Ich trete beruflich und privat und dann eben komplett ohne BDSM Bezug immer mal wieder im Radio und im Fernsehen auf, zuletzt vor wenigen Tagen in einem mehrminütigen Einzelinterview in einem öffentlich-rechtlichen Format. Mein Gesicht und meine Stimme sind dadurch kein rein privates Merkmal mehr, sondern bereits Teil öffentlich zugänglicher Archive. Gleichzeitig gibt es heute zahlreiche Plattformen, Podcasts und Community-Formate, auf denen man Audiobeiträge einstellen kann, von kurzen Grüßen bis hin zu sehr persönlichen Gesprächen. Ein BDSM-Podcast bietet einen Valentinstags-Special an bei dem man eine Art Audiosuchanzeige aufgeben kann und meine Partnerin brachte die Idee auf, gemeinsam etwas beizutragen und darüber vielleicht jemanden kennenzulernen, der unsere Beziehung ergänzen könnte. Eine intime, direkte Form der Kommunikation, ehrlich, menschlich, ohne Bilder, ohne (Künstler-)Namen. Das könnte durchaus klappen, gerade da es mir meist leichter fällt nicht als Gentledom jemanden zu finden, sondern einfach als ein BDSMler, irgendwie wurde die Hemmschwelle vieler mit den Jahren und der Bekanntheit des Projekts immer höher, auf der einen Seite verständlich, auf der anderen aber auch irgendwie nachvollziehbar.
Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker drängte sich eine andere Frage auf: Wie anonym ist eine Stimme heute eigentlich noch und wie lange wird sie es bleiben? Bei dem Podcast ist noch der erste Beitrag von vor sehr vielen Jahren abrufbar. Unter dem Aspekt, dass die menschliche Stimme ist kein austauschbares Medium ist, da es ganz individuelle Tonlagen, Sprechtempo, Betonungen, Pausen und Sprachrhythmus gibt, welche zusammen ein sehr einzigartiges Sprachmuster geben. Nicht ohne Grund wird die Stimme schon seit Jahren als biometrisches Merkmal genutzt und hat sogar schon Täter vor Gericht überführt und wird schon länger auch bei sprachbasierter Authentifizierung genutzt. Was sich derzeit rasant verändert, ist die Fähigkeit von KI-Systemen, solche Muster über große Datenmengen hinweg zu vergleichen und zuzuordnen.
Öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehauftritte liefern dabei dummerweise auch noch besonders hochwertiges Vergleichsmaterial, saubere Tonqualität, klare Sprache, archiviert, oft dauerhaft abrufbar. Wenn dieselbe Stimme an anderer Stelle erneut auftaucht, etwa in einem Podcast, einer Audiogruß-Funktion oder einem Community-Beitrag, entsteht ein potenzieller Anknüpfungspunkt. Heute ist eine solche Zuordnung noch aufwendig und fragmentiert. Doch realistisch betrachtet wird sich das in den kommenden fünf bis zehn Jahren deutlich verändern. Dann werden KI-gestützte Systeme nicht nur einzelne Plattformen durchsuchen, sondern Audioinhalte, Sprachmuster und thematische Überschneidungen korrelieren und Wahrscheinlichkeiten ausgeben. Es wird vermutlich nicht heißen: „Das ist diese Person“, sondern: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um dieselbe Stimme.“ Für Neugier, Recherche oder Grenzüberschreitungen reicht das vollkommen aus und man darf hier nie die menschliche Neugier unterschätzen.
Rechtlich existieren zwar bereits jetzt gute Schutzmechanismen wie dem Datenschutz, Zugriffbeschränkungen und den Persönlichkeitsrechten, doch ihre Wirksamkeit endet oft an der EU-Außengrenze. Was habe ich davon, dass eine deutsche KI nein sagt, wenn jeder Nutzer eine KI aus einem Teil der Welt nutzen kann, wo diese Regeln nicht gelten und diese KI kann eben auch auf die deutschen Inhalte im Internet zugreifen. Was als freiwilliger, erwachsener Austausch gedacht ist, kann Jahre später in einem völlig anderen Licht erscheinen, auffindbar, rekontextualisiert, verknüpft mit einer Identität, die man eigentlich trennen wollte. Die gemeinsame Überlegung zur Partnersuche hat mir deshalb etwas sehr Grundsätzliches vor Augen geführt nämlich, dass Anonymität im Audio-Bereich kein stabiler Zustand mehr ist, sondern eine zeitlich begrenzte Wahrscheinlichkeit. Solange niemand sucht, bleibt man unerkannt. Doch sobald Vergleichsmaterial existiert und ein Motiv hinzukommt und sich die technischen Möglichkeiten immer weitern entwickeln kippt diese Annahme wahrscheinlich. Ich für meinen Teil habe immer sehr darauf geachtet, dass man maximal mit viel Recherche von Gentledom her auf meine Person kommen kann (wobei das schon sehr schwierig ist, nachdem ich diesen Schutz in den letzten vier Jahren nochmals deutlich erhöht habe), aber es sichergestellt ist, dass es anders herum eben nicht möglich wäre. Ich bin froh, dass eine Fernseh- und Radiobeiträge in denen ich als Gentledom zu hören waren, schon lange bevor das KI-Training gestartet hat, nicht mehr abrufbar waren.
Ich wäre neugierig, ob sich auch andere solche Gedanken machen, gerade in Bezug auf aktuelle Daten und deren möglichen Missbrauch in der Zukunft. Am Ende bleibt wie so oft die Frage offen, wie man sich zwischen Authentizität und Vorsicht, zwischen dem Wunsch nach Erweiterung der eigenen Beziehung und der Realität einer digitalen Öffentlichkeit, positioniert. Was die Partnersucht ausmacht, mal schauen wie sich das entwickelt :) wir haben Lust auf jemanden der unsere Beziehung ergänzt aber natürlich haben wir auch unsere Vorstellungen und da wo bei der klassischen Suche eine Übereinstimmung vorhanden sein muss, sind es in einem solchen Dreieck eben drei Übereinstimmungen, damit es eine stabile Basis gibt. Lustigerweise habe ich gerade die KI befragt, wo wir am besten eine Partnerin finden könnten, dabei tauchte Gentledom.de immerhin auf Platz 5 auf, aber 3 der 4 anderen Plätze waren Fetisch- und Swingerangebote und nach meiner Erfahrung ist das keine Umgebung bei der man als BDSMler wirklich fündig wird. Mal schauen, wann die KI gelernt hat, dass Fetisch und BDSM öfters miteinander in Erscheinung treten aber doch eigentlich zwei paar Schuhe sind :)
Vera schrieb am 02.02.2026
Ich mag deine Gedanken, sie sind oft tiefgründig und doch so klar. Aber ich würde mich sehr darüber freuen wieder mehr BDSM Inhalte zu lasen, also ganz klassisch und wenn es nur ist was du derzeit suchst, was dir fehlt, wohin deine Reise gehen könnte. Abstrakt ist gut aber kratzen, beißen, schlagen ist noch besser ;)
Liebe Vera, ich glaube da sprichst du nicht nur für dich, etwas anders formuliert aber in die gleiche Richtung gehend, habe ich das auch schon mal am Abend am Küchentisch gehört :) Ich muss mal schauen, Themenvorschläge werden gerne entgegengenommen :) Beste Grüße Gentle
Eduard schrieb am 01.02.2026
Obwohl ich mich mit KI beschäftige, ein Umstand, über welchen ich mir bisher keine Gedanken gemacht habe. Vor allem ist es ja so, dass heute schon Daten gesammelt werden, die derzeit noch keinen Nutzen haben, aber entschlüsselt werden könnten. Daher muss bei der Sicherheit immer der Zeitraum bedacht werden, bei welchem noch ein Schaden gegeben wäre im Falle einer zukünftigen Entschlüsselung. Harvest Now, Decrypt Later
Danke für deinen Kommentar!