1Live hatte über viele Tage das Thema Treue auf dem Schirm und auch wenn ich schon ab und an etwas dazu geschrieben habe, will ich das heiße Eisen nochmals anpacken. Äußerst interessant fand ich die Entwicklung im dortigen "Forum", kein anderes Thema hat so viele Antworten und zuerst einmal schrien alle, Treue ist das A und O einer Beziehung und dann mit der Zeit mehrten sich andere Stimmen.
Inzwischen ist das Meinungsspektrum bunt gemischt. Die User, welche nicht anonym schreiben, sprechen sich zu gefühlten 95% für die Treue aus, die User, die anonym schreiben, stehen der Treue zu 95% kritisch gegenüber. Meine eigene Erfahrung besagt, dass die Personen, die Treue nicht oft thematisieren, oftmals die am treusten sind, wohingegen diejenigen, die sehr viel über Treue reden, häufig bei der ersten passenden Gelegenheit untreu werden. Bis vor ca. 2,5 Jahren war das Thema Treue für mich sehr klar definiert. Ich unterschied zwischen fremdgehen und betrügen, erstes tat ich öfters, letzteres nie. Kurz, ich klärte mit meiner Partnerin ab, welche Freiheiten ich hatte und hielt mich daran. Mal hatte ich alle Freiheiten der Welt, mal war es darauf beschränkt, dass wir beide uns zusammen eine Frau "teilten". Nach der gutbürgerlichen Definition war ich also notorisch untreu. Ob ich immer nach der gängigen Definition untreu sein werde, ist eine gute Frage, früher war es für mich normal, neben einer Beziehung ständig 1-2 Affären zu haben, inzwischen kann ich scheinbar für einen längeren Zeitraum darauf verzichten. Natürlich hat es Konsequenzen, aber was früher für mich unvorstellbar war (Sex mit nur einer Frau über mehr als ein Jahr), ist inzwischen lebbar geworden und warum soll ich in einigen Jahren nicht auch 2, 3, 4 oder noch mehr Jahre ohne eine zweite Frau genießen können. Jedoch weil ich es nicht weiß, würde ich Treue einer Partnerin nie versprechen, ich kann nur versprechen, dass ich immer ehrlich bin. Was mich immer amüsiert hat, ist und war die Heuchelei der meisten Menschen bei diesem Thema. Vor Jahren freundete ich mich mit der Partnerin eines guten Bekannten an, nein jetzt kommt nicht, was ihr denkt…nennen wir die beiden Jan und Katja… Eines Abends saß also der Jan bei mir auf dem Sofa und wollte sein Herz ausschütten, er sei ja so ein mieser Schuft, denn er betrügt schon seit langem seine Freundin, die er ja so sehr liebt und sein schlechtes Gewissen quält ihn, weil sie ja so eine liebe, aufopfernde Freundin ist, die so etwas ja niemals machen würde. Er erzählte also, dass er sein Gewissen dadurch versucht zu kompensieren, dass er sich noch mehr als früher um sie bemüht und es ginge bei den anderen Frauen ja nur um Sex. Wir redeten also noch etwas und ich merkte, wie gut es ihm tat, den ganzen Ballast mal loszuwerden. Einige Tage später schaute Katja auf einen Tee vorbei und ich lenkte das Thema ein wenig in die Richtung. Warum auch immer fing sie nun an, mir ebenfalls zu beichten, dass sie Jan eben nicht treu sein kann. Er wäre ja so ein toller Partner, aber ihr fehlt einfach etwas und deswegen hat sie derzeit wieder eine Affäre. Natürlich hatte sie soooo ein schlechtes Gewissen und versuchte es zu kompensieren, indem sie besonders lieb zum Jan war, der selbstverständlich niemals fremdgehen würde, dafür sei er ein viel zu anständiger Kerl. Natürlich war ich versucht, beide aufzuklären, aber was hätte es gebracht, sie hatten ein idealisiertes Bild von ihrem Partner und wären mit der „schmutzigen“ Realität kaum klargekommen. Aber sie waren beide halbwegs glücklich, eben weil sich jeder so sehr um den anderen bemühte. Ich glaube, diese beiden gehören zu den Fällen, in denen Untreue einen positiven Effekt hat. Hätten sie gewusst, ihr Partner ist nicht so perfekt wie sie meinen, hätten sie sich sicher nicht mehr entsprechend bemüht und wären in Eifersüchteleien verfallen. Also erst einmal zum Gewissen, ich glaube, wenn die Leute wirklich sooo ein schlechtes Gewissen hätten, hätten sie keine Affäre. Ein schlechtes Gewissen ist etwas, das mich nicht schlafen lässt und an mir nagt. Für ein paar gute Ficks mich damit rumplagen, nein danke! Wer eine Affäre hat, hat in der Regel kein schlechtes Gewissen, sondern eher Angst davor, dass ihm die Lüge um die Ohren fliegt und vor allem, wegen der damit einhergehenden Folgen. Wer wirklich ein schlechtes Gewissen hat, der würde daran arbeiten, seine Triebe zu kontrollieren und sich von den Versuchungen fern halten. Ich denke niemand, außer der jeweilige Partner und vielleicht noch die gemeinsamen Kinder, haben jedoch das Recht, jemanden wegen einer Affäre zu verurteilen. Wem wird denn mit einer Affäre geschadet, doch nur der jeweiligen Beziehung und weiß Gott, es gibt sicher auch Gründe, die eine Affäre rechtfertigen. Sich über eine Affäre als Unbeteiligter aufzuregen, ohne die emotionalen und faktischen Hintergründe zu kennen, ist in etwa so sinnvoll, wie ein Polizist, der an den Tatort einer Schlägerei kommt und pauschal annimmt, der am heftigsten Verletzte sei das Opfer und der andere der Täter. Zudem worüber regt man sich auf, über die Verkommenheit der Gesellschaft, weil man selbst ja so viel besser ist? Mitnichten, meist sind die, die am lautesten schreien jene, die ihre eigenen Makel am schönsten kaschieren wollen. Ich selbst hatte drei untreue Partnerinnen (eine sexuell, eine emotional, eine wohl beides) und interessanterweise waren es die drei Frauen, die am meisten über Treue geredet haben und denen dies augenscheinlich besonders wichtig war. Vor Jahren hatte ich in einer Beziehung die Auflage, nur Affären mit vergebenen Frauen zu führen, schnell hatte ich heraus, wie man diese am leichtesten findet. Eine Option war es, Profile anzuschreiben, welche keinen Beziehungsstatus angegeben hatten, die andere direkt nach Vergebenen in der Suchmaske zu recherchieren und wenn das Foto gefiel und sie ihrem Freund auf seiner Pinnwand immer wieder Liebesschwüre hinterließ, sie anzuschreiben. Diese beiden Gruppen waren jene, die am häufigsten auf meine unmoralische Anfrage eingingen. Speziell zum Thema BDSM und Treue habe ich vor einiger Zeit eine "Treue Umfrage"* gestartet, zugegeben ist diese nicht so sauber programmiert, aber das hat die Ergebnisse nicht beeinflusst, sondern nur die Darstellung. Einer der Umfragen nach sind die devoten Frauen mit Abstand am treusten. Geht es um die Frage der Monogamie finde ich das Ergebnis nicht wirklich schlimm, aber leider beschränkt es sich nicht darauf. Die dominanten Männer hielten sich, einer anderen Befragung nach, auch weitaus häufiger als die devoten Frauen nicht an Absprachen und das finde ich äußerst bedenklich (der gleichen "Trend" findet sich bei den Femdoms und Malesubs aber weit weniger ausgeprägt). Sollte ich als dominanter Part nicht eine Vorbildfunktion haben und vor allem zu meinem Wort stehen? Wenn ich mich nicht an Absprachen halte, wie soll dann jemand Respekt vor mir haben oder mir gar vertrauen? Klar, liest man es immer wieder (ein toller Artikel hierzu aus einem der Sisa`s Blog: Monogamie), dass Doms am Anfang Versprechungen machen und diese dann nicht einhalten, aber warum sind Subs dann nicht konsequent und geben ihnen den Laufpass? Ein letzter Punkt, den es wohl so auch nur im Bereich BDSM gibt, ist die erzwungene Untreue, also wo der dominante Part Druck ausübt, damit der devote Part Sex mit jemand anderem hat, kurz das Verleihen von Sub, obwohl diese es gar nicht selbst will. Worum es den Doms dabei geht, ist eine gute Frage, ich denke es geht um Macht, aber ich kann es nicht wirklich nachvollziehen. Ich bin selbst jemand, den sexuelle Macht fasziniert und ja, jemanden zu verleihen ist ein Ausdruck großer Macht, die man über die Person hat. Nur ist es für mich persönlich ein großer Unterschied, ob ich einem Freund meine Bohrmaschine oder meine Sub oder gar Partnerin leihe. Die Bohrmaschine ist ein Gebrauchsgegenstand, geht etwas kaputt, kann man eine neue kaufen und wird sie etwas abgenutzt, ist es nicht so schlimm. Sub aber ist ein Mensch und die Partnerin ist ein Mensch, den ich zudem liebe. Geht etwas schief, leidet meine Beziehung und die Vorstellung jemand anderes kommt in dem Mund, den ich einige Stunden später küsse, ist für mich ebenfalls alles andere als erotisch. Klar, ein Mund kann gespült, Zähne geputzt werden usw., aber ich denke, die Vorstellung wäre noch immer in meinem Kopf. Eine Sub, die ich nicht liebe, zu verleihen, naja, wenn sie darauf steht, ist es vorstellbar, jedoch für mich nicht erstrebenswert. Ich will besitzen und wenn jemand anders meine Sub temporär auch besitzen kann, fehlt es mir an der Exklusivität, die meinen (Besitz-) Anspruch zu etwas besonderem macht. Eine Sub, die ich intensiv begehre, will ich nicht teilen, sie soll meins und nur meins sein. Noch viel schlimmer wäre es meine Partnerin, die ich liebe, zu teilen. Ja, es gibt eine Option, in der ich mir dieses Szenario gezwungenermaßen vorstellen kann, aber ich hoffe, dieses wird nie eintreten. Dass sich bei einer Umfrage die Mehrheit der Doms für das Verleihen ausgesprochen haben*, verwundert mich sehr, irgendwie dachte ich immer, die meisten von uns sind egoistischer ;-)
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