Die wichtigste Eigenschaft einer/eines Sub/s

Als ich nach vielen Monaten mal wieder durch die eigene Community stöberte, sah ich eine Anzeigenüberschrift, welche meine Neugier weckte: „Bescheidenheit“. Die Anzeige, von einer Sub formuliert, enthielt einen spannenden Gedanken, was denn (ihrer Meinung nach) die wichtigste Eigenschaft eines Doms wäre, nämlich Bescheidenheit.

Ich selbst hatte vor Jahren eine Umfrage nach den wichtigsten Eigenschaften von Dom und Sub eingestellt und auf diesen Punkt war ich damals gar nicht gekommen. Bescheidenheit schützt vor Machtmissbrauch und fördert einen respektvollen Umgang mit der anvertrauten Verantwortung, ein sehr spannender Ansatz, wie ich finde. Die Idee, dass Bescheidenheit eine zentrale Tugend eines guten Herrschers (also Mensch mit viel Macht) ist, findet sich in vielen philosophischen, religiösen und literarischen Traditionen. Mir fällt an der Stelle sofort Konfuzius und Thomas von Aquin ein, welche beide Bescheidenheit als zentrale Tugend für Herrscher hervorhoben.

Was also wäre das Pendant zur Bescheidenheit? Hier denke ich, es ist die Selbstkenntnis.

Selbstkenntnis ist im Kontext BDSM mehr als nur ein vages Gefühl für die eigenen Vorlieben. Sie umfasst die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen, Grenzen, Ängsten und Bedürfnissen. Eine Sub mit ausgeprägter Selbstkenntnis weiß, was sie geben kann und will, kennt ihre emotionalen und körperlichen Grenzen und kann diese auch klar kommunizieren. Sie ist sich ihrer eigenen Motive, Sehnsüchte und Unsicherheiten bewusst und nimmt diese ernst.
Geht es um intensive Macht und Hingabe, ist die Versuchung groß, Erwartungen anderer erfüllen zu wollen oder sich in der Dynamik zu verlieren. Ohne Selbstkenntnis besteht die Gefahr, dass eine Sub Dinge zusagt, die sie eigentlich nicht möchte, oder sich auf Erfahrungen einlässt, für die sie nicht bereit ist. Das kann zu Überforderung, Enttäuschung oder sogar seelischen Verletzungen führen.

Selbstkenntnis schützt die Sub davor, etwas zu versprechen, das sie nicht halten kann oder will. Sie ermöglicht es ihr, authentisch zu bleiben, sich selbst treu zu sein und ihre eigenen Grenzen zu wahren. Das ist nicht nur für das eigene Wohlbefinden wichtig, sondern auch für eine gesunde, respektvolle Beziehung zum Dom.

Vertrauen ist im BDSM ein zentrales Thema, sowohl das Vertrauen in den Dom als auch das Vertrauen in sich selbst. Wer sich selbst kennt, kann sich selbst vertrauen. Dieses Selbstvertrauen ist die Voraussetzung dafür, sich in einer Session oder Beziehung wirklich fallenlassen zu können. Nur wer weiß, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man sie kommuniziert, kann sich sicher fühlen und sich auf das Abenteuer BDSM einlassen. Dass sich dabei Grenzen auch verschieben können, ist kein Widerspruch, sondern die logische Konsequenz aus einem gemeinsamen Weg und einer gemeinsamen Entwicklung. Somit muss Sub nicht zwingend sehr erfahren sein, sie muss sich aber immer ihrer selbst bewusst sein! Selbstkenntnis ist eben kein statischer Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess. Sie wächst durch Reflexion, Austausch und Erfahrung, eben dem gemeinsamen Wachstum.

Aber auch ohne einen Dom, der einen ergänzt, gibt es praktische Wege zur Förderung der Selbstkenntnis:

- Aufschreiben der Grenzen, Wünsche, Ängste und vielleicht auch prägenden Erfahrungen
- Innerhalb einer BDSM-Beziehung das Führen eines Tagebuchs über Erlebnisse, Gefühle und Gedanken nach Sessions
- Offene Gespräche mit vertrauenswürdigen Partnern oder in der Community
- Bewusstes Ausprobieren und Reflektieren, wo sich Wohlfühlzonen und Tabus befinden
- Sich weiterbilden durch Lesen, Workshops oder Coaching zu Themen wie Kommunikation, Selbstwert und Grenzsetzung

Erst wenn Sub sich selbst vertraut, kann sie, eben unter den richtigen Bedingungen, auch ihrem Gegenüber vertrauen. Das schafft eine stabile Basis für intensive, erfüllende und sichere Erlebnisse. So wie Bescheidenheit den Dom davor schützt, seine Macht zu missbrauchen, schützt Selbstkenntnis die Sub vor Selbstverrat und der ein oder anderen Tragödie. Sie schützt vor Überforderung, ermöglicht echte Hingabe und ist die Basis für Vertrauen, in sich selbst und in den Dom. Wer sich selbst kennt, kann sich bewusst entscheiden, wie weit er gehen möchte, und erlebt BDSM als bereichernde, sichere und erfüllende Erfahrung. So wie Bescheidenheit den Dom vor Machtmissbrauch bewahrt, bewahrt Selbstkenntnis die Sub davor, sich selbst zu verlieren, was insbesondere bei sehr neuen Subs wichtig ist! Und es macht sie stark für alles, was das gemeinsame Spiel bereithält. Ob nun Selbstkenntnis wirklich die wichtigste Tugend für Subs ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich bin sehr gespannt auf eure Kommentare!


Kommentare:


Luzisterne 61 schrieb am 25.07.2025


Gut geschrieben und beschrieben. Machtmissbrauch vom Dom hab ich in einer recht kurzen Erlebnis erfahren müssen. Als ich ablehnte meinte er ich wäre nicht devot genug . Er wollte spontan zum Blowjob vorbei kommen. Bescheidenheit vom Dom ein schöner Aspekt. Nach einer erfüllenden Session für beide dann die Gnade geschenkt wird. Dankbarkeit auch von beiden an den anderen.


Antwort auf diesen Kommentar

Sub ist in letzter Konsequenz die Person die jederzeit bestimmen kann, was mit ihr oder ihm geschieht, so sieht es das Gesetz vor und das macht auch sehr viel Sinn. BDSM ist eben keine Gewalt, sondern etwas das sich in Grenzen bewegt, die maximal gemeinsam überschritten werden können.

Marieke schrieb am 02.07.2025


Der beste Blogbeitrag den ich in den letzten Jahren gelesen habe und ich dachte schon hier wäre inhaltlich nicht mehr so viel los! Es scheint von dir wohl doch noch nicht alles gesagt zu sein, was wichtig zu sagen wäre!


Antwort auf diesen Kommentar

Ich wundere mich auch immer selbst, dass es noch Themen gibt über die ich schreiben kann :)

Stilvoller Lehrling schrieb am 01.07.2025


Der Beitrag beleuchtet exzellent, wie Bescheidenheit beim Dom und Selbstkenntnis bei der Sub über bloßen Schutz hinausgehen. Sie sind Katalysatoren: Bescheidenheit schafft den sicheren Raum für tiefstes Vertrauen, Selbstkenntnis ermöglicht bewusstes Wachstum. Im Kern beweisen diese Tugenden, dass wahre Macht in der Verantwortung liegt und echte Hingabe in der Selbstachtung wurzelt.
Danke für diesen schönen Text!


Antwort auf diesen Kommentar

Vielen Dank für den wertschätzenden Kommentar!

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