Spielen auf BDSM Partys, ein Risiko?
Eigentlich müsste man meinen, öffentliches Spiel = viele Augen = keine/wenig Gefahren! Nicht jeder mag nur daheim sein BDSM ausleben, viele reizt es, dies auch in der Öffentlichkeit zu tun. Besonders geeignet sind hierbei BDSM Partys mit Gleichgesinnten. Die Atmosphäre, das Publikum, die Lust, sich zu zeigen, all das kann eine öffentliche Session zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lassen.
Doch so aufregend das Spiel auf Partys sein mag, so bergen diese Settings auch besondere Risiken. Nicht jede/r ist gleich gut dafür geeignet, in einer öffentlichen Situation sicher und selbstbewusst seine Grenzen zu verteidigen. Ob eine Session auf einer Party mehr oder weniger gefährlich ist als zuhause, hängt entscheidend von den Charakteren der Beteiligten ab. Hier spielen vor allem Selbstwahrnehmung, Kommunikationsfähigkeit und emotionale Stabilität eine Rolle.
Als Dom
Manche Doms empfinden die Bühne als beflügelnd. Sie genießen es, ihre Dominanz vor Publikum zu zeigen und sind dabei souverän und wachsam. Andere jedoch können dem Druck, vermeintlich eine gute Show abliefern zu müssen, leicht erliegen. In diesem Fall wird die Aufmerksamkeit möglicherweise eher auf das Publikum als auf den Sub gerichtet. Der Drang, sich zu beweisen, kann zu einer Vernachlässigung wichtiger Sicherheitsaspekte führen, der Blick für das Wohl des Subs verschwimmt. Auch das Ego kann einen erheblichen Boost erhalten, wer da eh schon immer an der Grenze zur Selbstüberschätzung ist, kann davon schnell über die Grenze getragen werden.
Als Sub
Ähnlich ist es auf der Sub Seite. Einige Subs blühen auf, wenn sie sich vor Publikum präsentieren können, erleben sich besonders intensiv und selbstbewusst. Andere fühlen sich eher unter Druck, in einer Rolle zu verharren, die sie selbst gar nicht mehr genießen. Das „Gesicht wahren“ vor anderen Zuschauern (oder sogar vor sich selbst) kann dazu führen, dass Warnsignale des Körpers oder der Psyche ignoriert werden. Das Ergebnis: Subs brechen weniger wahrscheinlich ein Spiel ab oder zögern, das Safeword zu sagen, weil sie nicht „versagen“ oder ihren Dom bloßstellen wollen.
Die primären Einflussfaktoren
1. Leistungsdruck und Bühneneffekt
In der Gruppe entstehen oft besondere Dynamiken. Andere Zuschauer können anspornen oder signalisieren Zustimmung, was das Gefühl verstärken kann, noch mehr leisten oder aushalten zu müssen. Mitunter entsteht auf Partys für manchen allein dadurch bereits ein gesteigerter Leistungsdruck. Viele fühlen sich dort wie auf einer Bühne und wollen ihre Fähigkeiten als Dom oder Sub besonders eindrucksvoll präsentieren. Dieses Gefühl, „etwas zeigen“ oder „gut dastehen“ zu müssen, kann dazu führen, dass Sicherheitsaspekte in den Hintergrund treten. Der Dom möchte möglicherweise besonders stark/hart wirken, während die Sub nicht den Eindruck erwecken will, sie halte nicht durch oder sei zu schwach. Solche Rollenbilder können verhindern, dass klare Grenzen wahrgenommen oder kommuniziert werden.
2. Gesicht wahren und nicht bloßstellen
Gerade für Subs kann es schwer sein, das Spiel abzubrechen oder ein Safeword zu benutzen. Auf Partys haben viele Angst, als „Spielverderber“ oder „Versager“ dazustehen, wenn sie ein Stoppzeichen setzen. Das Safeword wird möglicherweise zurückgehalten, weil man seinen Partner nicht bloßstellen will oder nicht als weich gelten mag. Diese Angst, das Gesicht zu verlieren, kann zu riskanten Situationen führen – selbst wenn die eigenen Grenzen längst überschritten sind.
3. Andere Umgebung, weniger Vertrautheit, viele Reize
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die ungewohnte Umgebung. Daheim ist alles vertraut, das Equipment bekannt, die Stimmung kontrollierbar. Auf Partys hingegen sind viele neue Reize und Ablenkungen vorhanden: laute Musik, viele Menschen, fremde Gerüche, unvorhersehbare Geräuschkulissen. Diese Faktoren können die Konzentration erheblich mindern oder auch das Eintauchen in die Rolle erschweren. Wer schnell von äußeren Reizen abgelenkt wird, verliert leichter das Gespür für die eigenen Grenzen und für die des Partners.
4. Kein normales Aftercare
Nach intensiven Sessions brauchen viele Subs (und auch einige Doms) ihr Aftercare. Im geschützten Raum zuhause ist das meist selbstverständlich: ein warmes Getränk, körperliche Nähe, tröstende Worte. Auf Partys kann es jedoch schwierig sein, diesen Raum zu finden. Oft fehlt ein ungestörter Rückzugsort oder das Bewusstsein dafür, wie wichtig Nachsorge gerade nach intensiven oder besonders emotionalen Sessions ist. Wenn Aftercare fehlt oder zu kurz kommt, können emotionale oder körperliche Nachwirkungen viel stärker und belastender sein.
5. Einfluss von berauschenden Substanzen
Viele BDSM Partyveranstalter verzichten auf den Ausschank stark alkoholhaltiger Getränke, einige auch gänzlich auf Alkohol, es gibt aber auch Veranstaltungen ohne solche Limits und manch einer hat sich selbst beim Verbot schon daheim ein wenig Mut angetrunken. Schon ein Glas Sekt oder Bier kann das Schmerzempfinden verändern und das Urteilsvermögen trüben. Alkohol, Drogen oder Partystimmung können dazu führen, dass Warnzeichen des Körpers nicht mehr so klar wahrgenommen oder falsch eingeschätzt werden. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle, über Grenzen zu gehen, was das Risiko für Unfälle oder Grenzverletzungen deutlich erhöht.
6. Fehlende oder oberflächliche Verbindung, neue Spielarten
Manche Sessions auf Partys sind „Pick-up-Play“, also mit Partner\innen, die man nicht so gut kennt wie den festen Hauptpartner. Das kann ein reizvoller Nervenkitzel sein, aber auch gefährlicher, weil man die nonverbalen Signale des anderen nicht so gut deuten kann.
Auf Partys sieht man neue Spielarten, die manche direkt einbinden wollen. Gänzlich neue Spielarten und Konstellationen bergen aber in sich Risiken, die durch die ungewohnte Umgebung noch verstärkt werden können. Der erste Dreier, die erste Fremdbenutzung, die ersten Nadeln, das sind alles Konstellationen, die je nach Charakter vielleicht besser erst daheim ausgelebt werden sollten.
7. Nein Paradoxon
Manche Sub-Typen haben Schwierigkeiten, in einer öffentlichen Situation ein Safeword zu sagen oder ein klares „Nein“ zu äußern. Vor Publikum scheint es leichter oder auch gewohnter, einfach weiterzumachen, auch wenn der Körper eigentlich schon längst ein Stopp signalisiert. Andersherum kann auch der Dom sich von der eigenen Dominanzrolle mitreißen lassen und übersehen, dass das Spiel in eine Richtung kippt, die nicht mehr sicher ist.
Die Charakterfrage
Es hängt also stark von den Beteiligten ab, inwieweit eine Gefahr bei öffentlichen Sessions besteht oder eher nicht.
Gute Voraussetzungen
- Subs und Doms, die sich selbst gut kennen und auf ihre eigenen Bedürfnisse hören.
- Menschen, die kommunikationsstark sind und auch vor Publikum ein Safeword einsetzen können.
- Erfahrene BDSMler, die wissen, wie sich ihre Körper und Emotionen in stressigen Situationen verhalten.
- Paare oder eingespielte Teams, die genau wissen, wie der andere reagiert, auch wenn außen herum Zuschauer sind.
Eher gefährdet
- Menschen, die sehr stark auf äußere Bestätigung setzen und sich leicht von den Reaktionen anderer beeinflussen lassen.
-Weniger erfahrene Subs oder Doms, die noch unsicher sind im Umgang mit ihren eigenen Grenzen oder denen des Gegenübers.
- Menschen, die sich von der Atmosphäre stark überwältigen lassen – sei es durch Nervosität, Erwartungsdruck oder erotische Reizüberflutung.
- BDSMler, die in der Öffentlichkeit ihre Unsicherheiten zu kaschieren versuchen, statt sie klar zu kommunizieren.
- Menschen mit psychischen Belastungen wie Borderline, Depressionen, Angststörungen, weil sie mit der Komplexität der Situation und dem sozialen Druck einer öffentlichen Session oft sensibler oder verletzlicher umgehen müssen.
Wer sich bei der zweiten Gruppe wiederfindet, muss aber nicht auf eine Playparty verzichten! Nur sollte mit mehr Bedacht vorgegangen werden. Beispielsweise kann man Rückzugsorte auf der Party ausfindig machen, etwa ruhige Ecken oder einen Raum, wo man sich ausruhen kann. Das gibt emotionale Sicherheit, falls es zu viel wird. Eine weitere vertraute Begleitperson dabei zu haben, die notfalls abschirmt oder einfach Trost spendet. Klare Vorababsprachen mit dem Partner oder den Beteiligten. Rückversicherungen während der Sessions, die mehr als nur ein „Ja“ oder „Nein“ als Antwort vorsehen. Klare Ansprache von Dom, dass ein Safeword zu sagen positiv ist und nicht ein Versagen darstellt. Ein klarer und gemeinsamer Notfallplan. Das alles kann helfen, das Risiko zu reduzieren und das Spiel auch in der Öffentlichkeit sicherer zu gestalten.
Öffentliches BDSM kann eine aufregende und bereichernde Erfahrung sein. Doch es verlangt ein gewisses Maß an Selbstkenntnis, Vertrauen und Kommunikation. Was für den einen beflügelnd ist, kann für den anderen eine Überforderung sein. Wer sich unsicher ist kann auch erst mal langsam anfangen, das ist beim BDSM eh nie verkehrt, wenn Unsicherheiten bestehen oder ein gänzlich neuer Bereich erkundet wird.