Als er vor der Tür steht, erschrecke ich mich zu Tode – eine Sekunde später schließe ich ihn in meine Arme und flüstere: „Oh Gott, schön, dass du da bist.“ Später sagt er mir, dass er in der Situation eigentlich mehr Drama von mir erwartet hätte, aber mir war nicht nach Drama ... so gar nicht...
Wir trinken Kaffee zusammen und reden, reden, reden ... irgendwann sage ich: „Mir ist nicht mehr nach reden, ist mir zu anstrengend.“ Er geht in die Küche, kommt mit einem frischen Kaffee zurück und reicht mir einen Zettel und einen Kuli. „Würdest du das unterschreiben?“
Auf dem Zettel steht: „Faye möchte nicht mehr reden.“ Wortlos kritzle ich meinen Namen darunter ... erst viel später denke ich, dass das meine erste Miniatur-Ausgabe eines Sklavenvertrages war und ausgerechnet das, wovor ich am allermeisten Angst habe (nämlich ein Knebel!), mir in einer Art und Weise „untergejubelt“ wurde, dass ich mich darauf einlassen konnte.
Ungläubig registriert er meine Unterschrift und beginnt prompt, mich ein bisschen zu necken und zu provozieren, um mich zum reden zu bringen ... und ich schweige. Kurz darauf wird mir mal wieder eine theoretische Hypothese meines Hirns live on stage bewiesen: Das wirksamste „Verhütungsmittel“, dass Frau je erfunden hat, sind Diskussionen! Wohlgemerkt Diskussionen – nicht Gespräche
Da ich ja keinen Ton mehr sage, wirkt er für den Bruchteil von Sekunden unschlüssig, dann krabbelt er zu mir herüber und vergnügt sich an mir. Ich könnt mich beömmeln! Etwas in mir weitet die Machtübertragung aus ... ohne Worte ... innerlich denke ich, dass ich nie erfahren würde, was seine tiefsten Wünsche, Träume und Begierden sind, wenn ich ewig „korrigierend“ eingreife.
Ich nehme die Hände über meinem Kopf zusammen und lasse ihn machen, lasse los und genieße einfach, beobachte ein bisschen. Er erfühlt das alles und es ist mir eine reine Freude, zu spüren, wie er aufblüht.
Es ist so sinnig, wie ein Mann aufgrund der Vertrauensübertragung über sich selbst hinauswächst ... die Befürchtung, dass er zum Machtmissbrauch neigt, erfüllt sich nicht, nein, er ist dankbar für die „freie Fahrt – die lange Leine“ und setzt sich irgendwie selbst Grenzen und übt Verantwortung aus.
Er achtet auf mich, ist fürsorglich ... vergisst mich nicht ... das Tier in ihm erwacht und etwas in mir begrüßt es und heißt es willkommen. Ich brauche nichts tun, kann alle Kontrolle abgeben ... lasse ihn machen ... und es ist für beide erfüllend.
Später reden wir dann doch wieder. Ich nehme meine Aussage zurück, dass ich nichts von seiner Frau wissen will, weil mir aufgegangen ist, dass das nicht lebbar ist – schließlich ist es sein Leben und er kann nichts dafür, dass ich weder Mann noch Kinder zu bieten habe.
Es ist herrlich, wie das Gespräch dahinplätschert, von „Höksken auf Stöksken“. Ich frage ihn, was seine Frau eigentlich für ein Typ sei und erhalte zur Antwort: „Faye in dunkelhaarig.“ Ich bin total schockiert und irgendwie entrüstet: „Faye gibt es nicht zweimal.“ Er nickt nur wissend.
Mein Gott, ist das der „übliche Scheiß“, den man als Geliebte zu hören bekommt? Scheißegal ... ob das so ist, es wirkt trotzdem! Es wechseln tausend kleine und gleichzeitig ungeheuer wichtige Sätze von einem zum anderen.
Er erzählt, wie seine Frau, als er sie mal damit konfrontierte, dass das Sexleben so extrem eingeschlafen ist, ihm „vorschlug“ sich seine Befriedigung außerhalb der Ehe zu suchen. Er reagierte – ganz echauffierter, treusorgender Ehemann – mit der entsprechenden Entrüstung.
Sie gestand ihm, dass er ihren Test bestanden habe.
Ich spüre einen hysterischen Lachanfall in mir aufsteigen, der aber nicht ausbricht. Tja, da ist sie wieder, die berühmt-berüchtigte weibliche Hinterfotzigkeit, über die Männer sich ja wirklich für ihr Leben gern beschweren.
In einem Streitgespräch mit einem Vertreter der männlichen Fraktion schleuderte ich ihm entgegen: „Was sitzt denn hinter der Fotze, hm? Na, wohl das Arschloch – glaubst du im ernst wir Frauen wären weniger arschig als ihr?“
Ja, wie wahr, die Geschlechter stehen sich eigentlich in nichts nach, nur die Art und Weise, der Weg, der gestaltet sich unterschiedlich. Männer gehen den vermeintlich geraden und direkten Weg, Frauen eben den Umweg, hintenrum ... positiv formuliert nennt sich das Diplomatie oder „Billard über Bande“ ... über die Seitenlinie ins Loch ... lach ... tja, jede Menge Klischees und dennoch steckt in jeder dieser Schubladen auch irgendwie ein Körnchen Wahrheit.
Ich sage ihm, dass ich diesen „Schwebezustand“ kaum aushalten kann und deshalb in mir immer etwas ganz zwanghaft nach einer Entscheidung sucht und so ganz gern auch die eine oder andere „Fehlgeburt bezüglich unreifer Entscheidungen“ verursacht wird.
Aber wenn ich in diesem Prozess drinstecke, gibt´s kein Halten mehr. Dadurch entsteht ein emotionales Wirrwarr, ein Auf und Ab dass für alle Beteiligten extrem anstrengend ist und eigentlich keine Sau auf Dauer aushält ... aber es mangelt mir an der Fähigkeit, mich in diese Liebe zwischen uns zu ERGEBEN.
Ich bin eine Freiheitsfanatikerin und habe mein bisheriges Leben extrem viel Energie darauf verwand, unabhängig zu sein, zu werden und zu bleiben. Als mir dann einmal in irgendeinem schlauen Buch der Hinweis entgegenschlug, dass Abhängigkeit nicht immer etwas schlechtes ist, nein, es sogar DIE FÄHIGKEIT ZUR ABHÄNGIGKEIT zu entwickeln gilt, wenn man Beziehung leben will ... tja, da war ich wie vom Donner gerührt.
Diese „Fähigkeit“ zu brauchen, da wäre ich im Leben nie von allein drauf gekommen. Abhängigkeit ist für mich mehr oder weniger nur negativ besetzt. Und das Negative sieht man ja auch tagtäglich ... denn T. ist ein Mann, der eigentlich grad gern seine von ihm abhängige Ehefrau „entsorgen“ würde, um sich einer anderen widmen zu können.
Wir Frauen sind in dieser Hinsicht schon irgendwie komisch in unserer weiblich-solidarischen Auffanggemeinde, denn ich finde es durchaus korrekt, dass er sich seiner Ehefrau nicht mal „so eben“ entledigen kann.
Die Ehe ist schon irgendwie so eine Schutzeinrichtung, wenn sie sich auch phasenweise zu einem Gefängnis entwickelt, vor dem ich persönlich bis dato – trotz aller Sehnsucht nach „versorgt sein“ und Kinderwunsch, erfolgreich geflohen bin.
So, wie ich auch mal wieder versucht habe, vor T. zu fliehen ... mich lässt dieses blöde Bild von einem Schneeball, der anfängt zu rollen, nicht los. Der Schneeball wird größer und größer, rollt und rollt ... eine Lawine scheint unabwendbar.
Eskalation ist ein beliebtes Mittel und manchmal das Einzige, welches – trotz aller verstandesgemäßer Anstrengungen und Vorsätze – zu ... wie soll man das nennen ... einer Lösung führt???
Es macht den Verstand wirklich WAHNSINNIG und das Ego strampelt wie verrückt, um die Macht über das eigene Leben zurückzuerhalten ... Hilfe, Hilfe, Schutz, Schutz, Kontrolleeeeeeeee!!!
Aber LIEBE IST DIE GRÖSSTE MACHT DER WELT ... und macht nun mal WILLENLOS ... das Ego schmilzt dahin, alles ist plötzlich möglich, nichts mehr rational ...
Grenzen verschwinden, verschwimmen, werden überwunden ... aber für die Liebe gibt es keine Garantien, keiner kann einem sagen WIE LANGE! Und dann versucht man sie einzufangen, wirft das Lasso aus, um den wilden Mustang, den man ja ach so begehrt, so gern besitzen möchte ... zu zähmen, zu bändigen ... igitt-igitt ... da ist etwas in mir, das zutiefst begreift, dass das SO NICHT GEHT!!!!
Wer die Geschichte der O. gelesen hat, weiß, was ich meine ... der Tod ist vorprogrammiert, es beginnt das Sterben auf Raten ... ein langes, qualvolles Siechtum ... bis nur noch Funktion übrig bleibt. Leben ... LEBENDIGKEIT ... lebendig SEIN ... das ist was anderes ...
„Ich finde es schrecklich von mir, dass ich nicht vor dir stehen und voller Inbrunst und tiefster Überzeugung von dir verlangen kann: Verlass deine Frau!“
Ja, das ist wahr ... doch T. ist ebenso ein ewiger Zweifler, wie ich ... und versteht, wie ich das meine.
„Aber worum ich dich bitten möchte ist, deinen Fisch nicht mehr in sie reinzuhalten, wenn´s irgendwie geht.“
Er lächelt leise und sagt: „Das wird nicht das Problem sein. Und wenn ich schon meiner Frau nicht treu bin, dann doch wenigstens meiner Geliebten.“
Wir lächeln uns an.
All das ist so unglaublich verrückt und doch so glasklar, wahr und rein.
Ich seufze. Schließlich wäre ich nicht die erste Geliebte, die aufgrund ihrer bloßen Existenz die perfekte Wiederbelebungmaßnahme für eine eingeschlafene Ehe darstellt.
Ein Ehemann, der aufhört, seine Ehefrau zu begehren, erschüttert sie in ihrer Sicherheit und gewinnt prompt an Attraktivität ... während er seine ausgestreckten Arme sinken lässt und aufgibt, bedingt GENAU DAS, dass sie ihre Arme öffnet und ihn wieder zu sich einlädt ... wird er dann NEIN sagen?
Ich werde das kaum kontrollieren können und will es auch nicht ... soll er doch den vermeintlichen Pflichten des ehelichen Beischlafes nachkommen ... Treue ist etwas innerliches, freiwilliges ... Treue ist da oder nicht da ... ich bin nicht blind, kenne tausende von Geschichten über dieses prekäre Thema SEX in der EHE ... gähn ... nicht MEIN Problem.
Ich weiß nicht, was das soll und welcher Idiot sich das ausgedacht hat, aber scheinbar muss man sich entscheiden: Ehe, Kinder, Sicherheit ... der Preis dafür: SEX, Spaß, Lebensfreude ... O D E R SEX, Spaß, Lebensfreude ... aber KEINE Ehe, Kinder, Sicherheit ...
Etwas in mir ist über all diesen Scheiß stinkwütend, sauer und bodenlos aggressiv und DEFINTIV NICHT DAMIT EINVERSTANDEN. Ich war schon immer gierig ... wollte schon immer ALLES ... wollte nie nur das eine ODER das andere ... das muss doch irgendwie möglich sein ... ich weiß zwar nicht WIE, aber ich weiß, DASS ...
Nun ja, derzeit ist keine Antwort auf meine Frage in Sicht ... und so lange rennen wir wohl weiter durch die Gegend ... sind alle Engel ... reinen Herzens, voller Liebe, guter Hoffnungen und Absichten ... und ab und an landen wir in einer Pfütze aus Schmutz, Schmodder und Dreck und holen uns SCHWARZE FÜSSE!!!
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