Märchentod, 10.09.2008

Ich bin aufgebracht! Ich, ich, das ist... ich kann nur stottern ... das ist wie eine umgekehrte Panik-Attacke, hochgewürgt und rausgekotzt und T. kann drei Kreuzzeichen machen, dass er grad nicht vor mir steht, sonst würde ich ihn verprügeln ... und das Schlimme ist, dass ich wusste, dass mir das, was grad in mir hochkocht, bevorstehen würde! Also, jetzt kotz ich halt `ne Runde ... schreiben und Papier würgen hat mir schon immer geholfen!!!

Aber ich fang mal vorne an ...

Der Alltag hat mich wieder ... alle Tage kauen sich gleich ... keine Exkursionen in Sicht, aber ich dachte nicht, dass es mich so hart treffen würde wie ne Comic-Figur, die eins mit der Bratpfanne verpasst kriegt und deren Schädel von kleinen Piep-Mätzen und Sternchen umflattert wird.
Wie heißt es so schön: Der Geist ist willig ... das Fleisch ist schwach.

So nach dem Motto: WE DO OUR VERY BEST haben wir uns am Montag den „Stress“ verpasst, uns zu treffen, haben sogar noch die Kurve gekriegt und sind direkt spazieren gegangen. War auch wirklich sehr angenehm, Frischluft um die Nase reinigt mir immer die Birne.
Wieder bei mir zu Hause angekommen, beide in dem Wissen, dass wir jetzt hier grad nicht „die Welt stemmen können“, weil wir nur gute zwei Stunden Zeit haben und beide einfach nur groggy sind, haben wir uns einfach nur so, um ein bisschen zu entspannen, aufs Bett gelegt. Und es war einfach nur schön, meine Hand lag auf seiner Brust und er hielt sie, wir waren irgendwie miteinander verbunden, hatten die Augen geschlossen und haben so vor uns hin geatmet.

Nun ja, aber Alltag wäre nicht Alltag, wenn nicht irgendwann sein Firmenhandy geklingelt hätte. Der Arme schleppt ja Mobiltelefon, Blackberry und Läppi immer mit sich herum und muss halt trotzdem arbeiten bzw. erreichbar sein, denn – und das ist mir so was von ekelhaft bewusst – wir ja immer, immer nur GESTOHLENE Zeit haben. Echt, wir Räuber ... ich sag nur Bonnie & Clyde (und die starben im Kugelhagel).

Jedenfalls, eigentümlich war, dass wir uns irgendwann einfach mal so in die Umstände des Abends ergeben haben, mehr als zu genießen, dass man beieinander war, saß nicht drin, inklusive des Damokles-Schwerts in Form der davon rennenden Uhrzeiger. Echt, Genuss und Zeitdruck sind keine Freunde und werden es auch nie!

Jedenfalls, aufgrund der Akzeptanz der Situation war die Erwartungshaltung gleich Null und wie es manchmal so ist, in dem Moment, in dem man „aufgibt“ ... öffnet sich der Nebelvorhang und lässt etwas durchblitzen, was eine Millisekunde vorher definitiv noch nicht ahn- und erfahrbar gewesen wäre, aber eben genau DANN.
Und sorry, wenn ich jetzt nur so wirres Gefasel zustande bringe, aber ich kriege es nicht anders auf die Kette, da es auch – MAL WIEDER – nicht von Worten abhängig war, sondern von dieser breiten Verbindung, die zwischen uns besteht und ein Satz ausreicht, um den anderen über das gesamte Heer von Dilemma und Glück gleichzeitig wissen zu lassen.

Eine unendliche Traurigkeit schlich sich in uns hoch, ein Gemisch aus diesem Wissen umeinander, von Verbundenheit, von einer Fülle an Gefühlen, die einen in ihrer Intensität fast überfluten, einer gnadenlosen Verzweiflung, weil sich die Kluft zwischen Wunsch und Verwirklichungsmöglichkeiten in ihrer ganzen Unüberbrückbarkeit auftat
. Der Satz aus einem Märchen drückt es für mich am ehesten aus: „Da waren zwei Königskinder ... die konnten nicht zueinander ...!“

Es war so seltsam, er versuchte Worte dafür zu finden, wie sehr in seinem Schädel alles rotierte, um Möglichkeiten zu finden, damit wir uns in nächster Zeit sehen könnten und ihm quoll die schiere Verzweiflung aus den Augen, als er nur betreten flüsterte: „Ich weiß einfach nicht WANN.“ Ich spürte einen riesengroßen Kloß im Hals und nickte nur, nahm ihn in die Arme und wollte ihn eigentlich entlasten, ihm den Druck nehmen, den ich ihm ja irgendwie gar nicht machte, sondern er selbst, aber dennoch, meine bittenden und hoffenden Augen kann ich auch nicht wirklich verbergen.

Und dann kamen die Worte nur so über meine Lippen gewispert, leise schlichen sie sich in sein Ohr und unsere Seelen sprachen miteinander: „Wenn ich dir sage, dass ich dich liebe, dann ist es mir tatsächlich das tiefste Bedürfnis, es dir zu sagen, auch wenn es sich verrückt anhören mag und diese Liebe auch nicht verlangt, dass plötzlich alles möglich sein müsste.“

Er schaute mir mit glasigen Augen bis auf den Grund meiner Seele und haucht lautlos die drei kleinen großen Worte und mir liefen Seele und Augen über wie das Meer.

„Aber das Leben läuft anders. Ich habe so viele verschiedene Arten von Liebe kennen gelernt und es geht mir hier nicht darum, zu hoffen oder zu wünschen, dass du deine Frau nicht liebst, geschweige denn deine Kinder. Du wirst sie lieben und ich kann auch fühlen, dass du mich liebst ... aber dass heißt nicht, dass jede Liebe auch gelebt werden soll und darf. Wir wissen beide so viel durch unsere Vergangenheit über Schuld und ... ach ... sind älter geworden, verantwortungsbewusster, reifer ... und trotzdem sind wir noch so verrückt, irgendwie alles zu riskieren, obwohl wir wissen, dass das nur Ärger gibt und der Preis zu hoch ist.“

Er unterbricht mich, küsst mich, als ob er nicht hören will, was ich sagen will, obwohl ich es eigentlich gar nicht sagen müsste, weil ich weiß, dass er weiß und er weiß, dass ich weiß ... es schmeckt so furchtbar nach Abschied. Irgendetwas in uns begreift scheinbar erst jetzt so richtig das Ausmaß...

Als wir am nächsten Tag miteinander telefonieren, frage ich ihn in einem Anflug von Unsicherheit und weil ich irgendwie nicht mehr richtig zuordnen kann, ob mir vielleicht meine Phantasie einen Streich gespielt hat: „Gestern ... da ist irgendwas passiert zwischen uns, oder?“ T. bestätigt. „WAS?“

Er weiß es auch nicht, wir wissen DAS, aber uns fehlen die Worte ... und trotzdem, wieder weiß ich, dass er weiß, dass er weiß, dass ich weiß ... alles ohne Worte ... und da ist er wieder, der Nebel ... der Schleier hatte sich ganz, wirklich ganz kurz aufgetan und gelichtet, nur um wieder zuzufallen, das Geheimnis zu bewahren ... welches auch immer ... in diesem Punkt scheint die Zeit noch nicht endgültig reif zu sein.

Wir retten uns den Dienstag und Mittwoch mit Telefonaten, die niemals so intim werden können, wie es mir immer mein tiefstes Bedürfnis ist, denn da sind ja ständig Kollegen um uns herum und es herrscht irgendwie so ein gedeckelter Büro-Slang.
Während die Sonne scheint und ich mich tatsächlich auf echte gute Laune in meinem Inneren einlassen kann, höre ich sehr wohl, wie gedämpft seine Stimmung auf der anderen Seite des Telefons ist. Ich schwebe noch ein bisschen, versuche ihm, davon abzugeben und schicke eine Portion Singsang durch die Leitung: „Ich bin ein Gänseblümchen, lieb den Sonnenschein ...“
Er lacht gequält, ist heute viel zu schwer ... schwermütig ... und dann ist gute Laune mit der Brechstange ein ekelhaftes Unterfangen, also lass ich es.

Ich übersteh den Dienstag ganz gut, bin Abends auch durch den Besuch einer Freundin wunderbar abgelenkt ... der Mittwoch kriegt mal wieder eine gänzlich andere Färbung verpasst! Es liegt auch am Job, da herrscht meinerseits im Moment mehr Anwesenheits-, als Arbeitspflicht und wenn ich nicht ausgelastet bin, turnt auf meiner mehrspurigen Datenautobahn im Gehirn immer ein Teil „von dannen“ zu ihm ... aber - verschiedene Rechenwege, trotzdem immer das gleiche Ergebnis: „Geht nicht, ist nicht, es ist, wie es ist, der Preis ist irgendwie für alle Beteiligten zu hoch. ENDE!“

Warum ich dann so eine fiese Selbst-Masochistin bin, bleibt mir auch ein Rätsel und das noch gepaart mit meiner Detektiv-Nase ist schon ekelig ... jedenfalls, heute Abend war KEINE Ablenkung in Sicht und ich hab seine Family gegoogelt.
Zack, was wird mir serviert??? Ein Foto: Seine Frau, seine Tochter, sein Sohn. Ich schlucke und denke: MEIN GOTT, sie haben wirklich SEINE wunderschönen AUGEN!!! Familienglück pur – die örtliche Presse berichtet von dem ach so erfolgsversprechenden Projekt: Zusammenführung von familienloser Oma mit omaloser Familie.

Ich schau mir seine Frau ein bisschen genauer an und kann wirklich nicht im entferntesten „Faye in dunkelhaarig“ erkennen. Mein Gehirn fügt automatisch den Ehemann und Familienvater dem Dreigestirn bei und erkennt, dass das die perfekte Piep-Piep-Piep-Wir-Haben-Uns-Lieb-Familien-Idylle ist ... wie im Märchen, wie Otto-Normal-Verbraucher nun mal lebt, wie es Tausende und Abermillionen Menschen da draußen auf der Welt zumindest versuchen. Und ich bin die „böse Geliebte“! Na tolle Wurst! Zack, die Ohrfeige sitzt ... bin auch noch so doof, sie mir selbst zu geben ... ich sag ja: Die perfekte Selbstverletzung.

Aber irgendwie ist da auch so was „kaltes“ in mir, dass sich weigert, der Realität NICHT ins Auge zu schauen. Die Ratio ist echt schon `ne kalte Sau ... und sagt irgendwann: „Tja, Märchen und Liebe braucht die Seele wie die Luft zum Atmen" ... aber wenn das Märchen der Realität weicht, die Liebe sich verflüchtigt, die Luft nur noch Luft ist, dann könnte man doch echt mal über eine offene Beziehung verhandeln ... oder?! Okay, kommt an das Märchen auch nicht wirklich ran ... aber wo die Liebe hinfällt, gelle?!

Schon in den vergangenen Tagen würgte mein Gehirn immer und immer wieder so eine selten dämlich-doof-blöde Erinnerung hoch und ich bin ja felsenfest davon überzeugt, dass es irgendwie von Bedeutung ist, wenn eine Erinnerung ständig an meine Synapsen klopft.

Jedenfalls ... ich war mehr oder weniger zwei Jahre Single, bis ich im August 2007 meinen letzten Beziehungsversuch startete. Selbst Männer neigen ja ab und an zur Romantik und als es ihn erwischte, überkam es mich recht unvorbereitet.
Es war ein zärtlicher Moment, in dem wir ungezwungen plauderten und er hakte nach: „Zwei Jahre Single?“ Ich nickte. Er streichelte mir über die Wange und meinte: „Zwei Jahre hast du auf mich gewartet?“
Ich war sprachlos ... hunderte Kilometer von ihm entfernt, in einem GANZ anderen Film unterwegs, runzelte nur die Stirn und verbiss mir einen Kommentar, der seine romantische Anwandlung an dieser Stelle weggefegt hätte: „Klar, Schatz, NUR auf dich ... du mein Erlöser!“

Ich dachte immer, WIR FRAUEN seien die märchenverstrahlten Wesen?!?! ICH muss mir von Kerlen immer anhören: „Na, wie lange willst du noch auf den Prinzen mit dem weißen Pferd – ersatzweise weißer Porsche – warten, hm?“
Der unausgesprochene Nachsatz, den ich immer erfühle, aber die Jungs nicht sagen: „Du wirst noch als alte Jungfer sterben!“ Ich kebbel dann immer rum: „Fragt ein junges Mädchen eine alte Frau: Und sie haben NIE geheiratet? DA haben sie aber was verpasst!
Antwortet die Alte: Hm, also, bis auf die Hochzeit nichts!“

Mensch, ey, da kollabier ich doch ... ja, echt, ich hab mein bestes gegeben, diesen Märchen-Scheiß aus dem Hirn zu kriegen, bin fast so weit .. und dann begegnen mir Typen, die auf Prinzessinnen-Suche sind, auf echte, reine, wahre Jungfrauen ... reiß ich realistisch die Augen auf und stell mich allem, dem Schönen und Guten genauso wie dem Schlechten und dem Scheiß, ist´s dem anderen Geschlecht genauso wenig Recht, wie wenn ich romantisch-verstrahlt um die Ecke komme, was eben AUCH vorkommt! Erklär mir einer die Welt!!!

Na ja, aber jetzt muss ich erst mal erklären, wieso mich all das so wütend macht, dass ich T. am liebsten verprügeln würde, wenn er nun vor mir stände: Ganz einfach, weil ich meinen Schmerz wahnsinnig gern an ihn weitergeben würde! Bin da nämlich SEHR GERECHT!!! Aber, hach, seufz ... den hat er auch so ...


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    Faye
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