Gestern war er bei mir und hat wahnsinnig viel Zeit mitgebracht (ganze 8 Stunden), da steht man selbst als Frau kurz vor einer Überdosis. Ich denke an die Zeitung, die mir letzte Tage in die Hände fiel und – wie bestellt – das Thema Affären feilbot. Die Quintessenz lässt sich auf folgenden Schlüsselsatz zusammenfassen: Vertrauen braucht Nähe – Erotik braucht Distanz.
So so ... und die ganzen BDSMler wollen irgendwie Beides, wollen das Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe, Vertrauen und Erotik, wollen hin- und herpendeln. Na ja, ob ALLE das wollen, weiß ich nicht, aber ICH WILL ES.
Doch das berührt mich nur am Rande, ist ein Nebenstrang meiner vielen Gedanken, der Puzzelteile, die durch meinen Kopf schwirren und sich miteinander verbinden, einzig und allein um sich auch wieder voneinander zu lösen...
Ich werde nie diese Szene zwischen uns vergessen: Damals, also vor 10 Jahren, gingen wir zusammen spazieren. Ich balancierte auf einem gefällten Baumstamm entlang, er hielt meine Hand, führte mich, gab mir ein wenig Sicherheit und Stabilität.
Am Ende des Stammes angelangt, öffnete er die Arme und ich wollte mich gerade hineinfallen lassen, da ging er einen Schritt zurück. Ich taumelte, seinerseits war es nur als Scherz gemeint, aber etwas explodierte in mir und ich schrie ihn unvermittelt heftig an: „Bei dir kann man sich nicht fallen lassen!“
Er sagt, dass ihm das heute noch leid tut ... ja, mir auch ... doch für irgendwas ist´s ja immer gut.
Mann und/oder Dom hin oder her, sie sind auch nur Menschen, manchmal mit sich selbst beschäftigt, geben sich selbst Rätsel auf und hängen sich in ihrem Inneren phasenweise genauso in ihren Gedanken auf, wie unsereiner.
Die Frage ist, ob ich mich wirklich als Mensch auf einen anderen verlassen sollte oder ob das nicht der Anfang vom Ende ist. So oder so habe ich, nicht nur durch diese Szene zwischen uns, sondern durch eine ganze Reihe diverser Erlebnisse in meinem Leben die wertvolle Fähigkeit entwickelt, mich IN MIR SELBST fallen zu lassen und mich auch IN MIR SELBST aufzufangen.
Meinem Gegenüber nimmt das eine ganze Menge Last und Druck. Für mich ist das irgendwie ein gravierender Unterschied zwischen einem greinenden und abhängigen Klein-Mädchen-Sub und einer stolzen Frau, die Sub sein kann, wenn sie es will.
Wir haben sehr offen miteinander gesprochen, ohne Verurteilung und Wertung dem Anderen gegenüber. Ich brauche das wie die Luft zum atmen, dieses „Gehirn-Jogging“, dieses durchspielen verschiedenster Varianten und unmöglicher Möglichkeiten.
Mir wird bei solchen Gesprächen oft der verkappte Vorwurf gemacht, ich sei zu anstrengend. Ein wunderbarer Maulstopfer-Spruch, auf den ich gar nicht mehr kann. Wenn ich gebremst werde, laufe ich über ... wenn man mir freien Lauf lässt, erschöpft sich mein Rededrang von selbst.
Wenn ich „leer“ bin, dann ist es gut, dann kann ich entspannen, mich fallen lassen. Dabei kommt es für mich nicht mehr drauf an, dass man sich im Gespräch einig wird und so die vermeintliche Piep-Piep-Piep-Wir-Haben-Uns-Lieb-Atmosphäre herstellt, die ja doch oft genug gefaked ist, nein, es geht mir darum echt sein zu dürfen, ich sein zu dürfen ... und das gestehe ich auch meinem Gegenüber zu.
Unser Gespräch ist ehrlich, offen und unheimlich realistisch, irgendwie geerdet. Er erzählt, dass er manchmal das Gefühl hat, zu ersticken, sich vor sich selbst erschrickt, wenn er im Kopf alles stehen und liegen lässt und einfach geht. Ja, die Möglichkeit besteht, aber die Vernunft hält einen zurück, die Verantwortung ... und der Preis, den man dafür zahlen müsste.
Freiheit kostet in diesem Fall verdammt viel Geld. Aber die Gedanken sind frei und so frönt das Hirn zumindest dem Durchspielen diverser Möglichkeiten. An manchen Äußerungen merke ich, wie ich kalte Füße bekomme.
Er fragt: „Was würdest du machen, wenn ich mit den Koffern vor der Tür stehe?“ Ich bleibe ihm eine Antwort schuldig, vielleicht auch, weil ich weiß, dass wir beide den Drama-Faktor mögen und gern extreme Fragen stellen, aber es dann wohl doch nicht so weit kommt.
Ich erzähle ihm von meiner letzten Partnerschaft mit einem geschiedenen Mann, Vater einer süßen kleinen Tochter, einer Ex-Frau, die mich das Fürchten und Scham bezüglich meines eigenen Geschlechts gelehrt hat, von meiner Eifersucht der Tochter gegenüber, von meiner Hilflosigkeit, mit der Situation umzugehen, von der Anstrengung, von all dem Drumherum, dem Verfolgungswahn, den ich bezüglich des Briefkastens und der bösen, wirklich bösen Rechtsanwaltspost entwickelt habe. Puh, bin echt nicht scharf auf den ganzen Scheiß.
„Liebe (wenn es denn Liebe ist ... und was ist Liebe?) kann von all solchen Umständen schon aufgezehrt werden...“
Er nickt, ja, hat auch Angst, dass ihm in finanzieller Hinsicht ganz schön die Hosen ausgezogen werden und ich hatte schon einen Mann, dem man nicht mehr in die Tasche packen konnte, weil er nichts hatte.
Wenn man zwischen 30 und 40 ist, weiß man, dass Spaß und Leichtigkeit schon irgendwie auch vom finanziellen Background abhängig sind. Wir wissen beide, dass all das, was wir besprechen, halt nur Kopf-Jogging ist und meist nur Bruchteile dessen, was man so denkt, wirkliche, echte Realität wird. Und ich bin fair und sage ihm auch, dass ich mein Herz noch festhalte, es noch verschlossen ist, aus einem Schutzbedürfnis heraus, aus Angst vor Schmerzen der Form, auf die ich nicht wirklich scharf bin. Er weiß das, kann es fühlen.
Als alles gesagt ist, wir uns irgendwie einig sind, alles einfach mal so vor sich hin laufen zu lassen, zu schauen, was und wie es sich entwickelt ... fangen wir an, uns zu entspannen und tun das, weswegen wir unter anderem beieinander sind. Dafür ist der Weg nun frei, für eine Form von SICH FALLEN LASSEN – ohne zu wissen, was danach kommt.
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