Wie geht Aftercare?
Aftercare ist für viele BDSMler ein wichtiger Bestandteil ihres BDSM, dennoch gibt es auch Doms und Subs, die bewusst darauf verzichten, was vollkommen in Ordnung ist, solange beide dies genauso wollen. Aftercare dient dazu, Körper und Geist nach einer Session wieder ins Gleichgewicht zu bringen und sicherzustellen, dass alle Beteiligten sich wohl und geborgen fühlen. Aftercare ist eine bedürfnisorientierte Handlung und auch wenn eher Subs Aftercare benötigen, kann dies auch für Doms ein sehr wichtiger Bestandteil sein, wieder in den Alltag zurückzukehren. Sie lässt sich sehr gut in einer ritualisierten, also immer wiederkehrenden Form ausführen, muss aber in besonderen Situationen auch von der Routine abweichen dürfen. Welche Formen von Aftercare gibt es typischerweise?
Körperliche Aftercare
Ein häufiges Aftercare Grundelement sind Intimität und Körperkontakt, um das Sicherheitsgefühl wiederherzustellen. Unter einer warmen Decke Kuscheln, Massagen, zusammen baden/duschen, sich umarmen, Nähe zulassen oder auch gemeinsamer entspannter Sex/Intimität. Zudem kann dies durch sensorische Aftercare unterstützt werden, indem das Licht gedimmt wird oder ein angenehmer Duft (Duft- und Massageöle) erzeugt wird.
Falls es durch die Session zu physischen Spuren (z.?B. Seilabdrücke, kleine Wunden, Kratzer) gekommen ist, sollten diese versorgt werden.
Emotionale Aftercare
Sichere Worte, Danksagen und/oder Bestätigung können hierbei helfen. Auch einige dominante Menschen brauchen nach der Session verbale Bestärkung, dass alles einvernehmlich war und dass sie geschätzt werden.
Es hilft oft, zwanglos über das Erlebte zu reden, Ängste oder Unsicherheiten zu teilen oder einfach über völlig andere Themen zu plaudern und zu lachen.
Manche Menschen sind nach intensiven Sessions sehr „high“ (Subspace, Endorphinrausch), hier kann ein sanfter Übergang helfen, zurück in die Alltagsrealität zu finden.
Humor und gemeinsames Lachen nach einer Session ist mit die beste Methode, um Anspannung zu lösen, die Bindung zu stärken und positive Gefühle zu erzeugen.
Praktische Aftercare
Getränke (oft sind warme Getränke bei Subs beliebter) und Snacks, hier wurde nämlich gerade eine Menge Energie gemeinsam verbrannt und der Körper hat dann mitunter durchaus ganz natürliche Bedürfnisse. Ja, den anderen kurz gehen zu lassen, weil dessen Blase voll ist, zählt auch dazu.
Eine andere Möglichkeit kann auch eine gemeinsame und gleichberechtigte Aktivität sein, zum Beispiel zusammen Kochen, womit auch die Energiezufuhr wieder gesichert wäre.
Das Abnehmen des Halsbands kann auch ganz physisch den Wechsel hin zum Alltag einläuten.
Raum schaffen
Manche brauchen eine Ortsveränderung, hier sollte es dann ein ruhiger, sicherer Raum oder auch ein Rückzugsort (z.?B. ein ruhiges Zimmer, wo man ungestört ist) sein. Daheim ist das in der Regel leicht möglich, auf Partys gibt es aber auch häufig solche Rückzugsorte.
Ein sicherer Raum muss aber nicht nur physischer Natur sein. Es kann auch eine Klangwelt (gemeinsam Musik hören) oder eine Position (Knieen zwischen den Beinen des sitzenden Doms) sein.
Besonders bei Fernbeziehungen oder Online BDSM kann Aftercare auch digital erfolgen, z.?B. durch Chat, Sprachnachrichten oder Videoanrufe.
Langfristige Aftercare
Aftercare ist nichts, das nur den Zeitraum direkt nach der Session betrifft, sei für dein Gegenüber erreichbar, in jederlei Hinsicht. Hier können Rückfragen in den Stunden oder Tagen danach helfen. Insbesondere bei sehr intensiven Sessions kann es wichtig sein, am nächsten Tag nochmal zu fragen, wie es dem anderen geht.
Das soziale Aftercare kann mit oder ohne den Partner erfolgen und beinhaltet den Austausch mit Freunden oder der Community bezüglich des Erlebten. Hier sollte aber auf den Partner Rücksicht genommen werden, was dieser will, dass über ihn offengelegt wird.
Selbstreflexion
Aftercare ist aber nicht nur auf das Zusammenspiel beider beschränkt. Auch man selbst kann sich Zeit nehmen, das Geschehen einzuordnen und es so noch besser zu verarbeiten. Manche nutzen hierfür ein Sessiontagebuch, evtl. ihr normales Tagebuch oder sprechen mit einem Partner/einer Partnerin.
Der Empathiefaktor
Je empathischer und offener jemand ist, umso besser klappt auch das Aftercare mit dieser Person. Es geht eben nicht nur darum, körperliche Bedürfnisse zu stillen, sondern auch darum, die emotionale Lage des Partners oder der Partnerin wirklich wahrzunehmen. Gerade nach intensiven Spielen kann die Gefühlslage sehr unterschiedlich sein. Der eine braucht Nähe und Geborgenheit, während der andere vielleicht erst einmal Raum für sich braucht und selbst und selbst bei der gleichen Person kann dies von Tag zu Tag unterschiedlich sein.
Empathie bedeutet nicht nur aufmerksam zuzuhören, sondern vor allem die nonverbalen Signale ernst zu nehmen. Ein einfühlsames Aftercare zeigt sich oft darin, dass man dem anderen das Gefühl gibt, genau so akzeptiert zu werden, wie er oder sie ist, mit allen Gefühlen, die in diesem Moment da sind und das kann eben auch nach einer super tollen Session mal ein Weinanfall sein, weil sich gerade unglaublich viel Spannung löst.
Eine empathische Haltung macht Aftercare nicht nur zu einem Akt der Fürsorge, sondern zu einem verbindenden Element, das Vertrauen und Intimität nachhaltig stärkt.
Aus dem Nähkästchen
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Aftercare sich meist schnell zwischen zwei oder auch mehr Menschen entwickelt. Ich selbst brauche für meine Psyche kein Aftercare, jedoch genieße ich diesen Part des Zusammenspiels sehr und es war bisher nie eine Pflicht für mich. Natürlich gibt es Methoden, die ich selbst favorisiere (kuscheln, Teetrinken, lachen, streicheln, zwanglos reden und die ritualisierte Abnahme des Halsbands) aber für mich ist Aftercare vor allem ein Ausdruck von Wertschätzung für die Hingabe und das Vertrauen der Sub(s). So wie Sub sich in einer Session eher nach meinen Bedürfnissen richtet, richte ich mich beim Aftercare mehr nach den ihren.
Aftercare ist etwas sehr Natürliches und bei den meisten entwickeln sich solche Rituale und Mechanismen ganz von selbst. Dennoch wird diese kleine Liste vielleicht dem ein oder anderen dabei helfen können, schneller zu seinem idealen Aftercare zu finden. Wichtig ist, dass es einfach für alle Beteiligten passt.
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