Entwicklung vom ICD-10 zum ICD-11 in Bezug auf BDSM

Die Klassifikation von BDSM im medizinisch-psychologischen Diagnosesystem hat sich mit der Einführung des ICD-11 im Vergleich zum ICD-10 grundlegend verändert und hat in Teilen die DSM-5 Ideen übernommen und ist sogar entpathologisierender als diese. Der ICD-11 adaptierte vom DSM-5 die Differenzierung, dass Paraphilien per se keine Störung sind, sondern nur dann diagnostiziert werden, wenn ein signifikanter Leidensdruck, Funktionsbeeinträchtigung oder Nicht-Einwilligung vorliegt. Dieser Wandel spiegelt eine moderne, aufgeklärte Sichtweise wider, welche die Einvernehmlichkeit und den Leidensdruck als zentrale Kriterien berücksichtigt.

ICD-10 (bis 2021)

  • BDSM, insbesondere Sadomasochismus, wurde unter den „Störungen der Sexualpräferenz“ (Schlüssel F65.5) pauschal als psychische Störung klassifiziert.

  • Die Einvernehmlichkeit der Praktiken spielte meist keine zentrale Rolle. Auch einvernehmliche BDSM-Praktiken konnten als behandlungsbedürftig angesehen werden.

  • Leidensdruck war kein zwingendes Diagnosekriterium; vielmehr galt die bloße Ausübung als Hinweis auf eine Störung.

  • Fetischismus und Fetischistischer Transvestitismus wurden ebenfalls als eigenständige Störungen geführt.

  • Die Diagnose wurde häufig pathologisierend genutzt und trug zum gesellschaftlichen Stigma bei.

ICD-11 (seit 2022)

  • Die Kategorie „Störungen der Sexualpräferenz“ wurde durch „Paraphile Störungen“ ersetzt und neu definiert.

  • BDSM wird nur noch dann als Störung betrachtet, wenn es mit erheblichem Leidensdruck, Zwangscharakter oder nicht-einvernehmlichen Handlungen verbunden ist.

  • Einvernehmliche BDSM-Praktiken ohne Leidensdruck oder signifikante Beeinträchtigung gelten nicht mehr als psychische Störungen und sind damit aus dem pathologischen Bereich herausgenommen.

  • Fetischismus und verwandte Praktiken werden nur noch dann diagnostiziert, wenn sie zu klinisch relevanten Problemen führen.

  • Für nicht-einvernehmlichen, schädigenden BDSM gibt es die neue Diagnose „Coercive Sexual Sadism Disorder“ (ICD-11-Code 6D33).

  • Ein zentraler Paradigmenwechsel ist die Betonung von Einwilligung, Selbstbestimmung, und das Vorliegen objektiv messbaren oder subjektiven Leidens.

Fazit der Entwicklung

Der Übergang vom ICD-10 zum ICD-11 zeigt einen bedeutenden Fortschritt in der medizinischen Beurteilung von BDSM:

  • Vom pauschalen Krankheitsbegriff wird hin zu einer differenzierten Betrachtung mit Fokus auf Einvernehmlichkeit und subjektivem Leid gewechselt.

  • BDSM gilt heute in einvernehmlichen Kontexten als Ausdruck sexueller Vielfalt, keine psychische Störung.

  • Nur zwanghafter, nicht-einvernehmlicher Sadismus mit erheblichem Schaden oder Leidensdruck ist weiterhin krankheitswertig.

Vergleichstabelle: ICD-10 vs. ICD-11 – BDSM und Paraphile Störungen

Thema / Diagnosebereich ICD-10 ICD-11 Kommentar / Bedeutung
Klassifikationssystem F65 – Störungen der Sexualpräferenz Kap. 6D3 – Paraphile Störungen Neu definierte Kategorie mit Fokus auf klinisch relevante und behandlungsbedürftige Formen
Sadomasochismus / BDSM F65.5 – Sadomasochismus (pauschal als Störung) 6D33 – Coercive Sexual Sadism Disorder (zwangsweise sexuell-sadistische Störung) Nur krankhaft, wenn nicht-einvernehmlich, schädigend oder mit Leidensdruck verbunden
Leidensdruck als Diagnosekriterium Nicht zwingend erforderlich Zwingend erforderlich für Diagnose einer Störung Essentiell für ICD-11: Subjektives oder objektives Leiden oder erhebliche Beeinträchtigung muss vorliegen
Einvernehmliche BDSM-Praktiken Oft pathologisiert, auch wenn einvernehmlich Nicht als Störung klassifiziert Einvernehmliche Praktiken werden als normale sexuelle Ausdrucksformen anerkannt
Fetischismus / Fetischistischer Transvestitismus F65.0 / F65.1 – als eigene Störungen Keine eigenständigen Diagnosen; nur bei Leidensdruck/Störung Fokus auf klinisch relevante Probleme, keine Pathologisierung von Vorlieben per se
Nicht-einvernehmliche Handlungen (Zwang, Gewalt) Nicht klar differenziert Explizit krankheitswertig unter „Coercive Sexual Sadism Disorder“ Klare Trennung zwischen strafbarem, nicht-einvernehmlichem Verhalten und Konsensualität
Therapiefokus / Ziel Heilung pathologisierter Sexualpräferenzen Unterstützung bei Leidensdruck und Förderung von Selbstbestimmung Moderner, weniger pathologisierender therapeutischer Zugang
Gesellschaftliches Stigma Verstärkt durch pauschale Pathologisierung Reduziert durch differenzierte, menschenrechtsorientierte Klassifikation ICD-11 trägt zur Entstigmatisierung sexueller Minderheiten bei
Wichtige ICD-Codes F65.5 (Sadomasochismus) 6D33 (Coercive Sexual Sadism Disorder)  

 

Also alles super?

Noch nicht ganz, die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. In Deutschland wird derzeit (Stand 08/2025) weiterhin die ICD-10 GM (German Modification, immerhin bdsm-freundliche Modifikationen, welche aber hinter dem 11er zurückliegen) für die Diagnosekodierung im klinischen Alltag eingesetzt. Die aktuelle verbindliche Version ist die ICD-10 GM 2025, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht wurde und verpflichtend in Ambulanz, Klinik und Abrechnung genutzt wird.

Der ICD-11 ist seit Januar 2022 als international gültige WHO Version verfügbar, jedoch in Deutschland noch nicht formal in das nationale Gesundheitssystem integriert oder verpflichtend eingeführt. Für die klinische Diagnosen- und Abrechnungspraxis wird die ICD-10 GM weiterhin verwendet, da die vollständige Implementierung des ICD-11 für Deutschland noch einige Jahre (vermutlich ca. 2028/9) braucht, unter anderem wegen notwendiger Übersetzungen, Anpassungen und Neuerungen im Abrechnungssystem.

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