Newblackshaddow, stelle dich kurz vor
Ich bin 61 Jahre alt. Ich habe meinen Mann 1980 kennen gelernt, da war ich 16 und er 20 1/2 Jahre alt. 1985 haben wir geheiratet. Wir haben 2 Kinder und 2 Enkelinnen.
Wie sieht dein Alltagsleben aus?
Seit unserer Hochzeit bin ich Hausfrau. Zum Einen, weil bei mir Epilepsie festgestellt wurde, zum Anderen, weil für uns Familie anders aussah, als wir es mit unseren Eltern erlebt haben. Meine Eltern waren selbstständig und hatten nicht die Muße für mich und meine Probleme und leider blieb ich Einzelkind. Die Eltern meines Mannes ließen sich nur wenige Jahre nach ihrer Hochzeit scheiden. Wir wollten es anders machen.
Als bei unserem Sohn Autismus festgestellt wurde, erwies sich unsere Entscheidung einmal mehr als richtig.
Ich hatte aber immer wieder Putzstellen, oder habe stundenweise andere Kinder mitbetreut, oder im Kindergarten als Springkraft ausgeholfen.
30 Jahre war ich ehrenamtlich sehr aktiv in den Bereichen Politik, Naturschutz und Jugendarbeit. Zuletzt war ich 10 Jahre Gemeinderätin in unserer Stadt. Inzwischen habe ich alle Ämter abgegeben. In einem halben Jahr geht mein Mann in Rente und vermutlich werden wir unseren Alltag dann neu überdenken.
Zur Zeit ist es so, daß ich meinem Mann alles abnehme, worauf er keine Lust hat. Nur handwerklich und technisch bin ich ein Totalausfall.
Seit wann reizt dich BDSM?
Schwierige Frage. Als ich meinen Mann kennenlernte war ich ja gerade 16 und ging noch zur Schule und er war bei der Bundeswehr. Irgendwie ergab sich ein "natürliches Machtgefälle". Wenn er heimkam, hatte er immer neue Ideen, was er ausprobieren wollte. (einfache Fesselungen, Anal, Spielzeug). Ich dachte:" Probiere es halt aus. Wenn es dir nicht gefällt, dann sagst du es halt." Wir probierten irgendwie ständig etwas Neues aus und hielten uns einfach für "etwas anders, als die da draußen." Über BDSM hatten wir schlicht keine Infos. Und was mich an BDSM reizt, ist die Fülle an Möglichkeiten. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken, auch wenn ich nicht wirklich in eine Schublade passe. Es ist eher so, daß "von Allem" etwas dabei ist.
Gab es einen markanten Auslöser an den du dich erinnerst?
Hm, nicht wirklich. Ich war schon immer neugierig.
Hat sich "Dein" BDSM im Laufe der Zeit verändert?
Ja. 2008 bekamen wir einen Internetanschluss und ich hatte somit Zugang zu jeder Menge Infos.
Meinen Mann haben die Infos allerdings ein bisschen "überfordert." So kam er auf die Idee, ich könnte mir ja einen Dom suchen. Den fand ich dann 2011 mehr oder weniger durch Zufall. Bis zu unserem ersten Treffen schrieben wir uns allerdings bereits acht Monate. Dass er im Nachbarort wohnt erfuhr ich da ebenfalls.
Danach trafen wir uns zu Dritt und besprachen wie das dann funktionieren könnte. (Solche Gespräche finden immer wieder einmal statt).
Mit meinem Dom kamen neue Einblicke in den Bereichen DS und SM. Ich probierte noch mehr aus, auch Dinge, die ich mich vorher nicht getraut habe. Meinem Selbstbewusstsein kam das ebenfalls zu Gute.
Hast du zwischendrin mal "die Seiten" gewechselt?
Da ich sehr neugierig bin, wollte ich natürlich auch wissen, ob ich auch dominant und sadistisch bin. Das ist mir allerdings viel zu anstrengend. Also hab ich es gelassen.
Außerdem wollte ich auch irgendwann wissen, ob mir Sex mit Frauen gefallen könnte. Ergebnis: Nett. Aber mit Männern gefällt es mir besser.
Welchen Stellenwert hat BDSM für euer Leben und eure Beziehung?
Es ist eine unglaubliche Bereicherung in unserem Leben und wir drei profitieren alle davon.
Wie lebt ihr BDSM in eurer Beziehung aus?
Mein Mann kann jeder Zeit über mich verfügen. Was DS angeht habe ich ihm einen Vorschlag unterbreitet und halte mich dran. Mein Dom fragt vor jedem Treffen, ob ich Zeit habe und wartet auf die Genehmigung durch meinen Mann. Das geschieht in der Regel 24 Stunden vorher.
Gab es eine besonders intensive, lustige oder ungewöhnliche Situation, die einen BDSM-Kontext hatte?
So spontan fallen mir zwei Ereignisse ein.
1. Mein Mann wollte Sex auf einem Autobahnparkplatz. Es war Sommer, etwa 21.30 Uhr und dort war wenig los. Wir begaben uns also hinter einen Müllcontainer und legten los. Auf einem Acker neben dem Parkplatz fuhren mehrere Bauern mit ihren Mähdreschern. Irgendwann wurde es verdächtig still und als wir das merkten, wurden wir uns bewusst, dass sie uns zusahen. Wir brachen dann ab und gingen lachend zum Auto zurück.
2. Mein Dom wollte mit mir an einen Baggersee, der in der Szene bekannt dafür ist, dass dort "Schweinereien" stattfinden und auch jede Menge Spanner unterwegs sind. Wie angeordnet war ich nur mit Bluse, kurzem Rock und Sandalen bekleidet. (Allerdings habe ich mir erbeten eine Sonnenbrille tragen zu dürfen und er sollte darauf achten, dass niemand mit dem Handyfotos macht). Wir liefen also bis zu der Stelle, die ihm gefiel. immer wenn uns ein Mann begegnete, hob er meinen Rock an und so "sammelte" er etwa ein Dutzend Männer ein, die uns folgten. Am Platz angekommen zogen wir uns aus und ich sollte mich selbstbefriedigen und ihn dabei oral befriedigen. In einer kurzen "Atempause" sah ich die Horde Männer um uns herum, wie sie an sich selbst herumspielten. Die Szene war so skurril, dass ich einen Lachflash bekam und schlich nicht weiter machen konnte.
Wie ist dein Lachflash ausgegangen auf dem Parkplatz? Habt ihr es irgendwann wiederholt? Oder war es durch den Lachflash einmalig?
Auf dem Parkplatz, das war einmalig. An dem Baggersee war ich mit meinem Mann nochmal. Wir haben uns einen von den Spannern mit nach Hause genommen und hatten einen netten Dreier. Danach sahen wir ihn nie wieder.
Welche Erfahrungen hast du bei der Partnersuche gemacht?
Mann und Dom habe ich durch Zufall kennengelernt. Aktiv gesucht habe ich beide nicht.
Was ist dir an deinem Partner am Wichtigsten?
100% Vertrauen und das man immer füreinander da ist, auch wenn es dem Anderen mal schlecht geht. Offenheit und Ehrlichkeit.
Wie sieht beispielhaft ein Spiel zwischen euch aus?
Hm. Meist ist es so, dass ich meine komplette Spielzeugsammlung ins Wohnzimmer trage. (Alles gut sortiert, so daß man schnell das findet, das man braucht. Mann oder Dom suchen aus, was ihnen gefällt und ich werde ins Wohnzimmer gerufen. Dann wird erst noch ein bisschen geschmust, bevor es losgeht. Und dann bin ich ganz brave Sub und gehorche. Trotzdem behält unser Spiel immer eine gewisse Leichtigkeit und zum Schluss gibt es natürlich auch Aftercare. Ins Detail will ich da jetzt aber nicht gehen, das ist zu privat. Da ich wenig No´s habe können meine Männer immer aus dem "vollen Fundus an Möglichkeiten" schöpfen.
Hast du mit deiner Neigung gehadert? Hattest du Schamgefühl?
Nö. Ich habe immer alles so genommen, wie es ist, ohne es zu hinterfragen.
Schamgefühl? Auch nicht. Ich war schon als Kind mit meinen Eltern am FKK-Strand und auch in der Sauna. Nackt sein war etwas Natürliches. Und sich selbstbefriedigen vor einem Mann, den man liebt ist für mich vollkommen normal. Irgendwann störten mich auch keine Zuschauer dabei. (Natürlich nur die, die zuschauen wollten).
Deine Lieblingslocation?
Unser Wohnzimmer. Da fühle ich mich sicher.
Wo siehst du dich in 10 Jahren?
Keine Ahnung. Ich bin 61, mein Mann wird bald 66 und mein Dom in einem halben Jahr 69. Mal abwarten, was die Gesundheit zulässt und wer von uns dann noch da ist.
Vielen lieben dank @newblackshaddow für das Schöne Interview!
Interviewer Talon