Begriffsgeschichte des Sadomasoschismus

Ein kurzer Blick auf die Historie:

Bis der Mediziner Richard von Krafft-Ebing 1890 sein Buch „Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis“ veröffentlichte als Ergänzung zu seiner 1886 erschienen 110 Seiten umfassenden „klinisch-forensischen Studie“ „Psychopathia Sexualis“ – in dieser wird hauptsächlich die Homosexualität untersucht, damals noch als „conträres Sexualempfinden“ bezeichnet – gab es für das was heute allgemein als BDSM bezeichnet weder einen Namen – lediglich für den „Masochismus“ kann der verwendete Begriff „passive Flagellation“ als Äquvalent angesehen werden – noch galt ein solches Verhalten als krank oder – um im Sprachgebrauch der Zeit vor der Verwissenschaftlichung des Lebens im 19. Jhd. zu bleiben – als Sünde.

Es wurde allenfalls als harmlose Kuriosität angesehen. John Cleland beschreibt in seinem 1749 erschienen Roman „Fanny Hill“ Flagellation als Neigung alter Männer, die diese starken Reize benötigen um überhaupt eine Erektion zustande zu bringen. Die entsprechende Szene im Buch amüsiert eher. Dagegen empfindet in „Schwester Monika“ von 1815, die dem großen E. Th. A Hoffmann zugeschrieben wird, unter anderem die schöne junge lebenslustige Louise das Flagelliertwerden als sehr lustvoll. Auch in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ gibt es Szenen mit eindeutigem BDSM-Bezug – eine DS-Szene „heilt“ die weibliche Hauptperson von ihren Launen. De Sades Werke sollten hierbei besonders betrachtet werden, da ihr Schwerpunkt weniger im erotisch-sexuellen als eindeutig im gesellschaftskritisch-philosophischen liegt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und bildet ein beinahe unerschöpfliches Forschungsgebiet. Natürlich gab es bereits im 17. Jhd. „Erklärungen“ warum Schmerz auch Lust erzeugen kann, die aus heutiger Sicht allenfalls als „originell“ gelten dürfen, die aber die Betreffenden nicht explizit als Kranke darstellten, nebst Anleitungen, wie richtig, das heißt ohne dem Flagellierten zu schaden, geschlagen wird. Flagellation bzw. „Schmerzlust“ war und ist immer auch anerkannter Teil religiöser Riten, man denke nur an die Selbstgeißelung und daß Nonnen sich peitschen ließen um Gott als Büßerinnen näher sein zu können. Ein Schelm, wer jetzt denkt, daß es dabei nur vordergründig um übertriebenen religiösen Eifer ging. Das beschränkt sich selbstverständlich nicht auf die christlische sondern findet sich in allen Religionen. Krafft-Ebing kommt nicht nur der – zweifelhafte – Verdienst zu einem Verhalten einen spezifischen Namen gegeben zu haben, sondern dieses zugleich ohne empirisch nachvollziehbaren Grund als ‚Krankheit‘ bewertet zu haben. Zwar sind seine Methoden ‚modern‘ – er beschreibt nicht einfach etwas und bewertet es dann, sondern er er läßt die Patienten selbst zu Wort kommen und kommentiert ihre Aussagen, doch seine Schlußfolgerungen entsprechen unverkennbar dem damaligen patriacharlischen Rollenverständnis. Das Vorwort zu den „Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis“ spricht für sich selbst.

I. Über Masochismus und Sadismus, Vorbemerkungen.

Es ist Thatsache und mag in originären oder in erblich gezüchteten Bedingungen begründet sein, dass im Verkehr der Geschlechter dem Mann die aktive, selbst aggressive Stelle zu kommt, während das Weib passiv, defensiv sich verhält. Für den Mann gewährt es einen hohen Reiz, das Weib sich zu erobern, es zu besiegen, und in der Ars Amandi (Der Liebeskunst Anm. d. A.) bildet die Züchtigkeit des in der Defensive bis zum Zeitpunkt der Hingebung zu verharrenden Weibes ein Moment von hoher psychologischer Bedeutung und Tragweite. […]“ Mann = aktiv und Frau = passiv; auf eine einfache Formel gebracht und zugleich als Naturgesetz zementiert. Warum Krafft-Ebing und seine Zeitgenossen BDSM auf einmal als „krankhaft“ und damit unbedingt behandlungsbedürftig ansahen, dürfte untrennbar mit der gesellschaftlichen Stimmung der damaligen Zeit verbunden sein. Es darf nicht vergessen werden, daß die zweite Hälfte des 19. Jhd. auch die Hochzeit des Nationalismus in Europa war und in den meisten Staaten, wie auch in Deutschland und Österreich, totalitäre Regime mit starren Hierarchien die Regel bildeten. Zugleich war aber die Frauenbewegung derart stark geworden, daß sie als Machtfaktor gleich der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung, in deren Gefolge sie sich schließlich befand, nicht mehr ignoriert werden konnte. Die Herrschenden sahen sich zu Zugeständnisse gezwungen, wollten sie ihre Macht weiterhin erhalten. Die Sozialdemokratie erreichte Verbesserung in der finanziellen Absicherung der Arbeiter – Renten- und Krankenversicherung – den Frauen wurde das Wahlrecht und die Möglichkeit gegeben, Gymnasien – in Deutschland ca. 1898/99 – und Hochschulen – in Deutschland ca. 1902 – zu besuchen. Das alles natürlich nur „zähneknirschend“. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, daß Frauen noch in den zwanziger Jahren des 20. Jhd. an deutschen Hochschulen zwar promovieren, aber nicht habilitieren konnten. D. h. ihnen war die Möglichkeit an einer Hochschule zu lehren weiterhin verwehrt. Die „femme fatal“, die Frau, die den Mann seelisch aussaugt, ist eine Erfindung dieses Zeitalters. Überhaupt taucht dieser Typ Frau fast inflationär in der damaligen Literatur auf. Bram Stockers „Dracula“ (1897) ist ein Paradebeispiel dafür. Die Frau, die dem Mann den Lebenssaft aussaugt. Die Angst vor der Frau, seit Generationen Teil nicht nur der abendländischen Kultur, die bis dahin „geduldige“ Begleiterin des Mannes und zeitweise mit kaum mehr Rechten als unmündige Kinder ausgestattet, nahm pathologische Züge an. Groteskes Beispiel dafür ist, daß es Männer gab, die glaubten eine Vagina sei mit Zähnen ausgestattet. Interessant am Rande ist, daß die „femme fatal“ zwar überall in den Köpfen herumspukte aber ihr Gegenstück, der „homme fatal“, der vielleicht realistischer war und den Maupassant in seinem „Bel Ami“ früh charaktarisierte, so gut wie nicht wahr genommen wird. „Vertraute“ und „naturgegebene“ Strukturen auf denen die jahrhundertealte Macht der verschiedenen Fürstenhäuser beruhten, waren stärker gefährdet als seinerzeit durch die französische Revolution, die die übrigen Monarchien in Europa relativ gefahrlos überstanden hatten. Die Aufgabe der männlichen Vormachtstellung, die ja zugleich eine Übergabe von Macht an die Frau darstellt, ist in diesem Kontext als „krankhaft“ zu sehen, denn sie stellt schließlich eine Bedrohung der gegenwärtigen Ordnung dar. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß in erster Linie die Angst vor allgemeinem männlichen Kontrollverlust, vor einem radikalen Umbruch der Gesellschaft, zu diesen Einordnungen geführt hat. Es kann durchaus und nicht wirklich überspitzt formuliert werden: Haben die Frauen erst im Schlafzimmer die Macht, dann haben sie sie auch bald im Staat und umgekehrt. Krafft-Ebing hat den Masochismus vereinfacht als Übertragung weiblicher Eigenschaften auf die männliche Psyche beschrieben. Wirklich masochistisch kann nur der Mann sein, denn das „Weib“ ist von Natur aus masochistisch, allenfalls kann eine Übersteigerung der natürlichen Bestimmung vorliegen. Analoges gilt für den Sadismus des Mannes. Das sadistische Weib hingegen ist ebenso widernatürlich wie der masochistische Mann und zugleich ein Beleg dafür, daß die Betreffende eigentlich lesbisch ist. Die geschilderten Fallbeispiele bei Krafft-Ebing beschreiben in der Regel Männer, die mit ihrer von der Gesellschaft als Patriarchen geforderten Rolle Schwierigkeiten hatten, bis hin zur Angst vor ganz normalem Geschlechtsverkehr. Sie fühlten sich schuldig, weil sie nicht dem von der Gesellschaft geforderten männlichen Idealbild entsprachen. Genau dieses „Krankheitsbild“ ist es, das von Krafft-Ebing bis Wilhelm Reich beschrieben wird. Aber da nun mal der Mann seiner Zeit aktiv und die Frau das duldende, zerbrechliche, geistig minderbemittelte Dummchen zu sein hatte, mußte was anderes her als Erklärung eine als durch äußeren Leidensdruck entstandene Depression. Einige Blüten, die diese Angst vor dem Weiblichen trieb und die primär mit BDSM wenig zu tun haben, äußerte beispielsweise auch Freud – der nachweislich mit Frauen selbst so seine Probleme hatte –, indem er zwischen klitoralem und vaginalem Orgasmus unterschied: Der klitorale ist der unreife, weil er ja nicht durch die Penetration des männlichen Gliedes erzeugt. Nur der vaginale ist der einzig richtige, denn er wird ja durch den Mann erzeugt! Ironie dabei; es handelt sich beiden Fällen physiologisch um denselben! Ebenso galten als „krank“ Cunnilingus und das Küssen der Füße seiner Angebeteten! Da hier „[…]auch dem normalen Menschen ekelhafte Körperteile in dieser Weise dem Masochisten zur Befriedigung seiner Gelüste dienen.“ (Der Masochismus. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit (1903) von Iwan Bloch). Diese Be-, besser gesagt Ab-Wertung von BDSM änderte sich erst zaghaft als sich die moderne Soziologie des Themas in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts annahm und die Subkultur untersuchte und dabei viele Vorurteile widerlegte. Unter anderem, daß es so gut wie keine Frauen in der Szene gibt, die keine Prostituierten sind, oder daß BDSMer kontaktscheu sind und keinen passenden Partner finden, weil sie ja mit ihren Neigungen allein auf weiter Flur sind usw. Ähnliche Vorurteile grassierten auch lange über Homosexuelle. Und natürlich über die Selbstorganisation der Szene. Aus machtpolitischen Gründen wurde Sexualität schon immer reglementiert, willkürlich bestimmt, was „normal“ was „anormal“ ist. Auch wenn objektiv keinerlei Anlaß dazu besteht. Zum Abschluß ein Zitat, das den derzeitigen wissenschaftlichen Stand beschreibt, was betüglich Sexualtität „normal“ und was „anormal“ ist: „Der modernen Sexualforschung sei es zum derzeitigen Stand nicht möglich, zwischen gesundem und pathologischem Sexualverhalten zu unterscheiden. So ist das Sexualverhalten ein gänzlich ungeeignetes Kriterium, um zwischen gesunden und behandlungsbedürftigen Persönlichkeitsprofilen zu unterscheiden“ Diese Argumentation wird von Charles Moser, Ph.D., M.D., und Peggy J. Kleinplatz, Ph.D. geführt. Man darf getrost behaupten, daß es gar kein pathologisches, oder im klassischen Sprachgebrauch, widernatürliches menschliches Sexualverhalten gibt. Es kann nur zwischen sozial verträglich und sozial unverträglich unterschieden, d. h. geschieht es auf Grund freiwilliger Vereinbarung und handelte es sich um gleichberechtigte Vertragspartner oder eben nicht. Oder um Friedrich Nietzsche zu Wort kommen zu lassen was seiner Meinung nach „Normal“ ist: „Normal ist der, der gelernt hat mit seinen kleinen Eigenheiten zu leben.“ Eine „Venus“ und ein Marquis als Namensgeber Wie kommt es, daß ein Sexualverhalten wissenschaftlich nicht mit einem lateinischen Kunstwort beschrieben, sondern nach zwei Autoren benannt wurde, die mit ihren Werken Furore innerhalb der Literaturgeschichte gemacht haben? Und vor allem; warum gerade diese beiden? Der eine Donatien Alphonse François Marquis de Sade (1740–1814) war zu der Zeit als Krafft-Ebing sein auf traurige Weise epochemachendes Werk veröffentlichte, bereits seit 76 Jahren tot. Er hätte sich vielleicht darüber amüsiert, Namensgeber einer „Krankheit“ zu sein. Der andere Leopold von Sacher-Masoch dagegen lebte, und war nicht nur im deutschsprachigen Raum ein anerkannter Autor. In Frankreich ist bis heute seine Bedeutung als einer der großen Literaten des 19.Jhd. unbestritten. Ihm brachte das literarische Paris bereits zu Lebzeiten seine Achtung dar. Verständlich, daß er darüber kreuzunglücklich war, von einem Psychiater in eine bestimmte Ecke gedrängt zu werden. Dieses Stigma hängt Sacher-Masoch im deutschsprachigen Raum bis heute an. Dabei war er ein sozial engagierter Autor, ein feinsinniger Schilderer der Psychologie zwischen den Geschlechtern, zudem ein Autor, der wie viele andere bedeutende Vertreter ihrer Zunft Opfer der Bücherverbrennungen der Nazis wurde. Sacher-Masoch selbst läßt den Leser keinen Augenblick im unklaren über den eigentlichen Tenor der „Venus im Pelz“. Er läßt seinen Severin zum Schluß sagen: „Daß das Weib, wie es die Natur geschaffen hat und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotion sein kann, nie aber seine Gefährtin. Das wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Art. […]“ Sacher-Masoch geht es mit dieser Erzählung nicht nur um eine vermeintlich ungewöhnliche Beziehung, sondern setzt sich, wie auch in seinen anderen Texten für die Gleichberechtigung der Geschlechter sein. Severins Entwurf einer Beziehung scheitert nicht, weil seine Phantasieumsetzung ‚Widernatürlich‘ ist, sondern an der Ungleichheit der Geschlechter, die fehlende sexuelle Selbstbestimmung vor allem der Frau aber auch der des Mannes. Anders gesagt, nur Gleichen, Gleichberechtigten ist eine Unterwerfung unter den anderen möglich. So wie BDSM in der Praxis nur funktionieren kann. „Sexuelle Selbstbestimmung ist nicht ein Ergebnis von Gleichberechtigung, sondern deren Grundvoraussetzung.“ („Sie und Er – Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich“ 2 Bände, Köln 1998) oder auch „Ohne Hardcore-Feminismus in den 70ern kein Hardcore-SM in den 90ern…“ (Zitat einer unbekannten BDSMerin aus den Schlagzeilen Nr. 78 zum Schwerpunkt „SM und Feminismus Teil 2“). Allein deswegen ist Sacher-Masoch als Namensgeber für den „Masochismus“ absolut verfehlt. Und auch der Marquis eignet sich nur bedingt zum Namenspatron. Zwar gibt es in seinen Werken „Die 120 Tage von Sodom“ (1782–85), von dem lediglich der erste Teil ausgearbeitet ist, die übrigen existieren nur als Entwürfe, und im Doppelroman „Juilette et Justine“ (dritte Fassung 1797 erschienen, erste Fassungen vor 1789 entstanden) reihenweise Grausamkeiten, diese sind aber oft so überzeichnet bis hin zur anatomischen Unmöglichkeit, daß ihre Sinnbildhaftigkeit eigentlich unübersehbar sein sollte. Es muß stets bedacht werden, daß sie in einer Zeit und einer Gesellschaft entstanden, die alles was nicht der herrschenden Klassen angehörte als Freiwild betrachtete und in der Gewalt und vor allem auch öffentliche Zurschaustellung von staatlicher Gewalt, Hinrichtungen und Züchtigungen, an der Tagesordnung waren. Um auf Grausamkeiten aufmerksam zu machen war man förmlich gezwungen, diese zu übertreiben. De Sades Welt ist der Humus auf dem die Revolution von 1789 zur Blüte gelangen konnte und auch mußte. Seine „Philosophie im Boudior“, 1795 erschienen, zeichnet sich dagegen durch Abwesenheit jeglicher Grausamkeiten aus, wie sie in den früheren Werken zu finden ist, dafür dominiert eine klare, heitere Gelassenheit. Die Tugend, die er in der „Justine“ beschreibt ist eine selbstgefällige und muß daher scheitern. Und letztlich scheitert auch das Laster an sich selbst, denn in einer durch und durch lasterhaften Welt verschwindet das gegenseitige Vertrauen, unabdingbare Basis für erfolgreiches Zusammenleben. Jeder sieht in dem anderen nur seinen Gegner. Verfasser Armin A. Alexander blog.arminaugustalexander.de


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