Switcher - Fisch, Fleisch oder Exotisch?

Switcher - kaum ein Begriff ruft unter BDSMlern derart unterschiedliche Reaktionen hervor. Für manche sind sie weder Fisch noch Fleisch, keine richtigen BDSMler, entscheidungsunfähig oder einfach nur therapiebedürftig. Für wieder andere sind sie aufgrund ihrer Kenntnisse auf beiden Seiten der Macht geschätzte Spiel-, Lebens- und/oder Gesprächspartner. Auf jeden Fall haben Switcher im BDSSM einen Sonderstatus alleine schon deswegen, weil sie eine seltene Spezies sind. Aber stimmt das wirklich? Sind Switcher eine derart seltene Spezies? Oder sind nicht viel mehr BDSMler als es zugeben doch in Wahrheit ein bisschen Switcher?

War früher alles Besser?
Manchmal rufe ich mir meine "Wilde Phase" in Erinnerung. Ich lebte in Berlin. Ich kannte viele Menschen, die ihr BDSM mehr oder weniger intensiv auslebten, Tops, Bottoms, Switchern Doms, Subs, Pets, Slaves, Fetischisten, Bunnies und Rigger. Die Szene war Bunt, die Parties exzessiv. Man war als Switcher weder selten, noch etwas besonderes. Regelmäßig entdeckten Menschen aus dem Freundes- Und Bekanntenkreis neue Seiten an sich, währen andere klare Rollenverteilungen lebten, die einzementierter nicht hätten sein können. Es sah jedoch kaum jemand den anderen schief an dafür. Im Grunde waren wir alle einfach nur Perverse. Man konnte sich umsehen, sich ausprobieren, sich finden.

Heute lese ich im Internet von Diskriminierung und abfälligen Bemerkungen. Lese im Netz Fragen von absoluten Anfängern, die "sie als Sub/Dom" irgendetwas tun oder lassen "dürfen". Höre von Doms, die heimlich den Wunsch äußern auch mal verhauen zu werden oder Subs, die scheinbar in echte Identitätskrisen stürzen, wenn sie einmal den Drang verspüren, auch mal selber die Peitsche in die Hand zu nehmen. Das würde mich sehr traurig stimmen, wäre nicht das, was ich in meinem persönlichen realen BDSM-Umfeld auch heute noch erfahre. Da gab es eine Party, auf der wir als einziges Switcherpärchen auftraten, spielten und zunächst einige andere tatsächlich kurz verwirrten. Aber von Diskriminierung keine Spur, im Gegenteil, es war ein wunderbarer Abend. Mein Freundeskreis umfasst viele tolle einseitig ausgerichtete SMler auf beiden Seiten, von denen keiner je Switcher des Switchens wegen abwerten würde. Und wenn man Menschen direkt in lockerer Runde auf das Thema anspricht outen sich die "heimlichen Switcher" reihenweise. Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass das "Switcherproblem" stärker in der virtuellen Welt denn in der realen angesiedelt ist.

Die Henne oder das Ei?
Wenn ich mich Frage, woran das liegen könnte, rufe ich mir oft meine Anfänge in Erinnerung. In den späten 90ern gab es noch kaum Internet. Ich erfuhr von der ein oder anderen Praktik, probierte vieles aus, sah mich jedoch noch nicht wirklich als BDSMler. damals dachte ich, dass unter BDSM nur diejenigen fallen, die sich wirklich als "Herren" oder "Sklaven" sehen. Ich sah mich lediglich als jemanden, der seine Sexualität ein wenig mit Schmerz, Auslieferung und Adrenalin aufpeppte. Erst nach einem längeren Selbstfindungsprozess und mit einiger praktischer Erfahrung meldete mich im Jahr 2005 auf einer allseits bekannten Internetplattform an und ein Häkchen landete gleich bei "Switcher". Ich wählte mir diese Rolle nicht aus. Das hatte ich bereits lange zuvor getan - unbewusst, ich war hineingewachsen. Als ich den Haken machte gab ich dem Kind lediglich noch den richtigen Namen.

Heute werden die Menschen viel stärker mit Informationen über BDSM konfrontiert. Es fällt ihnen leichter zu erkennen, dass sie wohl irgendwie zu diesem Bereich affin sind. Sie lesen sich im Internet ein, manchmal sogar Jahre, bevor sie etwas ausprobieren. In dieser Zeit wählen sie sich oft bereits ihre Rolle aus, mehr nach dem, was sie sich erträumen, als nach dem, was sie erfahren haben. Haben sie sich entschieden, versuchen sie der gewählten Rolle gerecht zu werden. Ebenso werden alte Hasen von Anfängern mit der komplementären Erwartungshaltung an ein klares und eindeutiges Rollenbild konfrontiert. Die an sich sinnvolle Intention, Anfängern Informationen und eine Orientierungshilfe zu geben, führt zur vordergründigen Verbreitung eines streng dualistischen Rollenbewusstseins und damit zur Verdrängung der - durchaus nach wie vor zahlreichen - Switcher aus der Wahrnehmung.

Was tun?
BDSM ist zum Glück älter als das Netz und wird dieses denke ich auch in all seiner Vielfalt überstehen. Dennoch wäre es schön, wenn diejenigen unter uns, die sich von dem Vorstehenden ein wenig angesprochen fühlen zukünftig ein wenig lautstärker in diesem Medium zu Wort melden würden. Es wäre schön, wenn die alten Hasen fragenden Anfängern helfen würden, sich auch in der Grauzone zwischen Schwarz und Weiß zurechtzufinden. Es wäre schön, wenn Anfänger nicht mit Vollgas in ein vorgefertigtes Rollenbild eintauchen, sondern sich etwas Zeit für Ihre Selbstfindung lassen würden. Und es wäre schön, wenn man seine Neigungen im Netz häufiger nicht mit Häkchen hinter vorgegebenen Begriffen, sondern im Freitext definieren dürfte. Wie wäre es z.B. mal mit "Odschool Freestyle Kink"?

 

Autor Dr. Gaius Baltar

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