Freue ich mich über die breite gesellschaftliche Akzeptanz, die BDSM in den letzten Jahren zuteil wurde? Ja ganz eindeutig. Ich kenne noch die Zeit, in der es nicht so war und BDSMler sich vorwiegend ohne Internet in kleinen Gruppen zusammengefunden haben. Aktuell lese ich mich ein wenig durch die Szene in anderen Ländern, insbesondere in Asien und Lateinamerika. Mit automatischen Übersetzungsprogrammen ist das recht leicht möglich und es ist teilweise wie eine Reise in die Vergangenheit.
So sehr gesellschaftliche Akzeptanz und Sichtbarkeit auch wünschenswert sind, eine eher geheime, kleine und geschlossene Szene bringt auch Vorteile mit sich.
Stärkere persönliche Bindungen und intensive Vertrauensbildung
Dadurch, dass die Szene klein und überschaubar ist, entsteht oft ein besonders tiefes Vertrauensverhältnis zwischen den Mitgliedern. Dieses Vertrauen ist eine Grundlage für einvernehmliche und sichere BDSM-Erfahrungen, da man sich aufeinander verlassen kann und sich gegenseitig schützt. In einer vertrauten Umgebung können BDSMler ihre Grenzen und Wünsche besser erforschen und ausloten. Die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen führt häufig zu einem tieferen Verständnis der eigenen Sexualität und Identität. In einer kleinen, abgeschlossenen Community kennen sich die Mitglieder meist untereinander sehr gut. Neue Gesichter fallen auf, und Vertrauen wird über längere Zeit aufgebaut. Das schafft ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit.
Weniger Risiko durch „schwarze Schafe“
Da sich die Szene gegenseitig kennt und Neulinge oft durch Empfehlungen eingeführt werden, ist es schwieriger für problematische Personen, sich einzuschleichen oder unerkannt Schaden anzurichten. Die soziale Kontrolle ist höher, was das Risiko von Missbrauch und Grenzüberschreitungen senkt. Zumal die Sichtbarkeit eben auch Leute anlockt, die nicht wirklich BDSMler sind, aber meinen, als „Dom“ Partner finden zu können, welche leicht manipulierbar sind oder im „normalen“ Leben deutlich außerhalb ihrer Liga spielen (deutlich jünger, hübscher, etc.).
Gemeinschaftsgefühl
Ein oft unterschätzter Aspekt kleiner Szenen ist die insgesamt positivere Grundstimmung. In kleinen Gruppen entsteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl, eine Art „Wir-Gefühl“. Insbesondere wenn Druck auf der Szene lastet (politisch, sozial etc.) schweißt dies eng zusammen. Man unterstützt sich gegenseitig, Konflikte werden offener angesprochen und gelöst. Das alles fördert Authentizität, Wertschätzung und ein respektvolles Miteinander. Die Atmosphäre ist weniger anonym, persönlicher und oft von Herzlichkeit geprägt.
Gemeinsame Werte und Kultur
Die begrenzte Größe der Szene fördert in meinen Augen eine gemeinsame Kultur und ein Verständnis für die ethischen Prinzipien von BDSM (Konsens, Respekt, Sicherheit). Das stärkt den Zusammenhalt und die Identifikation mit der Szene.
Mainstream
Mit der Popularität steigt zudem das bereits angerissene Risiko, dass Menschen ohne echtes Verständnis für die Prinzipien von BDSM, wie Einvernehmlichkeit und Sicherheit, in die Szene drängen. Dies kann dazu führen, dass nicht authentisch interessierte Personen die Szene betreten und damit die Gefahr von Grenzüberschreitungen oder Missbrauch steigt. Gleichzeitig können durch die größere Sichtbarkeit auch Personen angezogen werden, die lediglich auf der Suche nach schnellen Abenteuern sind und die etablierten Werte der Szene nicht teilen.
Längere, stabilere Beziehungen
Der begrenzte Pool an potenziellen Partnern führt dazu, dass Beziehungen oft weniger schnelllebig und oberflächlich sind. Man nimmt sich mehr Zeit einander kennenzulernen, und schätzt die bestehenden Verbindungen stärker. Ein großes Angebot führt oft eher dazu, dass die Leute meinen, sie könnten etwas verpassen und aktuelle Beziehungen weniger wertschätzen.
Mehr Authentizität, weniger Kommerz
Ohne den Druck der öffentlichen Sichtbarkeit bleibt die Szene oft frei von kommerziellen Einflüssen, was eine authentischere und weniger oberflächliche Auseinandersetzung mit BDSM ermöglicht. Wenn es dennoch Sexworker gibt, die BDSM gegen Geld anbieten, erfolgt meist eine klarere Trennung zwischen „denen“ und dem Rest der Szene. Damit bleibt die Szene häufig näher an ihren Ursprüngen. Die gelebten Werte und Rituale werden gepflegt und weitergegeben, was zu einer besonderen Tiefe und Authentizität führt.
Intimität und Diskretion
Die Geheimhaltung schafft einen geschützten Raum, in dem sich Mitglieder sicher fühlen können, ohne Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung oder beruflichen Nachteilen. Diskretion ist hier ein gelebter Wert.
Nur zur Sicherheit, eine kleine geschlossene Szene hat aber auch sehr erhebliche Nachteile, um nur einige zu nennen:
Hohe Zugangshürden für Neulinge, Gefahr von Ausgrenzung und Cliquenbildung, weniger Vielfalt und Diversität, keine Clubs, Stagnation durch fehlende neue Impulse, Gruppendruck und Konformitätszwang, Vorurteile und Stigmatisierung, weniger Schutz vor Machtmissbrauch innerhalb der Gruppe, Risiko von Intransparenz und fehlender Aufklärung, Isolation von der Gesamtgesellschaft, schwieriger Zugang zu Ressourcen und externer Unterstützung, u.v.m.
Ich meine daher nicht, dass wir die Uhr zurückdrehen sollten, aber ich finde es wichtig, auch ein Auge darauf zu haben, welche positiven Aspekte verloren gegangen sind. So drängt sich quasi die Frage auf, könnte man einen Teil der verlorenen Vorteile wieder erlangen und wenn ja, wie sollte dies geschehen? Kleine exklusive Gruppen, die sich neben der Hauptszene gründen lassen, oder würde das gar nichts bringen, da die Voraussetzungen heute andere sind und ohne den fehlenden äußeren Druck solche Szenen in der Szene eher zu Problembereichen vorkommen könnten?
Oldschool schrieb am 05.06.2025
Die Szene hat viel mehr verloren!
1. Früher stand BDSM für echte Hingabe, klare Rollen und ein tiefes emotionales Band. Es ging um Grenzerfahrung, Vertrauen und Gemeinschaftssinn, nicht um weichgespülte Spielereien oder Lifestyle Accessoires. Heute fehlt mir oft die Ernsthaftigkeit. Alles ist auf Technik, Sicherheit und Konsens reduziert, aber der eigentliche Kern, das intensive Erleben und die Disziplin, geht verloren!
2. Früher war Schmerz ein Mittel zur Entwicklung, nicht nur zur Luststeigerung. Lernen durch Schmerz war effektiv und Teil der Dynamik. Heute wirkt alles nur noch nett und harmlos, bloß keine Risiken eingehen. BDSM ist eine Reise zu den eigenen Schattenseiten, in die dunklen Tiefen der Psyche. Das erfordert Mut und manchmal auch Härte. Wenn alles zu sanft ist, verliert Aspekt völlig.
3. Es fehlt der Respekt vor Traditionen und der Szene. Früher gab es Werte, Etikette und klare Strukturen. Heute ist alles recht beliebig, jeder macht sein eigenes Ding, und der Kern der Gemeinschaft zerfällt daran. Man hat sich früher bewusst abgegrenzt, sich mit Gleichgesinnten verbunden. Heute ist alles so offen, dass der Zauber des Geheimen verloren geht und alles zu Mainstream ohne echte Ecken und Kanten verkommt.
4. Genau diese Exklusivität har echten Schutz geboten. Man wusste, worauf man sich einlässt, es gab feste Regeln, an die sich alle gehalten haben. Heute ist es schwerer, Vertrauen aufzubauen, weil jeder seine eigenen Vorstellungen mitbringt und damit die gemeinsame Badis immer mehr erodiert.
5. Und was ist mit Verantwortung? Früher war klar, dass der dominante Part die volle Verantwortung übernimmt , Punkt! Ja, das Schloß auch psychischen Folgen ein, wobei das echt selten war, seltener als heute!. Heute wirkt es, als ob sich Doms hinter Konsens und „jeder ist für sich selbst verantwortlich“ verstecken. Das ist keine Führung!
6. Der ganze Kommerz durch Events, Messen und Datingseiten, führt zur einer Konsumhaltung. Partner werden schneller ausgetauscht, sind einfach zu ersetzen und gerade die Doms werden immer mehr zu Dienstleistern die Wünsche erfüllen sollen, das ist keine echte Hingabe mehr! Der Fokus von Doms und Sub ist nur noch der persönliche Lustgewinn, emotionale Tiefe und das Erleben von Macht und Ohnmacht gehen dabei fast vollständig verloren.
Danke! Ein sehr differenzierter Beitrag den ich wirklich schätze. Ich melde mich in den nächsten Tagen per Mail, da ich finde so eine Sichtweise sollte hier auf der Seite ihren Platz finden, gerade eben da ich es an vielen Stellen anders sehe. Die Szene lebt von Vielfalt, Respekt und Diskurs, all das sehe ich in deinem Beitrag. Ich bin gespannt auf den Austausch. Liebe Grüße Gentledom
Erzieher schrieb am 04.06.2025
Die Doms haben vor allem eines nicht mehr: Arsch in der Hose. Früher wurde gemacht, heute wird ausgehandelt und diskutiert, das hätte es vor 30 Jahren nicht gegeben, Da gab es klare Rollen und es wurde losgelegt. Pures BDSM eben und nichts weichgespültes!
Früher gab es auch keine Vergewaltigung in der Ehe. Ich finde es gut, dass heute der Konsens ein zentrales Thema ist und wer sich dafür nicht die Zeit nimmt, dem scheint sein Gegenüber nicht wirklich wichtig zu sein. Ich glaube das war auch vor 30 Jahren schon so, nur leider nicht immer und überall. Das von dir beschriebene BDSM halte ich für toxisch und wenn sich die Szene von diesem Konstrukt wegbewegt hat, ist es eine gute Entwicklung. BDSM kann dennoch sehr dreckig, hart und sogar schnell sein, wenn es denn beide genauso wollen :)
Ancilla schrieb am 30.05.2025
Ich glaube die Szene hat sich aufgeteilt, auf der einen Seite jene die mit dem SMJG großgeworden sind und auf der anderen, jene die davor fußgefasst haben. Von der letztgenannten Gruppe hört man immer wieder, wie schön es früher war und was die Szene alles verloren hat, von den jüngeren, auch jenen die schon sehr lange dabei sind, eben nicht.
Da habe ich wohl Glück, dass ich mich nach dieser Definition noch zur jungen Szene zählen darf :D Ich tue mich dennoch etwas schwer hier in zwei Altersgruppen zu unterteilen. Ich kann aber verstehen, wenn jüngere BDSMler gerne unter sich bleiben wollen und weiß, dass sich dadurch viele ältere BDSMler vor den Kopf gestoßen fühlen, auch weil es das so angeblich nicht gab, als sie selbst noch jung waren.
ER mit Sklavin schrieb am 29.05.2025
Dieser Artikel beschreibt sehr gut die vielen negativen Tendenzen der letzten Jahre im BDSM. Somit nimmt man auch z Kts, dass sich viele gestandene BDSMler mehr und mehr zurückziehen. Auch so mancher Stammtisch hat darunter gelitten.
Die Alternative in Form kleinerer, privater Spielkreise ist aus bereits im obigen Artikel genannten Risiken stark eingeschränkt. Bei dem heutzutage um sich greifenden Dogmatismus hat wohl kaum jemand Lust, einen solchen Kreis zu gründen und zu führen. Eine solche Gruppe kann nur durch Geben und Nehmen (alle bringen sich positiv ein) gedeihen und funktionieren. Bei dem heutigen Anspruchsdenken, möglichst ohne eigenen Aufwand bespasst werden zu wollen, sind solche Gruppen, Träumerei. Leider!
Das Argument die (anderen/meisten) wollen nur nehmen, lese ich im Internet in Bezug auf die BDSM Szene so oft, dass ich das Gefühl habe, wenn alle die das so sehen sich zusammen tun würden, wäre da bereits eine große Gruppe vorhanden. Einen kleinen Spiel-/Austauschkreis aufbauen ist nicht so schwer. Vor mehr als 10 Jahren war ich einmal Teil einer solchen kleinen Gemeinschaft, gerade wenn alle recht ähnlich ticken ist es keine wirkliche Arbeit sondern eigentlich nur entspannntes Interagieren. Auch aus dem direkten Umfeld kenne ich so kleine Gruppen, meist entstanden über Foren oder Stammtische wo es um inhaltlichen Austausch und nicht die Partnersuche ging. Gerade der Punkt Partnersuche kann solche Kreise schnell zu einem Ort machen an dem Konkurrenzdruck und Selbstdarstellung überhand nimmt.