Black Velvet, stell dich der Leserschaft bitte kurz vor
Ich bin Mitte 40, lebe in einer ländlichen Gegend in Bayern mit meinem Mann und zwei Kindern und wir führen eigentlich ein sehr (spieß-)bürgerliches Leben.
Wie sieht dein Alltagsleben aus?
Mein Alltag ist geprägt von vielfältigen Teilbereichen, ich bin Ehefrau, Sub, Mutter, Verwaltungsbeamtin, und all das eingebunden in einem stabilen sozialen Netz von Freunden, Nachbarn, Verwandten und geneigten Gleichgesinnten. Wir jonglieren mit den vielen Herausforderungen, die unser reales Leben mit sich bringt. Da merke ich auch, dass die Kraft eingeteilt sein muss und Zeit für Muße aktiv geplant sein will.
Da ich meine Neigung zu meinem großen Glück mit meinem Mann in einer sehr erfüllenden und glücklichen Ehe ausleben kann, prägt dies natürlich auch weite Teile unseres Alltags.
Seit wann reizt dich BDSM?
Die ersten diffusen Gedanken an ein Machtgefälle und den Reiz von Unterwerfung, Schmerz und Hingabe hatte ich schon relativ früh, mit Beginn der Pubertät. So richtig in Worte fassen konnte ich das damals noch nicht. Mit zunehmenden Lebensalter und den Möglichkeiten des Internets reifte dann ab etwa Mitte 20 die Erkenntnis, dass meine Neigungen etwas abseits der Norm meiner Freundinnen lag. Aber es war noch ein weiter Weg bis zur Offenbarung gegenüber meinem Mann.
Gab es einen markanten Auslöser an den du dich erinnern kannst?
Oh ja! wirklich nette Dessous mit Leoparden-Muster spielten eine erhebliche Rolle dabei. Ohne jeden Anlass zog ich mir diese besondere Unterwäsche an und wollte damit zu einer besonders langweiligen Musikstunde gehen. Mein Mann sah die Wäsche, konnte sich natürlich überhaupt keinen Reim darauf machen, und mein halb-neckendes, halb-lockendes "ist doch eh egal, wie ich angezogen bin - oder willst du etwa Sex haben?" ließ auf einen interessanten Abend hoffen. So war es dann auch, nach vielen Jahren im Dämmerschlaf erwachte eine neue Leidenschaft zwischen uns. Wir spürten, dass unsere Ehe an einem Punkt war, der gepflegten Langeweile einer langjährigen Beziehung und dem Chaos mit zwei kleinen Kindern etwas entgegenzusetzen.
Wie waren deine ersten Schritte ins BDSM?
In dieser Nacht haben wir nicht nur miteinander geschlafen, sondern auch viel geredet. Ich konnte ihm endlich in finsterer Nacht mein Herz ausschütten, hatte endlich Worte für meine Gedanken und spürte auch gar keine Scham, ihm alle diese geheimen Wünsche zu offenbaren. Erwartet habe ich von ihm eigentlich erstmal gar nicht so viel. Instinktiv habe ich schon zu Beginn unserer Liebesgeschichte vor über 20 Jahren gemerkt, dass er ein gelassener Mensch ist, mit vielen Kenntnissen und Fähigkeiten, mit einer inneren Reife, die Dinge sinnvoll zu ordnen und spürte ich eine ruhige Autorität bei ihm. Ohne konkret danach gesucht zu haben, hatte ich das perfekte Gegenstück an meiner Seite. Wir haben uns also herangewagt, die ersten Experimente mit Seil und Gerte gemacht, einige hübsche Dinge online bestellt und waren anfangs wie berauscht von all den Möglichkeiten unserer neuen Spielwiese.
Hat sich „dein“ BDSM im Lauf der Zeit verändert? Z.B.. Seitenwechsel?
Natürlich blieben Missverständnisse, Rückschläge, Angst und Tränen nicht aus. Da wir aber nicht nur Dom/Sub sind, auch nicht nur Mann/Frau, sondern wirklich sehr gute Freunde, konnten wir immer im Gespräch bleiben. Oft haben wir am Küchentisch beraten, abgewogen, verworfen, neu überlegt, wie wir leben wollen. Und letztendlich war eine rein sexuelle BDSM-Beziehung für uns nicht genug. Wir haben in vielen Jahren ein stabiles und krisenfestes D/s-Machtgefälle aufgebaut, das unser gemeinsames Leben ungemein bereichert.
Auf die dominante Seite bin ich noch nie gewechselt, dazu fehlt mir offensichtlich jede Veranlagung. Im Scherz foppt mich mein Mann gelegentlich, dass ich ihm doch auch mal was auf den Hintern geben könnte und ob ich wohl die Bestimmerin sein will, wenn ich in einer lustigen Situation ein etwas zu loses Mundwerk habe. Die Versuche meinerseits endeten für mich kläglich und für meinen Mann sehr spaßig - meinen Klaps hat er nicht mal wahrgenommen, obwohl ich meinte, mich nach Kräften angestrengt zu haben.
Welchen Stellenwert hat BDSM für euer Leben und für eure Beziehung und wie lebt ihr BDSM in eurer Beziehung aus?
BDSM durchzieht unser gesamtes Alltagsleben, bereichert unsere Ehe und ist für unsere Kinder und alle anderen Außenstehenden völlig unsichtbar. Das Machtgefälle ist das Rückgrat unserer Beziehung, es gibt uns beiden Sicherheit, ein Gefühl von "Angekommen-Sein" und ist immer der sichere Hafen in all dem Irrsinn des Alltags. Aber wir leben es trotz vieler Regeln und Gewohnheiten absolut diskret aus. Ich orientiere mich sehr gern an seinen Vorgaben, ich mag das Gefühl, artig zu sein und mein Mann schätzt es sehr, dass er mit mir eine ihm ergebene Sub und Ehefrau hat. Aber mindestens genauso wichtig ist es für uns beide, dass ich zusammen mit meiner Unterwerfung auch ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein und Temperament habe, ich bin in jeder Situation handlungsfähig, kann umsichtig und fähig den Alltag managen und bin ihm eine differenziert denkende und meinungsstarke Partnerin.
Unsere Beziehung lebt stark davon, dass ich mich an etliche Regeln halte, weil wir nur so das Machtgefälle aufrecht erhalten können. So nehme ich das Besteck erst nach ihm zur Hand, ich frage um Erlaubnis, bevor ich zu Bett gehe, ich mache morgens täglich ein Selfie vor dem Spiegel, ich widerspreche ihm nicht ungehörig in der Öffentlichkeit, er darf und soll in jeder Weise über meinen Körper verfügen, und am allerschönsten finde ich: nachdem er mich geschlagen hat küsse ich seine Hand sehr ernst, sehr ehrerbietig und schaue ihm dabei offen in die Augen. Das ist ein magischer Moment zwischen uns.
Gab es eine ganz besonders lustige Situation in deinem Leben, die einen BDSM-Kontext hatte?
Noch ziemlich am Anfang unserer Reise hat er mir aufgetragen, im Badezimmer hübsche Wäsche anzuziehen, mich mit einem Plug zu versehen und noch bestimmte Spielsachen mitzubringen. Dann sollte ich auf ihn warten. Ich kniete mich also brav auf den Teppich vor unserem Bett und wartete. Ich wartete sehr sehr lang, wagte nicht aufzustehen und verspürte Langeweile, Zorn, Verzweiflung und letztendlich schwere Müdigkeit. Irgendwann schlief ich scheinbar auf dem Boden ein. Mein armer Mann wartete ebenfalls sehr lange, spürte wahrscheinlich die gleichen Gefühle, nur leider wartete er im Wohnzimmer auf mich. Klassischer Fall von aneinander vorbei geredet, wir haben sehr gelacht, nachdem mein Mann mich gefunden und ins Bett getragen hat.
Welche Erfahrungen hast du bei der Partnersuche gemacht?
Die einzige Erfahrung war tatsächlich mein Ehemann. Und ehrlich gesagt, kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt auch überhaupt nicht vorstellen, BDSM mit jemand anderem auszuleben. Die gemeinsame Suche nach der richtigen Dosis BDSM in unserem Leben war zwar nicht frei von Konflikten und wir haben oft regelrecht um die passende Spielart gerungen. Insgesamt wollten wir das Projekt aber beide gelingen lassen und so ist der Draht zueinander nie abgerissen.
Was ist dir an deinem Partner am wichtigsten?
Mein Mann ist der Fels in der Brandung, der Taktgeber meines Alltags und mein bester Freund. Ich empfinde es als großes Geschenk, dass er absolut loyal zu mir und unserer gesamten Familie steht. Werte wie Verlässlichkeit, Umsicht, Ehrlichkeit und Integrität sind mir sehr wichtig. Wenn wir spielen ist es ein unschätzbarer Gewinn, dass mein Mann immer unsere Sicherheit sowie meine Möglichkeiten und Grenzen im Blick hat. Ich bin gut aufgehoben in seiner Hand, das macht mich sehr glücklich.
Wie sieht ein Spiel zwischen euch aus?
Mir ist ja eine ernsthafte Atmosphäre mit Kerzenschein, schöner Bekleidung und nur mäßigen Schmerzen am liebsten. Mein Mann hat da schon mehr Experimentierfreude und hält mich zur Erweiterung meines Horizonts an. Grundsätzlich besteht zwischen uns das absolute Einverständnis, dass er die Session nach seinem Geschmack und in seinem Tempo leitet. Weil ich weiß, dass ich bei ihm jederzeit sicher bin, habe ich überhaupt kein Problem, mich ihm hinzugeben. Sobald er merkt, dass mir etwas zu viel wird oder ich ihm dies rückmelde, verändert er die Spielbedingungen. Wir mögen beide den Reiz von Fesselung und Wehrlosigkeit. Ich selbst suche nicht unbedingt aktiv Schmerzen, um die Lust zu steigern. Es ist mehr so, dass ich Schmerzen hinnehme und für ihn ertrage, weil dadurch eine unglaubliche Nähe zustande kommt. Das erfüllt uns beide, wobei ich den scharfen Schmerz einer Gerte nicht so gerne mag, wie das etwas dumpfere Gefühl eines Paddles.
TALON Hast du mit deiner Neigung gehadert oder Schamgefühle? wie bist du damit umgegangen? Meine Neigung ist so sehr ein Teil von mir, dass ich damit nicht im klassischen Sinne gehadert habe oder Scham empfinden würde. Allerdings ist es leider so, dass sich bei nicht ausbleibenden Streitigkeiten innerhalb einer Ehe so ein kleines böses Teufelchen auf meine Schulter setzt. Dann kräht es ziemlich lautstark in mein Ohr, dass ich doch womöglich die ungeliebte Gerte oder den wenig geliebten Blowjob zurückweisen könnte, wenn mein Mann mir auch in der Alltagsangelegenheit XYZ nicht Recht gibt. Das finden wir beide total problematisch und ich fühle mich beschämt, das Eine gegen das Andere aufzuwiegen. Nachdem wir das ausführlich beleuchtet haben, konnte ich diese Regung eindämmen, denn unser Verständnis von BDSM ist keine "Schön-Wetter-Beschäftigung".
Ein paar Zeilen zu deiner Lieblings Location?
Wir sind eigentlich gar nicht klassisch in der Szene unterwegs, daher haben wir auch keine bestimmte Lieblings Location. Das eheliche Schlafzimmer ist meistens der Ort des Geschehens, zur Abwechslung auch mal heimlich der Wäschekeller oder ein abgeschiedenes Plätzchen in freier Natur. Ich spiele auch ganz gern in der etwas luxuriöseren Umgebung eines Hotelzimmers mit meinem Mann, da es auch den Vorteil hat, in aller Regel eine kinderfreie Zone zu sein.
Wo siehst du dich in 10 Jahren?
Da würde ich mir sehr wünschen, immer noch glücklich Seite an Seite mit meinem Mann zu leben. Die Kinder werden dann vermutlich selbständig geworden sein und wir haben hoffentlich etwas mehr Freiraum für unsere Neigung. Es wäre schön, wenn wir immer noch und immer wieder neue interessante Spielfelder entdecken können, aufgeschlossen und neugierig bleiben.
Vielen Lieben Dank für das Schöne Interview!
Interviewer Talon