Das „Wheel of Consent“ im BDSM

Das „Wheel of Consent“ (Rad der Zustimmung), entwickelt von Dr. Betty Martin, ist ein Modell zur bewussten Differenzierung von Handlung und Absicht innerhalb einer Interaktion. Im Zentrum steht die Frage, wer handelt und für wen geschieht es? Diese scheinbar einfachen Dimensionen können dabei helfen Rollen und Dynamiken in einem konsensualen Kontext besser zu verstehen.

Für BDSMler gibt es einen begrenzten Nutzen. Wer sich aktiv mit Dynamiken und Motivation auseinandersetzen will, für den kann es ein einfaches Hilfsmittel sein. Wer erlaubt was, warum? Wer handelt oder empfängt und mit welcher Motivation? Für diesen Akt der Reflexion ist das Konstrukt gut geeignet.

BDSM lebt von Vereinbarungen und davon, dass alle Beteiligten wissen, worauf sie sich einlassen. Das Wheel of Consent strukturiert diese Vereinbarungen in vier grundlegende Konstellationen: „Nehmen“ (ich handle für mich), „Dienen“ (ich handle für dich), „Erlauben“ (ich lasse dich handeln für dich), „Erhalten“ (ich lasse dich handeln für mich). Diese Unterscheidungen erscheinen auf den ersten Blick banal.

Mit dem Wheel lassen sich aber einzelne Neigungen gut strukturieren und gerade für Anfänger kann dies sehr sinnvoll sein. Die eine Sub dient gerne, weil sie gebraucht und dem Dom eine Freude machen will. Die andere Sub provoziert gerne, weil sie die Reaktion und das Kräftemessen mag. Die nächste Sub wird gerne gezwungen, weil sie von sich aus solch eine Handlung nicht vornehmen könnte.

Nehmen wir eine Bondagesession. Dom fixiert Sub, wer handelt ist klar, spannender wird die Frage nach dem Warum und damit verbunden eben auch der nach der jeweiligen Motivation. Dient diese Handlung Sub (z.?B. weil diese/r Kontrolle abgeben möchte), oder dient sie dem Dom selbst (etwa als Ausdruck von Machtlust) oder dient es beiden? Agiert der Dom aus dem Modus des „Dienens“ oder des „Nehmens“? Beide Varianten können konsensuell und erfüllend sein, sie sind aber qualitativ verschieden. Wer sich mit dem Wheel of Consent auseinandersetzt, wird diese Unterschiede bewusster wahrnehmen und klarer kommunizieren können.

Ebenso spannend wird es auf der passiven Seite der Handlung. Auch das Empfangen, oft mit Submissivität gleichgesetzt, ist nicht immer eindeutig. Wer eine Handlung zulässt, „erlaubt“ sie. Wer sie mit Genuss empfängt, „erhält“ sie. Gerade in der Grauzone zwischen Zustimmung und Duldung kann die Motivations- und Handlungsdifferenzierung helfen, ambivalente Erfahrungen besser einzuordnen. Diese Unterscheidung ist wertvoll, etwa wenn jemand sagt: „Ich habe es zugelassen, aber nicht wirklich genossen.“ Oder: „Ich war passiv, aber es war ganz für mich.“

Das Modell stößt da an seine Grenzen, wo BDSM oft gerade spannend wird, wenn man gar nicht so genau sagen kann, wer da gerade was will, wenn eine Sub sich passiv gibt, aber über Provokation Regie führt. Wenn ein Dom nicht „nimmt“, sondern einem dunklen Impuls folgt, weder „für sich“ noch „für die andere“. Wenn in einer Szene keine eindeutige Funktionalität herrscht, sondern eine vielschichtige Dynamik aus Spiel, Macht, Widerstand, Hingabe und Abgrund.

Ich zum Beispiel strafe meist ungern, wenn nun auch meine Sub keine Strafen mag, wir aber beide wissen, dass diese Mittel zumindest vorhanden und in gewissen Fällen zur Erhaltung der D/s Beziehungsdynamik wichtig ist, dann sind wir schon raus aus dem Wheel of Consent. Klar wir haben uns konsensual auf die Option von Strafen geeinigt, die Strafe erfolgt aber nicht wegen mir (weil es mir Spaß macht, macht es oft eben nicht) und nicht wegen ihr (weil sie das genießt), sondern weil es für unsere Beziehungsdynamik wichtig ist. Sie dient also keinem individuellen Genuss, sondern dem Erhalt einer Beziehungsdynamik. Sie wird abgesprochen, aber sie entzieht sich den vier Kategorien des Modells. Weder wird genommen noch gegeben. Die Strafe „passiert“, weil sie gebraucht wird. Das Wheel kann das nicht fassen, es kennt keine dritte Achse für strukturelle Notwendigkeit oder impliziten Konsens. Und selbst wenn man es auf eine Metaebene hebt, was bleibt dann noch von der behaupteten Klarheit? Das Modell kommt jedoch auch schnell an die Grenzen beim BDSM. Nehme ich einfach meine Einstellung zu Strafen, die durchaus nicht selten von Subs mit denen ich mein BDSM ausgelebt habe, geteilt wurden.

In der Praxis hat das Konstrukt Stärken, wenn es darum geht die Beziehungsdynamik und den ewigen Streit zu beleuchten, wer hat eigentlich die Kontrolle Dom oder Sub. Insbesondere dort, wo BDSM nicht nur körperlich, sondern auch bewusst und reflektiert gelebt wird, etwa in der Verhandlungsphase vor einer Session kann es helfen, Bedürfnisse, Erwartungen und Grenzen klarer zu formulieren. Auch Topping from the Bottom, Brats, WunschzettelSub usw. können hiermit gut analysiert werden, denn nicht immer ist es der Dom der wirklich führt.

Gleichzeitig hat das Modell deutliche Grenzen auf verschiedenen Ebenen. Da wären Spielarten, die mit Ambivalenz, Grenzverschiebung oder nonverbaler Kommunikation arbeiten. Für mich gibt es zudem noch einen weiteren schwerwiegenden Gefahrenpunkt, die Gefahr einer Überintellektualisierung. BDSM ist nicht nur eine Verhandlung über Rollen, sondern auch etwas bei dem es um Grenzverschiebungen, ambivalente Gefühle und Motivationen, Fantasien, Lust und Kontrollverlust gehen kann. Wenn alles zu sehr in Begriffen wie „Erlauben“ und „Dienen“ gefasst wird, droht der eigentliche emotionale oder triebhafte Kern zu verschwinden.

Dennoch kann das Modell ein spannendes Werkzeug sein, vor allem in den Bereichen Aufklärung, Einstieg, Selbstreflexion und partnerschaftliche Kommunikation. Für Einsteiger kann es einen klaren Rahmen bieten, um das eigene Erleben zu sortieren. Für langjährige BDSMler mag es eine Möglichkeit sein, Routinen zu hinterfragen. Das „Wheel of Consent“ ist eben kein Sicherheitskonstrukt und kein Dogma, sondern ein Denkmodell, welches bei der Frage hilft: Wer macht was und für wen?

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