oder: Welche Freiheit gibt mir das "nicht frei" sein?
[Ich habe in anderen Ausätzen schon geschrieben, dass SM von Widersprüchen lebt und sie eine Grundlage der SM-Praktik sind.]
Im wichtigsten Punkt kann und darf es aber keinen Widerspruch geben: dem Vertrauen als absolute Basis für eine Beziehung.
Vertrauen entwickelt sich innerhalb einer Beziehung, da sich beide Partner immer besser und intensiver kennen lernen.
Eine feste Beziehung kann aber erst eingegangen werden, wenn bereits ein grundsätzliches Vertrauen gegenüber dem Master besteht. Dies umfasst z.B. das feste Wissen, dass der Master alle anfangs besprochenen Vereinbarungen, Tabus einhält, bevor der sklave sich in Abhängigkeit begibt. Würden solche Gespräche und "besseres" Kennen lernen erst später erfolgen, kann die grundsätzliche Vertrauensbasis (noch) nicht bestehen und der sklave hätte nicht wirklich freiwillig eingewilligt, da er sich auf etwas eingelassen hätte, was er noch nicht wirklich absehen konnte.
Das gilt für feste Beziehungen (ganz besonders für 24/7), aber in begrenztem Rahmen auch für Sessions.
Erst wenn der sklave ein ausreichendes Vertrauen zu seinem Master hat, kann er sich in sein Eigentum und seine Hände geben.
SM ist vielschichtig und nicht jeder Untergebene strebt die Unfreiheit an. Nach meiner Meinung ist die Unfreiheit ein Grundprinzip des Sklaventums, also derer, die sich als sklave fühlen.
Die Unfreiheit besteht darin, dass der sklave alle Rechte über sich ausnahmslos seinem Herrn abgibt. Der sklave hat dann kein Mitspracherecht mehr über alles, was ihn betrifft: Freizeitgestaltung, Verfügbarkeit, Kleidung, Ausgang, Bettzeiten, Schule oder Beruf, besonders auch seiner eigenen Sexualität ... restlos alles.
Der Master trägt ganz allein die Verantwortung über seinen sklaven. Deshalb könnte man auch sagen, dass der sklave in einer Beziehung mehr "konsumiert". Im Gegensatz zu seinem Master kann sich der sklave total fallen lassen und braucht "nur" noch zu gehorchen und dienen. Er verliert die Last der Verantwortung für sein Tun und Handeln und befreit sich von dieser Belastung und von Abwägungen über Entscheidungen über sich.
Bei Problemen, Sorgen usw. weiß der sklave, an wen er sich sofort wenden kann und muss. Sein Master ist da und steht zu seinem sklaven. Der sklave weiß, dass sein Master ihn nicht fallen lassen würde; außer der sklave verstößt selbst gegen Vereinbarungen und Abmachungen.
Sein Master vermittelt dem sklaven Werte, die er für ein "normales" Leben in der Gesellschaft braucht, aber auch für sein Leben als sklave.
Denkt man über den Begriff "Freiheit" nach, stellt sich schon anfangs die Frage, ob ein Mensch überhaupt frei ist. Gesellschaftliche Normen und Anforderungen fesseln jeden Menschen, auch einen Master. Der sklave lebt in Unfreiheit zu seinem Herrn. Er kennt das Gefühl, abhängig und ausgeliefert zu sein, weshalb der gesellschaftliche, normative Druck für ihn geringer scheint, als für Nicht-sklaven.
Daraus folgt eigentlich eine andere Frage: Bedeutet die "Unfreiheit" des sklaven dann nicht sogar eine größere Annäherung an "Freiheit“? Begibt sich nicht eher der Master in eine "Unfreiheit" mit der Übernahme einer großen Verantwortung und befreit den sklaven dadurch?
Ich will diese Fragen hier nicht beantworten (indirekt habe ich es schon getan), sondern möchte dem Leser die Freiheit lassen, sich darüber Gedanken zu machen und eine Antwort zu finden.
Das bedeutet nicht, dass ein sklave nicht denkt.
Ein nichtdenkender sklave ist für seinen Herrn nichts wert und ist nutzlos. Willenlosigkeit bedeutet den Willen, zu dienen. Ein sklave denkt mit seinem Herrn und gemeinsam mit ihm. Der Herr lenkt in Gesprächen, aber geht auf seinen sklaven ein.
Ein sklave, der nicht denkt, kann nicht in der Lage sein, sich vor einer Beziehung mit dem Wissen aller Konsequenzen für diese Beziehung und die Selbstaufgabe zu entscheiden.
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