Wenn es darum geht, dass BDSM-Neigungen nicht abgewertet, verurteilt oder gar diffamiert werden sollen, ertönt mittlerweile an allen Orten, egal wo man hin schaut, der Ruf nach Toleranz. Immer wieder gibt es ein Ringen um Verständnis, einen Kampf darum, ernst genommen zu werden - wohl gemerkt, innerhalb der Szene!
Wie es scheint, allerdings vergeblich. Gruppierungen manifestieren sich, die Einen ziehen sich zurück, die Anderen grenzen sich ab, die Nächsten diskriminieren, indem sie meinen, sie lebten die einzig wahre Form des BDSM und alles, was sie sich sich nicht vorstellen können, sei entweder krank oder nur gespielt.
Wenn man Glück hat, wird man nicht ausgegrenzt, sondern toleriert. Ja, die Toleranz nach der sich so viele Menschen sehnen, erscheint auf den ersten Blick als eine feine Sache und an sich auch lobenswert. Immerhin haben es BDSMer dieser Toleranz zu verdanken, dass sie sozial meist nicht mehr ausgeschlossen werden, dass sie kaum noch zwangstherapiert werden sollen und dass sie ihre Neigungen nur hinter der verschlossenen Tür heimlich ausleben müssen.
Einige Menschen haben sich jahrzehntelang dafür eingesetzt und viele profitieren von dieser Entwicklung, die nicht wie Manna vom Himmel fiel.
Aber was passiert jetzt innerhalb der BDSM-Szene? Toleranz wird dem Individuum in erster Linie entgegengebracht.
Ich will jetzt weniger davon reden, dass man sich oftmals untereinander ausgrenzt, sondern viel mehr von der stetig wachsenden Toleranzmanie. Ich spreche von meinem Eindruck, dass Toleranz derzeit zum Schlagwort und postulierten Credo der Szene geworden ist.
Wie kommt es dazu, dass ein BDSMer äußert, andere BDSMer zu tolerieren? "Ich toleriere Anderslebende", heißt es dann und manchmal wird auch ein gerne eingefügt, was einen Hauch von Großzügigkeit vermittelt.
Um den geneigten Leser nicht auf eine falsche Spur kommen zu lassen, will ich die Bedeutung des Begriffes um den es hier geht, kurz darlegen. Der Duden definiert Toleranz folgendermaßen:
Toleranz = Duldsamkeit
tolerieren = ertragen, aushalten, durchstehen und zulassen.
Wenn man jetzt den Duden zur Seite legt und sich ganz modern durchs Internet klickt, findet man auch Interpretationen, wie:
Toleranz richtet sich auf Menschen, denen wegen ihrer Andersartigkeit sozialer Ausschluss droht". (wikipedia)
Betrachte ich mir diese Erklärungen als Gesamtheit, so komme ich zum Schluss, dass ein BDSMer dessen Lebensweise von anderen BDSMern toleriert wird, froh sein kann, von diesen nicht aus der Szene ausgeschlossen zu werden. Müsste er sich also nicht folgerichtig bei den anderen dafür bedanken?
Ein merkwürdiger Gedanke, oder?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass Dogmen, Normen und Richtlinien in der BDSM-Welt stark verankert sind und jeder, der dann sein BDSM etwas anders lebt, wird von den jeweils Anderen zum Schauspieler ausgerufen. Dabei scheint es dann sogar ziemlich egal, ob dieses Anderssein sich darauf bezieht, BDSM nun besonders ernst zu nehmen oder eben eine gegenteilige Sicht zu haben. Zum Ausgleich gibt es dann die Toleranz, die ständig und überall zum Ausdruck gebracht wird.
Ich stehe dieser Toleranz sehr kritisch gegenüber. Nicht zuletzt, weil sie sehr subtil dafür sorgt, dass Abwertung zu einer Art Gewohnheit wird.
Vor kurzem habe ich gelesen, dass sich Toleranz (Duldung) immer nur die Mächtigen und Mehrheiten leisten können. Ohnmächtige und Minderheiten können nicht tolerieren, sie können sich nur ducken und auf Toleranz hoffen.
Ich teile diese These und deswegen empfinde ich Akzeptanz weitaus erstrebenswerter als Toleranz im Sinne von dulden und hinnehmen.
Im Grunde wäre das meiner Meinung nach auch gar nicht schwer umzusetzen, denn Akzeptanz bedeutet ja nicht, dass man sich umarmen muss oder dass man immer einer Meinung zu sein hat. Sie zwingt mich noch nicht einmal, etwas oder jemanden zu mögen.
Es hieße im Grunde nur, dass es okay ist, wenn XYZ diese oder jene Neigung und Vorliebe hat, solange es einen Konsens zwischen den Beteiligten gibt und niemand schweren Schaden nimmt.
Insofern beinhaltet Akzeptanz lediglich anzuerkennen, dass andere eben anders sind und dass dem einen sin Uhl durchaus dem anderen sin Nachtigall sein kann. Ohne dabei Uhl oder Nachtigall allgemein als richtig oder falsch zu klassifizieren.
Akzeptanz - kann es sein, dass genau damit Einige ein Problem haben? Zumindest könnte ich mir so die Abgrenzungen und Ausgrenzungen erklären, die ich des öfteren schon wahrgenommen habe.
Ich habe versucht, mit diesem Artikel der Toleranz ihren fast schon heiligen Glanz zu nehmen, weil ich mich nicht nur frage, wieso toleriert wird, sondern auch, wieso so viele Menschen nach Toleranz rufen. Ich frage mich weiter, wieso sich Menschen innerhalb der BDSM-Szene lediglich Duldung erhoffen.
Meiner Meinung nach machen sich diejenigen so selbst zu einer Randgruppe innerhalb einer Randgruppe und bringen sich somit selbst in eine niedere Wertigkeitsposition.
Es sollte innerhalb der Szene keine Hierarchie, kein Machtverhältnis und in Folge dessen auch keine Elite geben. Und niemand sollte den anderen sozial ausschließen dürfen, weil dieser sein BDSM lebt - egal wie er es lebt. Nur so können meiner Meinung nach BDSMer die Erwartung an die Gesellschaft herantragen, mit ihrer Neigung sozial integriert zu bleiben.
Ich denke, es geht doch genau darum, dass das was BDSMer tun, einer akzeptablen Sexualität und Lebensform entspricht, die zwar anders, aber trotzdem anerkennungswert und somit integrationsfähig ist.
Mit dem Toleranzgedöns macht sich meiner Meinung nach ein Großteil der Szene nach außen hin unglaubwürdig und gefährdet somit die erfolgreiche Integrationsentwicklung, die wir zu verzeichnen haben.
Autorin Marvelous
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