CNC, wenn ein Begriff plötzlich eine gegensätzliche Bedeutung erhält

Nachdem es in den letzten 24 Monaten zwei Anfragen wegen eines ignorierten Safewords bei einer cnc Session gab, habe ich mir die Entwicklung nochmals genauer angeschaut. Dabei bin ich auf eine Umfrage unter jungen BDSMlern gestoßen, bei welcher über 90% angaben, cnc als Spielart zu mögen und zu betreiben. Als ich mich zum ersten Mal mit dem Konstrukt beschäftigt hatte, waren es höchstens 20%. Was ist passiert, ist die Szene immer extremer geworden?

Der Begriff cnc steht für „Consensual Non-Consent“ also konsensual darüber einig zu sein, dass ein Konsens nicht nötig ist. Eine Bekannte beschrieb dies mal sehr treffend als „bewusstes Ja, zum Verzicht auf das Nein“, womit gemeint ist, dass auf die Ausstiegsmöglichkeit subseitig vollständig verzichtet wird. Wie also kann es sein, dass eine Szene, die Konsens als wichtigste Grundlage von BDSM ansieht, nunmehr auf den Konsens (wenn auch abgesprochen) verzichten will?

Kurz, will sie gar nicht! In den letzten Jahren hat sich die Definition von cnc schlichtweg verändert, es soll nunmehr doch immer eine Ausstiegsmöglichkeit geben. Man könnte dies natürlich positiv sehen, denn eine Szene, die kategorisch nicht-konsensuale Spielarten ablehnt, ist eigentlich eine sehr vernünftige Szene, in der ich mich selbst sehr wohl fühlen würde.

Warum cnc in den letzten Jahren unter neuen BDSMlern so ein „Erfolg“ ist, nun, es hört sich super an, das Labeling erzeugt das große Versprechen von Spannung und Aufmerksamkeit. Leider aber auch gefährliche Missverständnisse. Welche Definition aktuell in der Szene überwiegt, kann ich nicht sagen, und genau das kann zu großen Problemen führen. Vereinbaren Dom und Sub eine cnc Session und Dom geht von der „alten“ und Sub von der „neueren“ Definition aus, kann aus einem konsensualen Spiel im Grenzbereich eine echte Vergewaltigung und Missbrauch werden. Wenn mir schon zweimal von einer solchen Situation berichtet wurde, gehe ich stark davon aus, dass es beim besten Willen kein Einzelfall mehr ist.

Wenn der Wortlaut von etwas genau das Gegenteil von dem bedeutet, wofür es steht, wird es immer und immer wieder zu Missverständnissen kommen oder auch zur bewussten Ausnutzung dieser Diskrepanz. Das ist sehr gefährlich, und wäre eigentlich unglaublich leicht und dogmatisch einfach zu lösen: Aus cnc müsste man schlicht cncp machen, denn mit dem Play würde klar werden, dass es nur ein Rollenspiel ist, genauso wie Rapeplay, Edgeplay oder Ageplay, eben nur für eine einvernehmliche und gespielte Vergewaltigung steht. Gerade Play hat sich in der Szene als Zeichen für ein konsensuales Rollenspiel etabliert.

Wenn die neue Generation von BDSMlern aber lieber cnc beibehalten will, weil es sich intensiver anhört, wer bin ich, hierüber zu urteilen. Auch vor 10, 20 oder 50 Jahren nutzten BDSMler den Begriff Sklave und Sklavin und setzten dahinter kein Play. Natürlich wusste (fast) jeder, dass damit kein echtes Sklavenverhältnis begründet wurde und daher gab es zwar immer wieder Kritik an dem Begriff, dennoch hielt und hält er sich noch immer in der Szene. Im Gegensatz zu Sklave ist cnc aber nicht historisch in der Art geächtet, dass es selbsterklärend in unserer Gesellschaft keine echten Sklaven geben kann.

Ich finde den Schritt zur Umdefinierung von cnc nicht klug, aber ich kann damit leben. Es macht BDSM in diesem Bereich leider deutlich gefährlicher, aber BDSM besteht aus Kommunikation und sofern die neue Nutzung mit mehr Kommunikation und immer korrektem Konsens einhergeht, ist die Entwicklung gut. Ich persönlich glaube aber, dass selbst heute jeder versteht, was mit Konsens wirklich gemeint ist (nämlich mehr als nur ein Ja) und sehe die Auswirkungen. Wenn ich also auf der Suche nach jemandem für ein Rapeplay oder ähnliches bin, würde ich immer klären, dass ich cnc ablehne und, wenn, nur cncp betreiben würde. Wer dann meint, ich sei nicht der passende Spielpartner, um den ist es nicht schade.


Kommentare:


SamtSchatten schrieb am 22.08.2025


Kommunikation, wer nicht miteinander redet der begeht direkt zu Anfang bereits einen großen Fehler. Reden hilft und der Austausch von Schlagwörtern würde nicht zu meinem BDSM passen. Daher wird der Begriff cnc immer individuell mit Leben gefüllt, je nachdem was beide wollen.


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Eine gesunde Einstellung!

Thor_Magnusons schrieb am 14.08.2025


Lieber Gemtledom,
Safewords, Kommunikation und der Unterschied zwischen alter und neuer Definition mal einfach zu erklären war eine gute Idee! Gerade als jemand, der sich noch nicht so lange mit BDSM beschäftigt, hilft es mir sehr, die Feinheiten zu verstehen. Ich mag auch, dass du hier und an anderer Stelle immer ehrlich deine Meinung einbringst, ohne alles zu verurteilen was dieser nicht entspricht. Das fehlt mir auf anderen Seiten, wenn ich eines gelernt habe ist es, dass BDSM viele Facetten hat und jede für jemanden lebenswert sein wird.
Nun wühle ich mich weiter durch deinen Blog!
Liebe Grüße Thor_Magnusons


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Danke für deine lieben Worte und hab hier noch ganz viel Spaß (und wenn du auf der Suche bis auch Erfolg). Beste Grüße Gentle

Lucia schrieb am 14.08.2025


Puh, dein Text hat mich echt nachdenken lassen. Ich verstehe schon, dass du die Risiken hervorheben willst, aber für mich klingt es manchmal so, als wäre CNC an sich ein Riesengefahrenspiel, dabei geht es doch eher darum, wie gut man vorher spricht und Grenzen abklärt. Ich hätte mir gewünscht, dass du ein bisschen mehr betonst, dass verantwortungsbewusstes CNC eigentlich funktionieren kann, wenn beide Beteiligten sich wirklich einig sind. Sonst fühlt es sich ein bisschen so an, als würde jeder Fehler sofort in eine Horrorstory ausarten.


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Danke, aber die Kernfrage ist für mich, was passiert wenn die Kommunikation eben scheitert weil jede Seite denkt, ihre Definition wäre allgemeingültig. Dann reden beide viel und glauben das gleiche zu meinen, aber die Realität sieht anders aus. Wenn beide das gleiche wollen, dann kann cnc in der alten und neuen Variante eine Erfüllung sein, wenn ich auch die alte Variante für mich wegen der Gefahren ablehne.

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