Liebe Leser,
Auslöser zum Schreiben dieses Beitrags war der Artikel "Psychologische Dynamiken hinter BDSM und ihre Tücken und ihre Freuden". Link: www.gentledom.de/schlagwoerter/warum/die-psychologische-dynamik-hinter-bdsm/
Wir Paten empfinden die dort dargestellte Sichtweise auf BDSM als höchst bedenklich, einseitig bis falsch. Die Schilderungen lassen uns vermuten, dass sich der Autor bisher ausschließlich theoretisch mit BDSM beschäftigt hat. Unsere Sorge ist, dass diese rein tiefenpsychologische Sichtweise auf BDSM für Menschen verwirrend bis schädlich sein kann, die derzeit ihre Neigung neu entdecken und mit der Integration dieser in ihr Selbstbild beschäftigt sind, innere Konflikte durchleben. Insbesondere, weil wir als Paten immer wieder von diesen Konflikten berichtet bekommen - und sie teilweise auch aus eigenem Erleben kennen.
Aus diesem Grund hat Darkness einen Beitrag verfasst, welcher sich BDSM auf etwas andere Weise annähert als der o. g. Psychologiebeitrag und dabei dennoch ähnliche Themenfelder behandelt.
Und wir sind natürlich gespannt darauf, Eure Sichtweise zu erfahren!
Viele Grüße,
Das Paten Team
Sind BDSMler Opfer? - Ein Entwirrungsversuch
In letzter Zeit erreichten uns vermehrt Mails von Menschen die, aufgrund von Definitionen die sie lasen oder aus Gesprächen für sich herausfilterten, in Frage stellten was sie, im Rahmen des BDSM, darstellen.
Ist was schiefgelaufen? Bin ich krank? War meine Kindheit etwa schlecht, stimmt etwa etwas mit mir nicht?
Bin ich Sub? Und wenn, auch ein/e „richtige/r“? Oder doch Switcher? Weil, so ALLES mit sich machen lassen….oder doch nicht?
Vielleicht dominant? Oder nicht? Oder…ein Opfer? Täter? Oder wie?
Was beinhaltet das überhaupt? Darf ich als Sub Wiederworte geben? Darf ich mir als Dom etwas sagen lassen?
Was darf ich eigentlich? Darf man eigentlich etwas dürfen??
Oder muss man etwa Klischees erfüllen, um etwas sein zu können? Und was sagt das Umfeld?
Sehr viele Fragen. Und zu jeder dieser Fragen gab es über die Jahre, Jahrzehnte sogar, ganze Kataloge an Antworten.
Man geht auf die Brutalität und missbräuchliche Verhaltensweisen dominanter Männer ein, der Wiederholung missbräuchlicher Muster zur Bewältigung zurückliegender Traumata der Submissiven, zu starken Müttern und/oder Unterdrückung und psychischem oder physischem Missbrauch in der Kindheit oder Jugend bei sämtlichen Seiten…und dann liest man wieder dass das bei manchen der Fall war, anderen wiederum nicht.
In diesem Ratatouille an wüsten, sich zum Teil widersprechenden Informationen muss man sich als Einzelperson erstmal orientieren und zurechtfinden.
Ich wehre mich mit aller Entschiedenheit dagegen, den dominanten Part als missbräuchlichen zu sehen, als Aggressor oder auch als gestörte Persönlichkeit (damit möchte ich allerdings nicht ausdrücken, dass so etwas nicht vorkommen KANN).
Ich sehe auch den submissiven Part nicht als schwach und willenlos an.
In einem Gespräch sagte mir eine, mir mittlerweile sehr lieb gewordene Vertraute, sie hätte nie so viele starke Frauen wie im Bereich BDSM kennengelernt. Diese Meinung teile ich.
Man braucht einiges an persönlicher Stärke, Mut und eine ebenso starke Persönlichkeit UM den Mut aufzubringen sich gegen den Strom zu stellen und sich, entgegen gesellschaftlicher Normen, seiner submissiven oder auch dominanten Art zu stellen.
Verwunderlich finde ich auch, wie wenig die Beziehung und das Zusammenspiel zweier Menschen an sich in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen.
Hier treffen sich im besten Fall zwei Individuen, die sich, aufgrund ihrer eigenen Bedürfnisse, vollkommen ergänzen und aufeinander eingehen. Die sich auch ihrer Motivationen bewusst werden müssen wie auch werden und sich mit dem anderen intensiv auseinandersetzen müssen, damit alles zur beidseitigen Zufriedenheit funktioniert.
Die viel Zeit investieren und noch mehr Arbeit aneinander und miteinander auf sich nehmen müssen, um zu dem gemeinsamen Ergebnis zu kommen dass schlussendlich beide erfüllt und befriedigt.
Dazu muss man sich vorerst klar werden: Wer bin ich? Was brauche ich? Was muss der Andere mitbringen und wissen, damit dieser Punkt erreicht wird? Erreicht werden kann?
BDSM ist ein intensives und kraftvolles Zusammenspiel von Aktion und Reaktion, bei dem beide Seiten auf den anderen angewiesen sind um Erfüllung zu finden.
Sonst könnte sich der Dominante Sadist z.B. auch einen Sandsack kaufen.
Oder der submissive Masochist könnte sich genüsslich an einem Samstagabend mit sich selbst verabreden und sich mit der Gerte vor dem Spiegel bei Kerzenschein den eigenen Hintern verhauen.
Auch die aktiven Knotenkünstler könnten ihre Kunst mit einer Mandarine und einem Wollfaden verfeinern oder im „Hängebondage mit Toaster“ ihre eigene, persönliche Erfüllung finden.
Gerne wird auch vergessen dass der submissive Partner in diesen Verbindungen im Regelfall mitnichten der missbrauchte ist. Zur Seite geschoben wird in diesem Fall auch gerne der Aspekt, dass auch der Submissive eine Motivation hat.
Sei es durch Unterordnung, Unterwerfung oder Ergebung, dem Abgeben von Kontrolle oder dem Verarbeiten oder Erdulden von Schmerz an einen Punkt zu kommen, der es einem ermöglicht die Kontrolle abzugeben.
Um z.B. das Hier und Jetzt auszuknipsen und sich ganz auf das Sein und das Geschehnis konzentrieren zu können und einen Punkt zu erreichen an dem eigene Sorgen oder der Alltag keine Rolle spielen. Oder um sich selbst in der Handlung zu verlieren.
Oder um tief ins Subspace abzutauchen und schlussendlich den folgenden Endorphinrausch genießen zu können.
Oder sei es, daß man (auch unbewusst) Negatives anstaut und nicht in der Lage ist diese negativen Energien, woher auch immer sie kommen, von sich abfließen zu lassen. Es aber mit Hilfe vom Partner, der über genug eigene Stärke, Dominanz, Selbstbewusstsein und Stabilität verfügt um damit klarzukommen dass er von einem angespannten, wütenden Geschoß provoziert und/oder angegriffen wird und es mit Körperkraft oder psychologischen Mitteln schaffen muss diese Energien zu kanalisieren und durch etwas das er oder sie tut abzuleiten um dem anderen damit Ruhe, Ausgeglichenheit und Entspannung zu ermöglichen, was bei weitem kein leichtes Stück Arbeit ist.
(Trotzdem möchte ich ganz klar darauf hinweisen, dass alles hier Aufgezählte nicht für zutreffend sein muss. Es gibt schlicht und ergreifend zu viele, individuelle Motivationen, um sie alle niederzuschreiben.)
Für alle Möglichkeiten, alle persönlichen Eigenarten des Spielpartners, Partners, Mitspielers, muss man sich auf beiden Seiten weit öffnen. Den anderen unglaublich nah an sich ranlassen. Viel Vertrauen aufbauen und sich gegenseitig wirklich gut kennen.
Natürlich kann das ins Auge gehen. Das kann sogar sehr ins Auge gehen.
Gerade wenn man sich nicht die Zeit nimmt die man eigentlich bräuchte um den anderen richtig kennenzulernen. Oder man trennt sich und es entstehen dadurch Verletzungen die Fehlhandlungen triggern.
Auch Fehleinschätzungen haben zum Teil schwerwiegende Folgen.
Auch deswegen wird im Bereich des BDSM so viel Wert auf die Kommunikation gelegt, auf die Gefühle und Eindrücke des anderen und die Antennen für feinste Zeichen werden ausgefahren, die Sinne extrem geschärft um in der Lage zu sein kleinste Hinweise des Partner wahrzunehmen und darauf reagieren zu können.
Auch wenn es hier Missbräuchliches geben kann und Einzelpersonen mit Vorsicht zu genießen sind (wie überall sonst auch, allerdings mit Rücksicht auf die „Materie“), persönlich wehre ich mich:
Gegen die „richtige“ Sub.
Die „Kampfsub“.
Den „aggressiven“ und „missbräuchlichen“ Dom, der ohne Rücksicht auf Verluste in eine Art „Blutrausch“ gerät.
Mag es ja geben. Aber bitte: Nicht verallgemeinern!
Wir sind kein kranker, sich ghettoisierender Haufen verhaltensgestörter Opfer mit schadhaftem Geist und grausiger Kindheit.
Wir sind Menschen.
Menschen die vielleicht ein bisschen mehr ihre animalische Seite zelebrieren? Die ihre „urzeitlichen Instinkte“ ausleben und ausleben lassen und sich darin wiederfinden?
Die sich darin auch zelebrieren und es zulassen und genießen.
So hören sich für mich keine Opfer an.
Herzlichst,
darkwing
Fantasie13 schrieb am 07.11.2014
Hallo darkwing,
Ich befinde mich hier zur Zeit auf einer Achterbahnfahrt. Erst lese ich sehr faszinierende Erfahrungsberichte , die mich motivieren mein bdsm weiter zu erforschen bzw zu entdecken , dann die Berichte über Mißbrauch und Gefahren, die mich völlig verunsichern.
Dein Text relativiert das alles .... bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen ... nimmt mir die Angst.... dämpft aber auch die Euphorie....
und ich kann mich mit kühlerem Kopf auf das Abenteuer bdsm einlassen.
Dafür danke ich dir sehr.
Liebe Grüsse
Fantasie (absoluter Neuling )