Leitartikel: Das Spiel und die Session – verschwimmende Grenzen

Spiel und Session

Homo ludens, oder: „Wie kann etwas Spiel sein, wenn wir es brauchen?“

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller)

Ein großer Zankapfel unter BDSMern ist der Begriff des „Spielens“, viele sehen BDSM für sich nicht als Spiel an, da es ihre natürliche Rolle ist und sie diese leben. Friedrich Schiller hob in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ die herausragende Bedeutung des Spielens hervor. Nach Schiller ist das Spiel eine menschliche Leistung, die allein in der Lage ist, die Ganzheitlichkeit der menschlichen Fähigkeiten hervorzubringen.

Ist nicht genau das BDSM? Mit seinen ganzen Extremen und der dennoch gemeinsamen Basis nur zusammen das Ziel erreichen zu können? Für die wenigsten BDSMer ist eine Sklavin ein wirklich rechtloses Subjekt. Warum also nicht das, was wir da machen, „Spielen“ nennen, wenn es doch tatsächlich nur ein spielerisches Miteinander ist. Das Spiel ist, je nach seiner individuellen Gestaltung, geprägt durch Nähe–Distanz, Härte–Zärtlichkeit, Erniedrigung–Wertschätzung, dem Spiel mit den Sinnen und vielem mehr. Die Handlungen, die wir vornehmen oder auch vornehmen lassen, sind also nicht weniger real, nur weil wir es als Spiel bezeichnen.

Im Gegenteil – Spielen ist eine der intensivsten und ältesten Formen der zwischenmenschlichen Interaktion; und ist es nicht ein Spiel, wenn sich beide erst auf die Spielregeln (also Tabus) einigen müssen?

Liebe Sklavinnen, seien wir mal ehrlich, wie oft befolgt ihr eine Spielregel nicht, eben um eine Reaktion zu provozieren: Ist das nicht genau der Gedanke eines Spiels, und eben nicht der eines Gesetzes?

Was mir an BDSM besonders gut gefällt ist, dass hier im Gegensatz zu einem Schachspiel beide Spieler als Sieger vom Platz gehen können. Der Homo ludens ist ein Erklärungsmodell des lebenden Menschen, wonach dieser seine Fähigkeiten im Besonderen über das Spiel entwickelt. Das Spielen ist dabei der Handlungsfreiheit gleichgesetzt und setzt selbstständiges Denken voraus. Durch eben jene Spiele entwickelt der Mensch mit der Zeit seine individuellen Eigenschaften.

Dass ein Spiel folgenlos bleibt, weil es nicht echt ist, ist eine Fehlinterpretation des Spielbegriffs. Jedes Spiel hat Einfluss auf die eigene Entwicklung, und je intensiver das Spiel ist, umso größer wird dieser Einfluss auch immer sein. Die Session wiederum ist unsere Spielzeit, also der Zeitraum, in dem sich der eigene Status ändert. Für mich hat BDSM keine zwingend zentrale Rolle in meinem Leben, jedoch fehlt es mir sicher, wenn ich eben nicht spielen kann.

Zu spielen, beziehungsweise eine Session zu haben, bedeutet für mich, dass ich für einen begrenzten Zeitraum einen Schalter umlege und mich als Herr auslebe. Dies ist für mich eine Art Kurzurlaub vom Alltag mit seinen festen Regeln und Abläufen. Hier kann ich mich abseits der Konformität bewegen. Und auch wenn mir die devote Seite nicht liegt: ich verstehe sehr gut den Reiz, den dieser auf eine Frau ausübt, die eben im Alltag viel Verantwortung trägt und diese im Spiel abgeben kann.

Eine gute Session setzt, egal ob BDSM oder Jam Session, harmonierende Mitspieler, die richtige Stimmung, die Beherrschung des Instruments/Takts und Kreativität voraus. Es geht daher weniger um perfekt geplante Rollenspiele, sondern mehr um die Dynamik und Spannung des Spiels. Viele und insbesondere BDSM-Anfänger streben dennoch Perfektion an. Dies ist aber für mich gar nicht der Sinn einer Session, denn hier geht es um den Genuss und die Harmonie der Mitspieler.

Ein Anfänger muss daher keine Angst vor einer Session haben. Die Seele der Session ist nicht die technische Perfektion, sondern Authentizität und dynamische, lustvolle Interaktion. Ziel ist es eben nicht, von anderen gesetzte Standards zu erfüllen, sondern gemeinsam zu harmonieren, in Bezug auf das Machtgefälle, die Lust und auch den Emotionen.

Eine allzu technische Session wird schnell an den Punkt kommen wo Einflüsse einwirken, die vorher so nicht gedacht waren. Jeder, der sich dann nur noch an seinen Plan klammert, wird schnell die Session vor die Wand fahren; und dann lautet es schnell „Ihre Session ist abgelaufen“. Und nun lasst uns nicht länger reden, sondern lasset die Spiele endlich beginnen!

Autor: Gentledom