Ja, diese Frage ist durchaus ernst gemeint. Denn wenn ich mir so überlege, wobei BDSM alles helfen soll, kann ich nur den Kopf schütteln. Soweit ich weiß, gehen die Meinungen darüber, ob BDSMler durch eine problembelastete Vergangenheit zu ihrer sexuellen Neigung finden, extrem auseinander. In diese Debatte möchte ich mich auch gar nicht einklinken. Aber ich komme schon ins Grübeln, wenn ich über psychisch instabile Menschen (in der Regel Frauen) lese, die durch dominante Handlungen „geheilt“ werden. Schafft BDSM das?
Ich könnte sofort ein Beispiel anführen, wo das tatsächlich passiert bzw. sich für den Zuschauer so darstellt. Der Film SM-Richter (wir sprachen schon kurz darüber). Die Geschichte um eine Frau, die aus ihren schweren Depressionen herausfindet, weil ihr Mann ihre sexuellen Bedürfnisse – hier die extreme Sehnsucht nach Schmerz, nicht nur akzeptiert, sondern mit ihr gemeinsam auslebt. Aber – klar muss jetzt ein Aber kommen – nicht BDSM heilt ihre Depressionen, sondern sie hat Depressionen, weil sie ihre sexuelle Neigung zu unterdrücken versucht. Ergo – schlechtes Beispiel. Und die Couch hätte hier wohl ohnehin nicht viel ausrichten können.
Ein anderes, auch das war kürzlich Thema: Romane, in denen Frauen durch das Engagement eines Masters tiefe Wunden in ihrer Psyche überwinden. In der Regel funktioniert das nach folgendem Schema: Frau wird mit Überzeugungskraft (welcher Art auch immer) dazu gebracht, sich freiwillig in die Hände des Masters zu begeben. Der macht ihr zuallererst klar, dass es gilt, die eigene Scham zu überwinden und den eigenen Körper zu akzeptieren (aus unerfindlichen Gründen kann das kaum eine von ihnen). Hat sie das geschafft, geht es ans Eingemachte. Er dominiert sie so lange (hier setzt dann das Wechselbad aus Lust und Qual ein), bis sie, von den Ereignissen und seiner Präsenz bis ins Mark erschüttert, loslassen kann, was gleichbedeutend ist mit über seelischen Schmerz, mentale Verletzungen etc. sprechen zu können. Naja, nicht auf der Metaebene ;-) Der Master sagt noch ein paar nette Worte, so was wie, sie solle endlich erkennen, dass sie liebenswert und großartig sei und das Schlimme überwinden müsse, jetzt, da sie es endlich angesprochen hätte. Und ruck-zuck ist Heilung in Sicht. Genial, oder? Heißt auf den Punkt gebracht: Wer es schafft, sich nackig zu machen, spart sich bei Problemen den Psychiater?
Dumm, dass auf diese Weise eine ganze Armada von Merkwürdigkeiten über BDSM verbreitet wird. BDSM per se als Mittel zur Heilung zu betrachten, finde ich sowieso total gefährlich. Sicher bin ich mir aber in einem: Wir brauchen diesbezüglich mehr Aufklärung. Es reicht nicht, das BDSM-Interesse bei Frauen zu belächeln. Es reicht nicht, die Arena anstandslos den Erotik-Autoren zu überlassen, ein paar Filmemachern, Künstlern oder Komikern. Ich wünsche mir mehr ernsthafte Betrachtungsweisen dieses Hypes. Vielleicht kommen wir dann über das Stadium der bloßen Befunderhebung (sprich: Meinungsumfragen und Zahlenkolonnen) hinaus.
Binemaja schrieb am 28.10.2014
Hallo Vicky,
Biene81 und ich haben wohl grad den selben Roman gelesen .
Und obwohl ich bis dato noch über keine Erfahrung im Bereich BDSM verfüge, ist mir grad durch die Webseite hier ganz extrem bewusst geworden, dass es einen eklatanten Unterschied zwischen Realität und Büchern gibt . Romane sind und bleiben Fiktion. Deshalb war ich nach dem Lesen dieses Buches schon irgendwie erschüttert. Ich dachte mir nur, was wenn das jemand liest, der keinerlei Infos hat und solch ein Vorgehen für real übernimmt. Da wird im Buch eine ziemlich traumatisierte Frau ohne weitere professionelle Unterstützung durch Psychologen etc. nur durch BDSM "geheilt". Au weia.
Ich finde es wirklich gut, dass dieses Thema von dir aufgegriffen worden ist.
In diesem Sinne - weiter so.
LG, Binemaja
Hallo Binemaja, ich glaub, jetzt will ich aber irgendwie wissen, was das für ein Roman ist. Nachdem Biene81 schon davon berichtete, hab ich ja so eine Vermutung ... Ihr könnt mir den Titel als Kommentar schreiben. Ich lasse ihn unveröffentlicht.
Aber genau das, was du sagst, überlege ich mir auch oft. Dass diese Geschichte, also die angebliche "Heilkraft" von BDSM, jemand für bare Münze nehmen könnte. An dem Feedback zu diesem Beitrag meine ich auch erkennen zu können, dass meine Befürchtung nicht aus der Luft gegriffen ist. Wir können nur hoffen, dass Betroffene sich sehr genau informieren, wenn sie wirklich Hilfe brauchen. Und dann auf eine Seite wie diese hier stoßen, die so unglaublich informativ ist. Ich selbst habe noch lange nicht alle Texte auf gentledom.de gelesen. Aber ich bin immer wieder beeindruckt, wie detailliert und vor allem auch offen die verschiedensten Themen hier besprochen werden.
Liebe Grüße und ich freu mich über eine kurze Titelangabe ;-) Vicky
PS: DANKE - meine Vermutung ;-)
Wounded-Angel schrieb am 28.10.2014
Hallo Vicky,
( lächeln ) ähm ja doch ich lege mich schon mal auf die Couch ja und mir geht es danach auch sehr gut nach der ,,Behandlung''. Allerdings ist es meine eigene Couch !!!
So aber jetzt Spaß bei Seite!
Jeder muß für sich selber wissen (oder auch nicht) warum er so empfindet.
Es gibt nun mal diese Art seinen Sex auszuleben aber auch noch andere.
Ich bin ein Mensch der nicht nur geht (Spatziergang) sonder auch läuft(Joggen) und das ist auch normal (hoffe ich), da wundert sich keiner darüber. Aber wenn du deinen Sex anders praktizierst als Vanilla :-) / Blümchensex ist es was anderes:-\ ?
Nach langer überlegung bin ich dazu gekommen das ich nicht ,,krank'' bin ( gut etwas erkältet) zumindestens nicht mehr oder weniger als andere ,,normale Menschen'' nur weil ich die etwas andere Spielweise bevorzuge.
Bin auch in einem intakten Elternhaus aufgewaches und habe keine Haue bekommen
ich meinte jetzt früher ;-)
Vielleicht hab ich ja das BDMS-Gen, keine Ahnung :-) Ich habe diese Art zu spielen kennen und lieben gelernt und wenn es mir nicht gefallen würde, würde ich es nicht machen.
Wobei ich sagen muß das ,,Ruby'' bei mir Kopfkino ausgelöst hat!
So eine von der Krankenkasse bezahlte monatliche Sitzung bei einen Dom-Pychologe der genau analysiert warum du das was er mit dir grade macht unbedingt brauchst!
Also ich wäre dabei:-)
Lieben Gruß Wounded-Angel
Hey, Wounded-Angel, entwickeln wir da gerade eine ganz neue Form von "Therapie"? Ganz hübsch, die Idee. Da mach ich auch mit - scheint mir ein ungefährlicher Anfang zu sein *grins
Wieder schön, dein Kommentar. Danke!
Liebe Grüße, Vicky
gnaedigste schrieb am 28.10.2014
analog der mär die liebe heilt alle wunden, ist die dem bdsm von manchen angedichtete heilkraft einzuschätzen - es mag die eine oder der andere ihre/seine lehren aus einer beziehung ziehen, sich entwickeln, sich am partner reiben, mit ihm/an Ihm wachsen, aber durch eine neigung geheilt werden - nein dies in aussicht zu stellen ist scharlatanerie
Treffend formuliert, Gneadigste :-) Ich entnehme deinen Worten, dass auch dir die Behauptung, BDSM könne heilen - hin und wieder untergekommen ist. Sie scheint doch verbreiteter zu sein, als ich dachte ... Und Liebe heilt nicht alle Wunden? Da hätten wir fast ein neues Thema ;-) Danke für deine Inspiration.
Liebe Grüße, Vicky
Sunshine schrieb am 28.10.2014
OH Weh.
Also auch ich bin der Meinung das BDSM keinesfalls die Couch ersetzt.
Sicher manche könnten so Fehlgeleitet Denken,was irgendwie Beängstigung auslöst.
Böse Geister trägt glaube fast jeder mit sich herrum.
Das einzige was ich wirklich dazu sagen was BDSM in meinem Fall zum Positiven gewendet hat ist,das ich eine Positivere Einstellung meinem Körper gegenüber bekommen habe,denn durch manche Spielchen habe ich nun gelernt ihn zu Fühlen und den Gedanken des sehens mal ausgeschaltet.Ich Fühle mich gerade nachdem wir Gespielt haben Weiblicher,keine Ahnung wieso es so ist,aber ich möchte es nicht mehr missen wollen.
In den Romanen ja das Thema haben wir ja schon so einige male angesprochen ist es immer so Perfekt *lächel* auch die Problembewältigung,und man kommt natürlich ins schwärmen,wenn es doch so einfach wäre.
Ist es aber nun mal nicht.
Aufklärung ja da muss unbedingt etwas getan werden,aber Bitte nicht durch das TV *augenroll*
Das wäre dann ja auch mal ein Interessantes Thema*schmunzel*
Ich mache mir schon seid längerem so meine Gedanken über all diese Themen ,und versuche durch das Schreiben meine Gedanken dann zu sortieren,gerade was das Bild von BDSM Gesellschaftlich immer noch da stellt,und manch einer uns zu Therapieren versucht weil das alles doch Unnormal sei*kopfschüttel*
Bin sehr Gespannt wie es hier weitergeht :-)
LG Sunshine
Aufklärung im TV? Ich glaube, Sunshine, das funktioniert in der Tat nicht ;-) Aufklärung im BDSM-Kontext stelle ich mir auch viel komplexer vor, als vielleicht zwei, drei Fernsehsendungen dazu.
Aber was du über das Verhältnis zu deinem Körper sagst, finde ich interessant. Wenn BDSM dafür sorgt, dass man als Frau seinen Körper positiver wahrnehmen kann, ist das in jedem Fall ein Gewinn. Und vielleicht sorgt BDSM grundsätzlich für einen anderen Umgang mit der eigenen Weiblichkeit. Darüber ließe sich auch hervorragend diskutieren :-)
Danke für dein Feedback, Sunshine, und liebe Grüße, Vicky
Biene81 schrieb am 28.10.2014
Hey Vicky
Ob man durch BDSM geheilt wird, bezweifel ich doch recht, dann könnten ja die ganzen pyschologen einpacken ^^ ( aber wie du schon schreibst, in den Romanen sind ja alle die weiblichen Protas irgendwie verrückt oder haben was schreckliches erlebt, finde das zwar immer spannend, da es ja nur ein Roman ist, aber leider gibt es immer wieder welche, die an das glauben was im Buch steht ....und meinen so ist das und begeben sich auf gefährliches Terain )
Ich hab ja grad selber ein Roman zuende gelesen ( ich liebe die Geschichten von der Autorin )
Wo das Mädel schreckliches erlebt hat und durch ihren Master geheilt wurde ( und das bei einer heftigen Session ohne Safeword ) Hmmm ich weiß nicht so recht was ich davon halten soll ( ich meine ich kann fiktiv von Real unterscheiden, aber manche können das nunmal nicht )
Ich hoffe du verstehst was ich schreibe ( ich bin da nicht so gut drin, mein gedachtes in Worte zu fassen, ich schreibe dann eher wirr durcheinander ) ich hoffe du hast Nachsicht mit mir ;)))
Ganz liebe Grüße von einer die dein Blog super gerne verfolgt
Alles gut, Biene :-) Ich glaube, dass viele Leserinnen, die hinsichtlich BDSM keine Erfahrung haben, genau mit solchen Romanen ein Problem haben: Was ist real, was ist fiktiv? Oder besser gesagt: Sie erkennen das Problem gar nicht, weil sie möglicherweise einen Großteil dessen, was geschrieben steht, für real halten. Und genau an der Stelle ist dann aus meiner Sicht die Aufklärung notwendig.
Liebe Grüße, Vicky
Ruby schrieb am 28.10.2014
Also, ein Definitives nein, es ist kein Ersatz und es sollte auch ein NOGO sein, zu versuchen (leider machen es viele) sich über BDSM die Couch zu ersparten.
Mit einer ausmahne, Dom ist selber Psychologe, Psychiater oder Soziologe und hat wirklich Ahnung von Psychologie und menschlichem Verhalten. Dann hat man aber einen ganz anderen Ausgangspunkt.
BDSM beseitigt nicht das Problem in sich, das man mal erst lernen muss zu verstehen, bevor man es beseitigen kann oder lernt damit zu leben. Es legt meistens nur einen Schleier darüber, manchmal hilft es einige Zeit oder länger, aber irgendwann kommt es dennoch wieder ans Tageslicht. Spätestens dann wenn der BDSM mal futsch ist, aus welchen Gründen auch immer.
Wer Probleme hat, sollte wirklich die professionelle Couch aufsuchen und BDSM, sofern es keine Pathologische Befriedigung ist, als begleitende Unterstützung nebenbei betreiben. Alles andere ist Kontraproduktiv.
Meine Meinung. ^^
Ruby
Schön, dass du dich hier zu Wort meldest, Ruby. Gerade von euch, die ihr erfahren seid, sind Kommentare äußerst hilfreich.
Ich unterstütze deine Meinung, BDSM würde bei psychischen Problemen den Therapeuten nicht ersetzen. Wobei mal dahingestellt sei, was als psychisches Problem gelten soll und ob man zu dessen Klärung immer einen Therapeuten braucht.
Dass du noch einmal darauf hinweist, BDSM könne über einen gewissen Zeitraum solche Probleme verschleiern, finde ich sehr wichtig. Macht es doch die Ambivalenz deutlich, mit der man BDSM erlebt.
Danke für dein Feedback und liebe Grüße, Vicky