in meinen Augen eine Art Stigmatisierung von BDSM ist, das nicht unter einen angeblich allgemeingültigen Kanon fällt. Nicht jeder von uns ist aber dafür geboren, immer nur SSC zu spielen oder auch immer vernünftig zu agieren.

Niemand kann die Menschen zwingen, diesen und immer nur diesen vernünftigen Weg zu gehen und genau dann kommen die echten Gefahren beim BDSM auf. Wenn wir jeden Weg, der nicht dem SSC Kanon entspricht, direkt mit einem Stigma versehen, dann fehlt es genau bei jenen, welche Aufklärung am dringendsten nötig hätten, an ebendieser.

Zu der Stigmatisierung gehört zum Beispiel die Bezeichnung von Leuten als DummDoms, die BDSM extremer, naja mitunter in meinen Augen alles andere als extrem, ausleben wollen (Beispiel). Dabei vergessen die Leute schnell, dass nur weil jemand ein Rapegame planen oder eine TPE Beziehung führen will, diese Person nicht automatisch kopflos oder gar verantwortungslos ist. SSC (Ausschluss aller Risiken, wie auch immer man wirklich alle Risiken ausschließen kann, meine Meinung hierzu) ist der Standard für Anfänger, aber es ist wichtig zu zeigen, dass SSC nicht die einzige Variante beim übergeordneten Sicherheitskonzept ist. Rack (bewusstes Eingehen gewisser Risiken nach umfassender Aufklärung) ist nicht falsch oder schlecht, ich glaube sogar, dass jene, die für sich in Anspruch nehmen, BDSM im Kontext Rack zu betreiben, oft sicherer spielen als jene, die sagen, sie machen alles SSC, zumindest sobald das jeweilige BDSM nicht nur an der Oberfläche der Möglichkeiten kratzt. Kaum eine intensive BDSM-Beziehung wird wirklich unter den Begriff SSC, wie er eben allgemein definiert ist, fallen und nur weil man sich dann eine Art nicht geprüftes Label gibt, bedeutet das nicht, dass es durch das Label sicherer wird. Die Leute, die Rack betreiben, setzen sich häufig deutlich aktiver mit den Risiken auseinander und sehen damit auch Risiken, die andere vielleicht übersehen.

Die Anwendung von Standards wie SSC und Covern bringen eine Sicherheit mit ins Spiel, aber sie können das Spiel dennoch nie zu 100 % sicher machen. Mitunter bewirken sie sogar genau das Gegenteil, wegen falscher Anwendung oder sich in falscher Sicherheit gewogen wird. Auch ich glaube, dass es unter jenen, die ein Rapegame, mit einer eher unbekannten Person oder eine TPE Beziehung planen, deutlich mehr Dummdoms und gefährliche Persönlichkeiten geben wird als eben bei jenen, die das nicht planen. Dennoch macht eine solche Planung nicht aus jedem Planer direkt einen Dummdom/pathologisch Irren. Wer also so etwas in einem Forum oder einer App sieht, der sollte ruhig das Konzept dahinter kritisch hinterfragen und Schwächen dabei aufdecken, um diese auch unerfahreneren BDSMlern aufzuzeigen, deren Kopfkino heißlaufen mag. Die pauschale Verurteilung hingegen ist dumm, intolerant und wird nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit für die BDSM-Gemeinde führen, zumal eine inflationäre Verwendung des Begriffs Dummdom auch zu einer Abstumpfung bei Lesern und Hörern führen wird.

An dieser Stelle packe ich mich auch an die eigene Nase. Sehr viele Jahre habe ich hier auf der Seite selbst manches unter den Tisch fallen lassen, da ich meinte, nein, wenn ich zum Beispiel schreibe, dass ich schon eine annähernde TPE Beziehung hätte es dann so verstanden werden können, dass, wenn der Gentle das macht, das ja nicht so gefährlich sein kann.

Die einzige TPE Beziehung, die ich geführt habe, war nicht als solche geplant, und als es sich für uns in diese Richtung entwickelt hat, haben wir uns Gedanken zur Sicherheit, eine Exitstrategie, den wenigen Ausnahmen usw. gemacht. Ich dachte an der Stelle, als ein mögliches Vorbild für manch einen Anfänger, sollte ich eben so etwas besser nicht schreiben, einfach um nicht den Eindruck zu erwecken, solch eine Beziehung sei normal oder gar ungefährlich. Ich glaube und erfahre es über dieses Projekt weiterhin immer wieder, dass TPE Beziehungen oft für Sub alles andere schadlos enden, aber es gibt eben auch andere, die beide erfüllen und bei einem Ende auch rückblickend eine Erfüllung waren. BDSM ist bunt und solange sich informierte Menschen mit einem gesunden Verantwortungsgefühl dabei begegnen, ist sehr viel möglich. Animieren wir doch die anderen dazu, selbst zu denken, kritisch zu hinterfragen und sich aktiv mit Risiken, aber auch Chancen auseinanderzusetzen, anstatt ihnen unser BDSM Konzept aufzudrängen.

Gibt es also zu viele Sicherheitshinweise, wie die Überschrift vermuten lässt? Nein, die gibt es nicht! Die ideale Aufklärung ist aber eine umfassende und keine einseitige. Wer keine Angst hat, der sieht keine Gefahren und das wäre gefährlich, wer aber zu viel Angst hat, der erstarrt und wird keine neuen Erfahrungen sammeln. Letzteres ist weniger problematisch als die erste Option, aber beide sind eben nicht die Idealwege. BDSM ist bunt und es gibt nicht nur erfahrene (BDSM) Hasen, zu denen zum Beispiel Rack besser als SSC passt.

Ich will die Uhr nicht zurückdrehen. Dennoch bin ich sehr froh, mein BDSM spielerisch entdeckt zu haben, ganz ohne Bücher, Workshops oder Onlineseminare. Ich habe mir selbst Gedanken gemacht, was ich verantworten kann, habe mich selbst gefragt, wo Risiken liegen, habe innerhalb meiner Partnerschaft aktiv über Wünsche und Ängste kommuniziert. Wenn ich mir mal bei einer Spielart unsicher war, hatte ich Szenebekanntschaften, die ich einfach und unkompliziert fragen konnte und die mich eben kennen und für die ich nicht nur ein anonymer Nick ohne wirkliche Hintergrundinformationen war. Diese Leichtigkeit und den Spaß der eigenen Entdeckungsreise wünsche ich jedem Anfänger. Mein BDSM ist geprägt durch meine Lust, mein Verantwortungsgefühl und zu einem sehr starken Teil auch durch meine Partnerinnen.


Kommentare:


yRUsNnfVCZXDv schrieb am 12.10.2020


Schön, dass auch dieses Thema hier mal angesprochen wird!


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Gern geschehen, Themenvorschläge kann man mir jederzeit gerne übermitteln :)

Marquis le deuxième schrieb am 28.09.2020


Danke für den differnzierenden EP.. Und richtig, wichtiger als alle Warnungen ist das vermitteln und aufklären von grundlegendem Wissen der anatomischen und auch pschologischen Backgrounds der Spielarten.
Ich habe vor vielen Jahren mal den Satz geprägt. Zitat von meiner Webseite anno: 1992;

*Um BDSM auszuleben braucht es Charaktere, die in der Lage sind sich selbst zu ertragen, so auch die Konsequenzen ihres Handelns.*

Gelebtes SM ist mehr als nur Kick einer Neigung. Es ist der verantwortungsvolle, ehrliche Umgang mit Veranlagungen, Neigungen und Menschen gleicher oder ähnlicher Veranlagung zum Zweck des auslebens intensiver Lust und Emotionen nahezu jeder Art.
.
Sado-Masochismus, jede dieser Neigungen kann unkontrolliert zu jeder Zeit eskalieren und zu körperlichen und seelischem Schaden führen.

Der bewuste Umgang, Verständnis, Vernunft und gegenseitiges Lehren und Lernen, Toleranz, Fairnes und Ehrlichkeit bilden das Plateau der Verantwortung. Somit auch die einzige Schadensbegrenzung für Körper und Seele beim "intensiven, exzessiven, Leben und Ausleben" dieser Veranlagungen und Neigungen.

Daran hat sich aus meiner Sicht bis heute nichts geänderte und ich händele das ebenfalls bis heute so.


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Danke für deinen Kommentar :)

Carsten schrieb am 28.09.2020


Ich habe gerade einen Beitrag von dir im Forum gelesen, in dem du schreibst, dass Metokonsens sehr schnell zu einer Strafbarkeit des Doms führt. Wenn du selbst sagst, dass es zu viele Sicherheitshinweise gibt, warum betonst du denn bitte schön diese Strafbarkeit immer wieder?


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Ich bin mal so frei und kopiere meinen Text rein, bevor ich auf deine Frage eingehe:

 

"Jein, also wer ohne Safeword spielt macht sich strafbar, sobald der Konsens nicht vorliegt, man kann dies auch nicht vertraglich oder durch den Metakonsens ausschließen. Wenn Sub also zeigt sie will XY nicht und Dom macht es, macht Dom sich strafbar, auch nachträglich kann (im Gegensatz zum Zivilrecht) keine nachträgliche Einwilligung gegeben werden (vorsorglich ohne Rücktrittsmöglichkeit geht es eh nicht). Ergo liegt eine Straftat vor wenn Sub das Safeword sagt und Dom weitermacht oder eben Sub kein Safeword hat aber es in dem Moment die Handlung nicht will. Wobei wenn es niemand mitbekommt und es beide so wollen, wird es keine Anzeige geben, gefährlich wird es ohne Safeword meist für den Dom erst dann, wenn eine Beziehung endet oder zumindest kriselt.

 

Aber auch wenn es faktisch sehr schnell eine Straftat sein mag, wenn metakonsensual gespielt wird, habe ich auch ein Problem damit, Doms die Metakonsens betreiben als Straftäter zu bezeichnen, zumindest wenn es eben das ist was auch Sub will und keine kognitiven EInschränkungen bei Sub vorliegen. Daher bin ich hier auch nicht von einem Metakonsens ausgegangen sondern von einer normalen BDSM Beziehung. "

 

Gerade weil es immer noch genug BDSMler gibt, die glauben Metakonsens sei legal, ist es wichtig hier die Rechtslage klipp und klar zu benennen, wäre das in einem Posting vor meinem erfolgt, hätte ich dazu wahrscheinlich nicht mal etwas geschrieben. Der Unterschied zwischen Rack und Metakonsens ist nicht nur die Art der Umsetzung sondern auch die Legalität, das eine ist legal möglich, das andere eigentlich nicht. Ich verurteile Metakonsens nicht, im Gegenteil habe ich ein Problem damit hier von einem Straftäter zu sprechen, weil es sich für mich falsch anführt, aber ein Verstoß gegen strafrechtliche Normen würde diesen Ausdruck eben erlauben.

 

An der Stelle kläre ich lediglich über die Rechtslage auf, was ich aufgrund meines Berufs, meiner Neigung und meines Studiums eben besser machen kann als andere. Ich verurteile den Metakonsens nicht, wer das so ausleben will, soll das machen aber ich bin hier eben auf dem Standpunkt, dass man das nur vernünftigerweise machen kann, wenn man sich auch mit den juristischen Aspekten auseinandergesetzt hat.

SchattengestaIt schrieb am 28.09.2020


Ein sehr schöner und differenzierter Kommentar. Danke dafür!


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Danke für deinen Kommentar :)

Fanti schrieb am 23.09.2020


Wow, danke für diese direkten und offenen Worte. Gerade in letzter Zeit konnte ich mich mit einigen Tendenzen nicht mehr identifizieren und habe mich zurückgezogen.
Der Definitions- und Abgrenzungswahnsinn kannte keine Grenzen mehr und wirkte auf Anfänger eher abschreckend als einladend diese "Welt" zu entdecken. Wo bleibt da die Lust am Entdecken, die Freude gemeinsam neue/andere Wege zu gehen, wenn man immer wieder über Fallstricke stolpert, die sagen/meinen/denken, dass x nur x ist wenn gewisse Dinge erfüllt werden.
Sicherheit, auch so ein Thema. Klar gibt es Risiken, jedoch frage ich mich manchmal, wo bleibt da der gesunde Menschenverstand. Doms die angeblich nicht nach einer Session 24/7 zur Verfügung stehen oder gerade nicht richtig zwischen den Zeilen interpretieren, dass Sub gerade ein Tief hat, werden sehr schnell als DummDoms bezeichnet. Subs, die beim ersten Treffen ins Hotelzimmer gehen oder ins Auto steigen um zu Spielen und sich danach schlecht fühlen werden erstmal bemitleidet. Wäscht man diesen mal ganz vorsichtig den Kopf, wird man angegangen, dass man die Opfer zu Tätern macht.
Jeder sollte sich bewusst sein auf was er sich einlässt und seine eigenen Risiken abwägen. Niemand kann das Bauchgefühl eines andern lesen. Ich kann, wenn der Kontakt im Vorhinein gut war und ich mich wohl dabei fühle, beim ersten Date spielen, muss mir aber im Gegenzug bewusst darüber sein, dass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief geht höher liegt als bei einem öffentlichen Treffen. Letztendlich ist aber immer noch meine Entscheidung zu der ich stehen sollte.
BDSM ist nicht nur bunt, es ist auch nichts besonderes, sondern eine Interaktion zwischen zwei Menschen die sich kennen oder gerade erst kennenlernen, nicht mehr und nicht weniger.


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Danke :)

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