Freeuse (KINK und BDSM)

Der Begriff Freeuse (oder auch Free use) ist in den letzten Jahren verstärkt in Fetischforen, Rollenspielen und pornografischen Inhalten aufgetaucht. Eine Person oder auch Personengruppe steht jederzeit, ohne erneute Zustimmung, für sexuelle Handlungen zur Verfügung. Eine klar definierte Szene oder Struktur gibt es für FreeUse bisher nicht, es ist vor allem noch eine Pornokategorie. Das grundsätzliche Setting lässt sich auch aber durchaus in BDSM-Kontext übertragen, insbesondere in Verbindung mit Total Power Exchange (TPE) oder Erotic Power Exchange (EPE). 

Dennoch gibt es dabei klare Unterschiede. Die typischen Wünsche und Bedürfnisse sind dabei Kontrollverlust, ständige sexuelle Objektifizierung, spontane Nutzung ohne Ankündigung und alltagsübergreifendes Machtgefälle. Durch den starken sexuellen Kontext sind Objektifizierungen (Nutzung als Ablagefläche) oder unsexuelle, dienenden Handlungen (Bedienen, Ankleiden, Massieren) beim Freeuse, im Gegensatz zu den BDSM Spielarten (mit Ausnahme vielleicht von EPE, was aber meist ein Mosaikstein von vielen in der Ds-Dynamik ist) nicht wirklich vorhanden, außer die Rolle ist beim Freeuse eben schon z.B. die einer Haushälterin.

Was ist Freeuse?
Freeuse beschreibt das Szenario, in dem eine (meist unterwürfige) Person dauerhaft sexuell für den dominanten Partner verfügbar ist und nicht mehr jedes Mal explizit um Erlaubnis gefragt wird. Diese Idee entstammt ursprünglich der Pornografie und ist dort häufig mit Grenzüberschreitungen inszeniert, die in der Realität nicht legal oder und sicher umsetzbar wären. In den pornografischen Darstellungen wird Freeuse oft mit der Objektifizierung des devoten Parts verbunden. Charakteristisch ist dabei, dass die submissive Person weder Freude noch Reaktion zeigen soll. Sie soll ihre eigentliche Tätigkeit (z.B. Hausarbeit, Lesen, Schlafen, Lernen, Zocken) weitermachen, als würde der sexuelle Zugriff keine Rolle spielen. Die Lust und Kontrolle liegen ausschließlich beim dominanten Part. Im Kontext Fetisch wird die passive Person dabei eher als „Möbelstück mit Öffnungen“ inszeniert denn als aktiver Teilnehmer, manchmal sogar ganz als lebendes Möbelstück.  

Der devot dargestellte Mensch wird hier nicht als Mitspieler, sondern als funktionales Objekt inszeniert, entmenschlicht, lustlos, passiv. Eine BDSM Beziehung besteht zwischen Personen die eine gemeinsame Basis gefunden haben und konsensual die Grenzen dessen definiert haben, was geht und was eben nicht. Für den Großteil der BDSMler gehört sowohl das Aftercare, die Abbruchsoption und eben auch die gemeinsame Interaktion zum essentiellen Bestandteil ihres BDSM. Das alles gibt es beim Freeuse eben ausdrücklich nicht.

Wenn alle Beteiligten auf diese Punkte verzichten würden, wobei ein Verzicht auf eine Abbruchsoption rechtlich nicht möglich ist und die Frage aufwerfen würde, ist das dann noch BDSM, dann kann eine Art von Freeuse natürlich auch in einem BDSM Setting ausgelebt werden.

Die Unterschiede zum "klassischen" BDSM
Neben den erwähnten Rahmenbedingungen sind auch die Mittel sehr unteschiedlich. Sowohl Bondage als auch SM kommen nicht beim Freeuse vor. Hingabe und Unterwerfung auch nicht. Es gibt aber den Überschneidungspunkt der Erniedrigung, jedoch ist die Umsetzung so wie beim Freeuse im Bereich BDSM eher selten verbreitet (aber kommt auch dort mitunter vor). Diese besondere Form der Erniedrigung ist durchaus ein zentrales Element vieler Freeusefantasien, gerade in der Darstellung. Die radikale Objektifizierung, das gleichgültige oder abwertende Verhalten des dominanten Parts untergräbt die Würde der anderen Person systematisch, sodass der Fokus allein auf dem Gebrauch liegt.  

Für wen eignet sich Freeuse also?
Fügt man dem Freeuse den Konsens und die Abbruchsoption hinzu, so ist es etwas für BDSMler die bewusst nur den sexuellen Aspekt von Dominanz und Unterwerfung ausleben wollen. Sub muss sich dabei bewusst sein, dass es kein Aftercare gibt und es eben auch vollkommen egal ist, ob er oder sie Lust an der Handlung hat (eigentlich sollte er/sie nichts dabei empfinden, also asexuell sein), eigentlich wäre es sogar so, dass Sub auch keine Ansprüche in Bezug auf die Person haben dürfte, mit der er/sie dieses Szenario erlebt, da Freeuse eben von einem fügsamen Objekt und nicht einem Menschen als Teilnehmer ausgeht.

Wenn man Freeuse mit Konsens, Safeword und Aftercare, vielleicht sogar Spaß auf passiver Seite versieht, ist es dann noch Freeuse?
Jein.

Formal ja, weil das äußere Verhalten (ständige sexuelle Verfügbarkeit, Objektstatus) weiterhin gespielt wird. 

Inhaltlich eher, weil der zentrale Aspekt des Fantasiekonstrukts, wie die scheinbare völlige Verfügbarkeit und Kontrolle, durch das Einfügen von Konsens und Sicherheit gebrochen wird.

Aber dieses Zustand kennen, wenn es um andere extreme Formen geht, BDSMler nur zu gut, siehe TPE, cis, non-con oder Debris. Natürlich faszinieren Darstellungen dieser Art in ihrer Grenzüberschreitung. Gerade deshalb ist es aber so wichtig, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden und bei einer Umsetzung im BDSM-Kontext klare, konsensuelle Rahmenbedingungen zu schaffen.

Freeuse ist ein pornografisch geprägtes Fantasiekonstrukt, aber aus dem Grundgedanken kann sich natürlich auch wie beim BDSM eine Szene entwickeln. Nicht wenige BDSMler behaupten, dass die Werke von Marquis de Sade Wegbereiter waren und der Inhalt dieser Werke ist weitaus extremer als die Pornografien, die es im Bereich Freeuse derzeit zumeist gibt. Ob sich dann aus dem Bereich Freeuse eine eigene Szene entwickelt oder dies von BDSM, insbesondere den Anhängern von TPE und EPE konsumiert wird, muss sich zeigen. Vielleicht verschwindet der Trend Freeuse aber auch wieder oder wandelt sich zu einer mehr (und vor allem verantwortlich) lebbaren Spielart.

Die oft in Pornografie dargestellte Lustlosigkeit oder „Weiterfunktionieren“ des devoten Parts ist ein extremes Objektifizierungsmotiv, wäre in der Realität aber nur dann denkbar, wenn es bewusst, sicher und freiwillig gespielt wird. Freeuse kann rechtlich (und moralisch) nicht auf einen echten Konsens mit Ausstiegsoption verzichten, man kann nur so tun, als wäre es anders (durchaus mit Gefahren sich in diesem Szenario zu verlieren) und eben ohne (gezeigte) Lust auf passiver Seite und unter dem Verzicht von Aftercare in diesem Szenario. Wer Aftercare nicht braucht und keine Lust empfinden/zeigen mag, für den mag Freeuse eine Option sein, allen anderen würde ich eher EPE oder andere Formen von BDSM ans Herz legen. 

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