Aufruf zu einem gesunden Egoismus

Immer wieder stellen mir junge Doms die Frage, was sie mit ihrer Sub tun können, wie sie ein Mindgame, Rapegame oder eine harte Session gestalten könnten und wenn ich dann nachfrage, ist es häufig die Sub, welche diesen Wunsch an ihn herangetragen hat.

Früher habe ich viel darüber geschrieben, dass ein Dom nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat und es eine Partnerschaft ist, in der zwei Menschen Bedürfnisse haben. Ich für meinen Teil habe gerade das Bedürfnis, Einsteigern auf dominanter Seite insbesondere eines mitzugeben:

Konsensuale Dominanz ist euer Freifahrtschein, Egoist zu sein.

Natürlich gelten auch hier Einschränkungen, aber gerade bei den Neueinsteigern habe ich eher das Gefühl, diese Einschränkungen sind ihnen zu präsent und sie haben es fast schon verlernt, Egoist zu sein. Frauen sprechen heute offener ihre Bedürfnisse an und das ist auch sehr gut so. Aber mancher Mann schlüpft scheinbar in die Rolle des Doms, um seiner Freundin, die ihm gebeichtet hat devot zu sein, einen sexuellen Traum zu erfüllen. Für mich ist dies aber keine Rolle, denn dann wären wir beim Thema Rollenspiel und nicht mehr bei BDSM.

Fast jede devote Frau die ich kenne, will Dominanz spüren, sie will dienen, benutzt werden und eben nicht bedient werden. Fast keine Sub wird wollen, dass ihr Dom nur ihr zuliebe mit ihr spielt, obwohl dieser eigentlich gar keine Lust dazu hat. Frauen sind in der Regel recht sensibel und spüren unser Befinden sehr genau. Wer ihnen etwas vorspielt, muss darin entweder sehr, sehr gut sein oder wird über kurz oder lang damit scheitern.

Daher sollte sich ein junger Dom zuerst fragen: Was bereitet mir selbst Lust? Gibt es Tabus, die meiner Lust im Wege stehen würden? Fragt also nicht danach, ob eine Spielart zu eurer Rolle passt, denn ihr wollt keine Rolle ausfüllen, sondern eben authentisch sein. Ein Dom, der seiner Sub ein gutes Programm mit allen Highlights bieten will, folgt einer Aufgabenliste und eben nicht seiner Lust. Das hört sich mehr nach Arbeit denn nach Spaß an, und wenn er sich dann noch selber unter Druck setzt, ein gutes Programm abzuliefern, ist er schnell beim Lustkiller Nr. 1 angelangt: Stress. Ein Dom, der unter Druck steht, lenkt nicht mehr selbst, sondern ist selber der Gehetzte. Er will bzw. muss etwas liefern und das merkt Sub irgendwann ganz sicher.

Fragt also nicht während einer Session ständig nach, was mit eurer Sub ist, außer es geht um ihre psychische oder physische Gesundheit. Lasst euren eigenen Trieben freien Lauf, genießt die Hingabe eures Partners und achtet erst einmal nur darauf, keine Tabus und Grenzen zu überschreiten. Tabus sind und bleiben tabu, zur Überschreitung von Grenzen müsst ihr euren Partner gut kennen und dabei ist Kommunikation wichtig. Natürlich sollt ihr euch mit eurem Partner austauschen und bitte, steht doch dabei zu euren Bedürfnissen, auch wenn euer Partner vielleicht nicht jedes erfüllen kann oder will. So gut wie jede Beziehung zwischen zwei Menschen besteht bis zu einem gewissen Grad aus Kompromissen, die eingegangen werden. Aber macht das alles bitte nach der Session und nicht währenddessen.

Ein dominanter Part sollte das Heft immer in der Hand behalten, das kann aber auch bedeuten, zu sagen: Ich habe heute keine Lust, oder Sub soll etwas machen (Strip, Massage) und ihr bleibt währenddessen passiv. Die Angst, vielleicht als Dom zu versagen und nicht dominant genug rüber zu kommen ist gefährlich, aber oftmals vollkommen unbegründet. Eine Sub ist bei der ersten oder auch zweiten Session häufig noch sehr mit sich selber, der Situation und den ganzen Eindrücken beschäftigt und somit werdet ihr kaum detailliert in eurem Verhalten analysiert werden.

Wenn ihr euch übrigens wirklich unsicher seid und keine Ideen für eine Session habt, dann werft vorher euer Kopfkino an und stellt euch vor, Sub wäre gerade da. Die dabei entstehenden Szenarien könnt ihr als Einstieg nutzen. Die Fesseln oder Spielsachen, die ihr evtl. nutzen wollt rauszulegen ist eine gute Idee, aber es sind nur Optionen, nicht mehr und nicht weniger.

Die meisten modernen Frauen sind emanzipiert und selbstständig. Dies bedeutet aber nicht, dass sie nicht auch devot sein können. Emanzipation bedeutet alle Rechte zu haben, dies beinhaltet somit auch, freiwillig auf diese verzichten zu können. Bei einer devoten Frau braucht ihr also kein Vorspiel, wie ihr es in irgendwelchen Zeitschriften gelesen habt, ihr müsst nicht Gentleman sein und ihr den ersten Höhepunkt überlassen. Ihr müsst euch nur eurer Lust gewahr sein und diese an und in ihr ausleben. Spart euch eure gute Erziehung für die Zeit vor und nach der Session auf, denn das zeigt eure Wertschätzung für Sub auch über dieses Spiel hinaus.

Habt keine Angst zu versagen, denn wenn ihr nur ihr selbst sein wollt, ist dies kaum möglich.

Dominanz bedeutet, die Kontrolle zu haben und sich durchsetzen zu können und glaubt mir, das kann mehr als nur ein wenig geil sein :D


Kommentare:


Karin schrieb am 17.04.2014


Danke

Hallo GentleDom,

ich glaube das ist wirklich mal dringend nötig. Ich hatte über gut 15 Jahre eine Beziehung mit einem dominanten Mann, vor zwei Jahren haben wir uns getrennt. Die Doms die ich nun kennen lerne sind häufig voller Komplexe und Selbstzweifel, zumindest sobald sie mit einer starken Frau konfrontiert werden. Ich brauche einen starken Mann und das eben nicht nur körperlich. Den zu finden, sei es nur für eine Spielbeziehung, erscheint mir inzwischen sehr viel schwerer als früher. Ich dachte eigentlich nun wo die Szene groß geworden ist und man das Netz wie auch Stammtische nutzen kann wäre es leichter geworden, dem ist leider nicht so.

Liebe Grüße

Karin


Antwort auf diesen Kommentar

Hallo Karin,
danke für deinen Kommentar :) BDSM vor 15 (+x) Jahren und die Veränderungen wäre ein interessantes Thema für einen Beitrag... wenn du magst meld dich :)
Sonnige Grüße
Gentledom

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