Kreuzung von Raum und Zeit, 29.08.2008

Vor 10 Jahren waren wir ein Paar, vor fünf Jahren haben wir uns zuletzt gesehen. Er marschierte in mein Büro und ich servierte ihn eiskalt ab. Letzte Woche stöberte er mich auf einer Networking-Site auf und schrieb mich an. Da war keine Wut mehr in mir, kein Groll oder Vorwurf von mir an ihn vorhanden.

Gestern kam er (hab ja Urlaub und bin irgendwie in abenteuerlustiger Stimmung), brachte Brötchen mit und wir verbrachten Stunden auf meinem Balkon und redeten und redeten und redeten.
Zweimal krabbelte er auf allen vieren zu mir herüber, legte seinen Kopf in meinen Schoß und bat mich um Verzeihung für die Dinge, die er damals ... lang, lang ist´s her ... verbockt hatte. Obwohl er das irgendwie mehr oder weniger klamaukig inszenierte, tat es mir gut.
Ich legte meine Hand auf seinen Kopf, kraulte ihn und spürte, dass es dennoch ernst gemeint war.

Wir waren ehrlich zueinander, verdammt ehrlich. Reflektierten das DAMALS, unterhielten uns über frühere Bekannte: „Ja, geschieden.“ Ich nicke, es erstaunt mich nicht ...
Wir empfinden es beide so, als ob der ganze Zwischenzeitraum von damals zu heute auf eine Sekunde zusammenschrumpft. Alles ist wie früher, vertraut, und doch anders.
Mein Schädel kann nicht wirklich realisieren, dass er inzwischen verheiratet ist und zwei Kinder hat und wenn ich ehrlich bin, ist mir das auch egal.

Mit dem, was von UNS noch übrig ist, hat das reinweg gar nichts zu tun. Dennoch sind die Dinge, wie sie sind. Ich spüre, dass vielleicht jetzt etwas zum Abschluss kommen mag, dass eben all die Jahre brauchte ... wer will schon ermessen zu bestimmen, wann die Zeit für gewisse Dinge reif ist. Wenn sie reif ist, weiß man es einfach.

Wir lassen es fließen, lassen uns treiben ... reden, reden, reden. Ich kenne ihn gut, der Kern eines Menschen, sein Wesen, dass verändert sich ja irgendwie nicht wirklich. Schon immer hatte ich ein sehr gutes Gefühl für ihn und seine Authentizität, schon den kleinsten Anflug einer Lüge kann ich bei ihm erahnen ... das war immer sein Verhängnis ... ich konnte schon immer in ihm lesen.

Bequem in meinen Gartenstuhl gebettet nehme ich ihn mit allen Sinnen wahr, höre ihn, sehe ihn, fühle, dass das, was er sagt, wahr ist. Es dauert nicht lang und das Thema Sex kommt auf, es ist unabwendbar. Obwohl man meint, man könne steuern, ergötzt sich das eigene Innere an geheimen Hoffnungen, verwirft diese wieder mit allen Mitteln der Vernunft und doch, wenn es geschehen ist, weiß man irgendwie, dass es GENAU SO kommen musste, wie es kam.
Es gibt Momente, die sind in ihrer Unausweichlichkeit gnadenlos ... und gnadenlos schön.

Ich offenbare ihm, dass ich mich seit mittlerweile drei Jahren sehr für BDSM interessiere und es überrascht ihn nicht wirklich. „Dominant warst du ja eigentlich schon immer.“ Ich nicke, ja, aber auf den devoten Teil meiner selbst kommt er wohl nicht. Ich verbalisiere ihn, aber wenn dein Gegenüber automatisch den devoten Platz einnimmt, sich dir unterordnet, und es eben so ist, wie es ist, was soll ich da rangeln?

Die Chemie zwischen zwei Menschen ist eben die, die da ist. Vielleicht Naturveranlagung? Lässt sich das drehen? Ist eigentlich auch unwichtig ... wir lassen es einfach fließen ... ich genieße einfach, die Art, wie er mich anschaut, fast ein wenig wehmütig, ein bisschen sehnsüchtig ... und etwas in mir erhört ihn, antwortet ihm.

An manchen Tagen kreuzt sich Zeit und Raum, alles stimmt, Timing, Stimmung, Entspannungsfähigkeit ... tausend kleine Faktoren komponieren eine einzigartige Symphonie, die gewisse Dinge möglich macht.

Ja, wir sind dann irgendwann miteinander ins Bett gegangen. Haben uns neu erkundet und irgendwie wiedergefunden. Als er so nackt vor mir liegt, sage ich ihm, wie wunderschön ich ihn finde und wie damals, weiß er kaum mit solch einem Kompliment umzugehen.
Ich rieche an ihm, atme ihn tief ein, es amüsiert ihn, als ich ihm sage, dass sein bestes Stück wirklich, wirklich gut riecht ... oh, dieser wunderbare Zauber der Chemie ...

Heute, bei dieser ersten Begegnung zwischen uns, ist kein Raum für BDSM, das war reiner, sehr schöner, ungeheuer angenehmer Vanilla-Sex, den ich voll und ganz genossen habe. Ich war einfach zu ausgehungert, zu lange ohne ... und ich sage ihm, dass unsere heutige Begegnung auch nicht ausreicht, mich zu sättigen. Ihm geht es nicht anders.

Wir verabreden uns, doch ein leiser Zweifel bleibt. Ich weiß nicht, ob er das wirklich hinkriegt ... Job, Ehefrau und Kinder in Kombination mit einer anspruchsvollen Gespielin, die auf Dauer auch erfahrungsgemäß mit dieser Position nicht zufrieden sein wird, hat schon so manchen zu viel Kraft gekostet.

Es ist nicht meine erste Affäre mit einem gebundenen Mann. Seltsamerweise bin ich in Beziehungen monogam, es fällt mir auch nicht schwer. Weshalb ich dennoch ab und an irgendwie dazu bereit bin, die Rolle der Geliebten anzunehmen und eine zeitlang (und es ist IMMER begrenzt) auszuleben, obwohl sogar etwas in mir den Fremdgänger verachtet und versteht gleichzeitig, ist und bleibt mir vorläufig noch ein Rätsel.

Da ich nicht bereit bin, zukünftig auf BDSM zu verzichten, schenke ich ihm bei der Verabschiedung ein Buch. Mein Verlag hat mir vor einigen Tagen mal wieder zwei Belegexemplare geschickt, ein Sammelband verschiedenster BDSM-Short-Storys. „Geschichte Nr. 2 ist von mir.“
Er nimmt es und geht. Der Same ist gepflanzt, mal sehen, ob er aufgeht.

Meine Gedanken spazieren so vor sich hin. Wenn, dann sehe ich ihn eher als Sub. Er hat einen gewissen Hang zur Dramatik, wie ihn viele Subs pflegen. Doch ich habe dazu gelernt und keinen Bock mehr auf solche Szenarien.

Heute kann ich mit einem kurzen verbalen Peitschenhieb solchen Szenen ein Ende setzen. Umgekehrt, wenn ich „durchdrehe“, schaffen es die wenigsten, mich zur Räson zu bringen. Um es mal platt zu sagen – das geht mir ungeheuer auf meinen nicht vorhandenen Sack! Aber so ist es eben.

Gern würde ich mal wieder die Sub-Seite leben. Ich frage mich: Ist es möglich, sich einen Dom zu „züchten“, zu formen, ihn „dorthin wachsen zu lassen“? Ist das dann auch nicht irgendwie verquer ... so eine Art „topping from the bottom“ a la Wunschzettel-Dom?

Was mich kickt, ist unter anderem der ECHTHEITSGRAD ... den in solch einer Konstellation hinzubekommen, halte ich für schwierig. Ich verwerfe die Gedanken und turne in meinen Gehirnwindungen woanders rum.


Kommentare:


Noch keine Kommentare.

Einen Kommentar schreiben:

Bitte alle Felder ausfüllen!

Die e-mailadresse wird nicht veröffentlicht!
Dein Kommentar wird erst sichtbar nachdem er von einem Moderator freigeschalten wurde!
    Faye
    Faye ist derzeit zumindest virtuell untergetaucht. Daher wird es erst einmal keine neuen Veröffentlichungen geben. Der alte Blog bleibt aber bestehen und vielleicht greift sie diesen ja auch wieder auf. Ich denke aber sie schaut hier ab und an vorbei!
Die neusten Artikel
     
  •   Die Stalkerin und ich 01.10.2008
    Wir – der Jugendschutzbeauftragte und ich – haben ein kleines ... [mehr]
  •   Die Stalkerin - Teil 3. (Fortsetzungsgeschichte), 28.09.2008
    Es gab nur einen einzigen Avi Pasaro im Telefonbuch und den mit ... [mehr]
  •   Die Stalkerin - Teil 2. (Fortsetzungsgeschichte), 25.09.2008
    In ihrer Werkstatthalle lief entweder immer die Flimmerkiste oder das ... [mehr]
  •   Die Stalkerin - Teil 1. (Fortsetzungsgeschichte), 24.09.2008
    „Gabi Loky – wo ist dein berühmtberüchtigter Gott des Wahnsinns, der ... [mehr]
  •   Loslassen, 17.09.2008
    Ein Freund von mir hat meine Blogs gelesen und daraufhin erhielt ich ... [mehr]
Neue Kommentare