Frage eines Mitglieds: "Ich habe versucht meinem Mann BDSM nahe zu bringen, aber er geht nicht darauf ein, hält es für eine Spinnerei, findet die Szene "abartig". Wie soll ich ihm meine Bedürfnisse nahe bringen wenn er mich am Ende vielleicht dafür verachtet?"
Ich fange als Erstes mal von der Sicht deines Mannes aus an, denn das ist eine Seite die man oft vor lauter lauter gar nicht so auf dem Schirm hat:
Verzwickt an einer jahrelangen Beziehung in der nicht über Neigungen und Wünsche gesprochen wurde ist, dass der Andere davon erstmal nichts weiß.
Es ist sehr leicht alles als Phase oder Spinnerei abzutun, man hat nie davon gehört, war ja auch immer alles gut, es ist kürzlich aufgetaucht - also wird es schon wieder irgendwann abtauchen.
Es steckt ja keiner im Kopf des anderen drin.
Er weiß nicht von jahrelang verborgenen Wünschen und Frauen sind Weltmeister im kaschieren von nicht erfüllten Sexleben und heimlichen Wünschen. Der Mann ist oft der Letzte der davon etwas mitbekommt.
So oder so ähnlich ist es tatsächlich sehr oft.
Das, gepaart mit der Art und Weise wie Männer von ihren Eltern auch erzogen werden.
Du hast also da einen erwachsenen Mann (oft zwischen 30 und 40+ rate ich einfach mal wild drauf los ^^) und dieser Mann hat seit er denken kann beigebracht bekommen dass man Frauen nicht schlägt.
Und nicht herabsetzt, nicht beschimpft, nicht "unangebracht" oder respektlos (den gesellschaftlichen Normen nach) behandelt,.
Und wenn man das tut und es kommt raus, dann schießt man sich ins soziale Aus.
Man denkt alles ist in Ordnung, das Haus steht, alles ist grün, draußen piepen die Vögel, eitel Sonnenschein mit Gartenzaunromantik und auf einmal kommt die eigene Frau (ich drücke das jetzt alles mal etwas flapsig aus) , mit der bis jetzt und auch seit Jahren alles noch schöner als im Ikea-Katalog war und sagt, mitten im Hype um Shades of Grey: Hey Schatz, wie wär's wenn du mich mal verhaust, fesselst, beschimpfst und demütigst? Da steh ich irgendwie drauf.
Erschreckt merkt der Mann: die eigene Frau und ist eben doch nicht unbedingt glücklich, doch nicht erfüllt, doch nicht Gartenzaunromantik, die ganze Dynamik könnte sich verschieben und alles ist auf einmal doch nicht ganz so wie man gedacht hat.
Das macht Angst und es ist einfacher davor die Augen zu verschließen und es als Spinnerei abzutun, als sich damit auseinander zu setzen oder auseinander setzen zu müssen dass man etwas neu definieren muss.
Es ist einfacher die Finger in die Ohren zu stecken und "lah lah lah, du spinnst doch und ich kann dich eh nicht hören" zu singen und zu hoffen dass der Andere danach "April April" sagt und alles ist nochmal wie gewohnt. Im Normalfall.
Und jetzt kommt dein Part. Auch ein Part der über Jahre weggeschlossen wird weil man sich nicht traut die eigenen gelernten Werte über den Haufen zu werfen und emotional "blank zu ziehen".
Denn wir haben gelernt: Frauen sind stark, wir gehören nur an den Herd wenn wir das wollen, wir sind selbstbestimmt und lassen uns nicht von Männern unterdrücken. Der erste Mann der uns schlägt hat den nächsten Stuhl am Kopf oder wird zur Polizei geschleift, der Lump, und vorschreiben lassen wir uns von der Männerwelt schonmal garnichts (Außer er fragt und sagt lieb bitte, denn Männer die sich benehmen wie Neandertaler sind Idioten).
Und Frauen die sich unterordnen (Pfui!! Bäh!!! Alice Schwarzer zu Hilf!!) sind hirnlose Zwergkaninchen oder armselige, fremdgesteuerte Würstchen. Und das sind wir nicht.
Wir wuppen Haus, Karriere, Kind, Mann, halten vieles am Laufen, sind dem Partner eine wertvolle Stütze, halten ihm den Rücken frei und regeln unsere eigene Front gleich noch mit dazu und wenn uns einer blöd kommt wird dieser postwendend verbal zum Origami-Schwan gefaltet.
Das heisst: Frauen geht es hier genauso (oder ähnlich) wie den Männern.
Denn wenn man andere Fantasien hat dann ist das abartig, pervers und im schlimmsten Fall krank.
Und man hat tatsächlich Angst, dass sich, wenn man sich outet, das eigene, geliebte Umfeld verändert und man für seine Sehnsüchte verachtet wird. Oder man auf einmal alleine da steht und der Mann trennt sich, irgendwas.
Also steht er da, mit den Fingern in den Ohren und will nicht hören was du sagst. Und du stehst auch da, mit den Fingern in den Ohren. Allerdings willst du nicht NICHT hören was er sagt, sondern du versuchst damit nicht zu hören was DU sagst und überlegst ob du diese Seite nicht unterdrücken kannst, ob du nicht ohne Leben kannst.
Klar kannst du. Hast du ja auch schon gemacht.
Und auf einmal bist du hier in der Com, weil etwas fehlt, weil da etwas ist und weil man die Schublade schließen kann und zwar fest. Dann stapelt man ganz viel davor, verschließt die Zimmertür der Fantasie, schmeißt den Schlüssel weg und zieht eine Mauer davor die man auch noch tapeziert damit es keiner sieht.
Ich habe jetzt die leidige (persönliche) Erfahrung gemacht: man kann es wegschließen, aber in einem schwachen Moment fliegt dir das ganze Konstrukt um die Ohren. Im blödesten Fall. Im noch blöderen Fall bist du einfach jahrelang unerfüllt und unglücklich und geißelst dich auch noch dafür weil du deinen Mann liebst und er einfühlsam und attraktiv ist und es dir trotzdem nicht reicht.
Und dort scheinst du jetzt zu stehen. Du hast die Tapete abgekratzt, den Schlüssel wieder hervorgekramt, deinen Mann an der Hand genommen und ich gezeigt: Schau mal Schatz, wir haben hier einen Raum, den kennst du noch nicht.
Das heißt, du warst mutig! Du hast einen Schritt in seine Richtung gemacht. Hast du schon versucht ein paar Elemente zu integrieren? SolcheSachen wie Fessel-Sets oder Klapse auf den Po oder so sind ja mittlerweile schon so integriert dass sie fast schon nach Vanille schmecken.
Ganz viele Grüße,
Darkness_s
SarahMarlen schrieb am 30.10.2014
Liebe Darkness_s!
Vielen Dank für deinen Text. Er ist wirklich gut geschrieben und hat mich wieder ein wenig an unseren Anfang zurückdenken lassen.
Ich hatte/habe zwar das Glück, dass mein Freund nicht so abwertend auf das Thema BDSM reagiert hat, aber ich habe trotzdem gemerkt, dass er es zunächst nicht so Ernst genommen hat.
Es ist ein großer Schritt sich gerade nach einer langjährigen Beziehung zu outen.
Man will den Partner nicht dazu bringen an ihm selbst oder an der Beziehung zu zweifeln, aber es passiert nun mal trotzdem. Auch wenn man versichert, dass man glücklich mit seinem bisherigen Sexleben war, weil man wie in meinem Fall nicht wusste was bzw dass einem überhaupt was fehlt, heißt das nicht, dass der Partner das so einfach glaubt.
Natürlich folgen dann auch weitere Fragen, wie "Kenne ich dich überhaupt?", "Warum hast du mir nicht vertraut und früher etwas gesagt?" "Kann ich dich überhaupt glücklich machen?"...
Auch wenn mir mein Partner damals (und auch heute noch) nicht alle seine Gedanken dazu mitteilen kann, weiß ich dass es er doch noch manchmal Zweifel hat.
Den Rat, den ich noch geben kann ist Geduld!
Wir stehen noch am Anfang und manchmal bin auch ich noch wieder am Zweifeln, weil ich gefühlt ewig auf den nächsten Schritt zu unserem BDSM warten muss.
Auch ich muss meinem Freund die Zeit geben, dass er sich insbesondere mit seiner eigenen Neigung auseinandersetzt.
Ich hatte ja, weil ich es ihm erst gesagt habe, als ich sicher war das BDSM mein Ding sein könnte, auch eine Menge Zeit um mich mit meinen Neigungen und Fantasien auseinanderzusetzen.
Noch eine kleine Anmerkung zum Thema Reden:
Natürlich gehört (viel) Reden dazu.
Aber nicht immer hilft es.
Ich habe gerade am Anfang Wörter wie BDSM, SM, dominant etc absichtlich vermieden bzw nicht immer "Fachtermini" für bestimmte Dinge oder für ein bestimmtes Verhalten verwendet.
Was ich zB noch heute als ersten großen Meilenstein betrachte, als er mich das erste Mal komplett ans Bett fesselte und was dann danach passierte.
Ich hatte ihm vorher die Fesseln zum Geburtstag geschenkt mit einem Zettel dabei auf dem Stand "Du darfst alles mit mir machen, was du willst". Zuvor hatten wir schon länger nicht mehr über das Thema BDSM gesprochen bzw ich habe es bewusst nicht angesprochen.
Das war das erste Mal, dass mein Partner wirklich in der dominanten Rolle war.
Ihm ist erst im Nachhinein aufgefallen, was er da getan hat, weil er in dem Moment nicht so viel nachdachte, sondern intuitiv handelte.
Natürlich funktioniert Reden etc nur, wenn er wirklich die Neigung besitzt.
Aber es dauert nun mal bis der Partner sich selbst mit dem Thema auseinander gesetzt hat und sein "inneres Outing" beendet hat. Und auch das passiert nur, wenn er tolerant und weltoffen genug ist um sich auch mit "unnormalen" oder perversen Themen auseinanderzusetzen.
Hoppla...ist jetzt etwas länger geworden. Konnte einfach nicht mehr aufhören zu schreiben.
Lg
Sunshine schrieb am 23.10.2014
Gut Geschrieben,vor allem aber auch ein doch Ernstes Thema mit einem leichten Schmunzeln betrachten zu können,und sich bei dem einen oder anderen Satz selbst zu erkennen :-)
Reden Reden und nochmal Reden,wenn man es denn kann,und wie du so schön Schreibst nicht gleich mit der Axt oder der Walze anrollen,ein Laubsäge und ein Hämmerchen tun es auch für den Anfang.
Manchmal Denke ich ,gerade für Paare wo einer mehr der andere weniger sich mit der Neigung auseinander setzt ,ist es um so wichtiger diesen Weg gemeinsam langsam zu gehen,auch wenn es nicht immer einfach ist.
Aber es hat auch vorteile,oder nicht? Wenn man gegenseitig,die Grenzen auslotet,und dem gegenüber bei der Wandlung zu sieht.
Denn es ist eindeutig eine Wandlung,man Blüht auf,sieht sich teilweise mit ganz anderen Augen.
Naja nun denn,eigentlich wollte ich nur mal ein Lob da lassen ;-)
LG
Für Fehler und Schrift haftet die Tastatur ;-)
Dem, liebe Sunshine, ist nichts hinzuzufügen :)
Danke für dein schönes Kommentar, ich habe ich sehr darüber gefreut!
LG
darkwing
Masha8 schrieb am 15.10.2014
Wenn dein Mann diese Neigung nicht teilt und er es nur dirzuliebe tut wird niemand glücklich. Natürlich findet er das pervers oder komisch weil er es in der Tiefe nicht verstehen kann und das macht ihm bestimmt Angst wenn er dir das nicht geben kann... Die frage ist nun wie kannst du damit umgehen....ohne eure Beziehung zu riskieren....in einer Therapie ansehen allein oder gemeinsam oder einen Geliebten aushandeln...das musst du wissen...
Einen Geliebten aushandeln. Auch eine der vielen Möglichkeiten die man hat, wenn man sich scheut auf den eigenen Partner zuzugehen.
Ich verweise hier auf einen Blogeintrag im offenen Blog mit einer Geschichte die die Risiken einer solchen Entscheidung vielleicht verdeutlicht:
www.gentledom.de/blog/Blogartikel/Offener-Blog/mein-weg-482/
Jeder muss sich natürlich mit den eigenen Entscheidungen auseinandersetzen.
Jeder muss sie fällen, die eigenen Entscheidungen und schlussendlich muss auch jeder von uns mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen leben.
Kommt man als Einzelperson damit klar wenn man sich jemanden "aushandelt"? Was bedeutet das überhaupt?
Kommt man mit dieser Art von Doppel-Leben zurecht?
Eine BDSM-Beziehung, wie auch immer man sie gestaltet, ist ein "Zeitfresser" und geht sehr in die Tiefe. Ist das mit dem eigenen Leben vereinbar?
Es ist eine emotionale Achterbahn, die auf allen Seiten Spuren hinterlässt. Will man das? Kann man das?
Und, wenn das Kind mal in den Brunnen gefallen ist, Kommt man mit den geballten Konsequenzen klar?
Man WIRD auffliegen, nicht jetzt oder gleich oder morgen, aber es kommt. Immer. Für die meisten (oder viele) Beziehungen ist das der Todesstoß. Ist das ein Risiko dass man bewusst eingeht? Blendet man es einfach aus und hofft aufs Beste? Wie geht man damit um?
Ich möchte keinen Verurteilen, jeder muss sich selber aussuchen mit was oder wem er oder sie glücklich wird.
Wir sind die Raumausstatter unseres eigenen Glücks, die Architekten unseres Lebens.
Und schlussendlich auch die Trümmerfrauen und -Männer wenn es in die Hose geht.
Die Idee einer Therapie finde ich hingegen gar nicht so schlecht. Nicht um BDSM "weg zu therapieren", sondern um mit den Konflikten und Problemen die sich ergeben, sei es alleine oder als Paar, zurecht zu kommen. Natürlich gibt es uns, die Paten. Aber professionelle Hilfe kann für Einzelpersonen eine fabelhafte Sache sein. Wir helfen auch gerne wenn es um das "HOW TO" der Therapeutensuche geht.
Viele Grüße,
Darkness_s
Ropeworker schrieb am 14.10.2014
Aus meiner rein subjektiven Sicht ist das hier geschilderte eine Problematik die tief verwurzelt schon mit der Erziehung von klein auf mitgegeben wird denn sie spiegeln die Ansichten der ach so feinen normalen Gesellschaft wieder.
Sicher ist es nicht einfach über seine Bedürfnisse zu reden wenn man es bisher nie getan hat. Einfach erklärt sagt dies nur aus man geht Schwierigkeiten aus dem Weg die kommen koennten.
Denn über seine Bedürfnisse zu reden heisst in erster Linie über den eigenen Schatten zu springen und seinem Partner gegenüber das innerste nach aussen zu kehren.
Erst wenn man diesen Schritt wagt und alles offen ausspricht erfährt man auch was der Partner oder die Partnerin als innerstes vielleicht für Wünsche und Bedürfnisse hat.
Dass die grossteils sehr unterschiedlich sein koennen versteht sich beinahe von selbst. Aber einen Versuch ist es allemal wert.
Dass dies grossteils nicht getan wird ist die Scheu über Dinge offen zu reden die man lieber bedeckt halten sollte weil man es im Elternhaus und im persönlichen Bekanntenkreis als auch von der ach so feinen Gesellschaft beigebracht bekommen hat.
Wenn man diesen Schritt erst einmal gewagt hat heisst es vor allem auch dass es Arbeit innerhalb einer Beziehung ist diese so am laufen zu halten wie es beide wollen.
Die Kommunikation vertieft sich , wird intensiver wenn man über alles redet aber auch das Erfahrungsspektrum des gemeinsamen Entdeckens bietet Möglichkeiten Seiten von sich neu zu entdecken die man bisher nicht kannte.
Das bedeutet noch mehr und intensivere Arbeit an und innerhalb der Beziehung
Vorausgesetzt wird aber immer der Willen beider Partner dies zu tun.
Eine(r) alleine steht da immer auf verlorenem Posten, deswegen ist der Gedanke was wird mein Partner über mich denken fehl am Platze wenn ich mich ihm offenbare
Ich danke dir. Hm, ja was schreibt man denn dazu...das muss ich mir noch überlegen, denn:
"Fehl am Platze" ist zwar die eine Seite, aber ändert dann doch nichts daran, dass der Einzelne schlicht und einfach ANGST hat sich zu offenbaren, oder sich mit seiner Offenbarung angreifbar zu machen.
Oder Angst davor hat mit dieser, seiner, Offenbarung die eigene Beziehung zu zerstören.
Angst und das daraus resultierende Meideverhalten ist vielleicht in diesem Fall nicht die offensivste Entscheidung, aber ändert es etwas am ursprünglichen Problem? Ich denke nein...
Ich verstehe deine Gedankengänge, Ropeworker.
Dennoch: Für viele ist es der einfacherer Weg, statt die eigenen Bedürfnisse dem jahrelangen Partner anzuvertrauen, ihm (oder ihr) Interesse oder auch die Fähigkeiten oder eventuell sogar kompatiblen Neigungen und die Fähigkeit zur Entwicklung abzusprechen und mit den eigenen Bedürfnissen "auszuweichen". In die Anonymität. Zu jemandem von dem man weiß dass man auf offene Ohren stößt, es dadurch auch weniger schwierig wird, man nicht verurteilt wird...
Ist es Scham vor dem Partner? Vor sich selbst? Ist es die Angst vor Ablehnung? Ist es die eigene Verletzbarkeit...ja, ja, ja und ja.
Und es ist okay Angst zu haben, es ist menschlich Scham zu empfinden, es ist natürlich zu versuchen unangenehmen aus dem Weg zu gehen.
Aber ein Schritt ist gemacht, wenn man sich dessen überhaupt erstmal bewusst wird.
Und du hast absolut Recht, lieber Ropeworker. Man braucht immer zwei zum Tango tanzen. Alleine schafft man es nicht.
Darkness_s