Für etliche Neulinge im Reich der dunklen Erotik ist vielleicht schon der Name dieser größten aller BDSM-Communities abschreckend – er war es jedenfalls für mich, jahrelang. MagicZyks, einer der SZ-Macher, schrieb anlässlich des arithmetischen Jubiläums der SZ selbst vom Erfolg „trotz des etwas rüden Namens „Sklavenzentrale“, der ja aus unseren Anfängen stammt“. <br/> Als ich dann aber im Dezember 2005 mal intensiver durch die dortigen Foren stöberte, war ich angenehm überrascht: Ein breites Neigungs- und Meinungsspektrum, schneller und intensiver Meinungsaustausch, zwar viele Nonsens-Postings (wie fast überall), aber auch sehr engagierte, interessante Gespräche, in denen die Menschen sich mit viel Herzblut beteiligten. Ich war begeistert und trat bei, wurde sogar Premium-Mitglied, weil die Aktiven dort einen wirklich guten Service bieten, der die 6 Euro pro Monat mehr als wert ist.
Und ich schmiss mich ins Getümmel! Nicht „suchend“, sondern schreibend. Binnen guten drei Monaten kam ich auf über 180 Seiten Text – neulich hab‘ ich mal alles zusammen gestellt und in Winword gezählt. Anders als in anderen, weniger gut besuchten Foren, findet in der SZ jedes Thema schnell Resonanz – für mich, die ich nicht gerade durch große Geduld glänze, ein Paradies! Wenn ich einen neuen Gedanken verfolge oder eine Frage habe, will ich nicht wochenlang warten müssen, bis da mal ein paar substanzielle Postings kommen – und die SZ ist in dieser Hinsicht unschlagbar. Dauernd um die 1000 Leute online, da passiert schon was, da wird sich nicht angeschwiegen!
Vorteil ist Nachteil
Doch wie alles Schöne hat dieser Vorteil auch einen Nachteil: so schnell wie ein Thema aufkommt, ist es auch schon wieder in der Versenkung verschwunden. Viele nutzen die schnellen Foren, um sich die Langeweile zu vertreiben, posten massenhaft „geistreichen Unsinn“ und vergrätzen damit viele, die sich lieber ernsthaft austauschen würden. Oft wird so auch ein anfänglich spannender Thread zerredet und zerpflückt, „Trolle“ treiben ihr Unwesen, Scherzkekse ziehen ernst Gemeintes ins Lächerliche, und natürlich gibts persönliche Animositäten und Fraktionen, die sich nicht grün sind.
Mich hat das alles nicht abgeschreckt, ja, ich war gern und lange dort, steuerte etwa einmal pro Woche ein Thema bei und kümmerte mich dann darum, das Gespräch zu moderieren, damit es nicht ganz aus dem Ruder läuft. Es ist mir sogar gelegentlich gelungen, die Leute dazu zu verführen, von sich zu sprechen, von ihren Gefühlen und Erfahrungen, nicht bloß von ihren Meinungen über dies und das. Die Tendenz, sich hinter abstrakten Fragestellungen zu verbergen, finde ich nämlich frustrierend: Viele Fragen können ja nicht einmal verstanden werden ohne das Wissen ums konkrete Erleben, das die Frage motiviert. Dazu bedürfte es nämlich der Einigkeit über die Bedeutung der Begriffe und die ist im BDSM-Bereich eher gering. Hinzu kommen die verschiedenen mentalen Zustände, aus denen heraus sich die Schreibenden äußern: die einen reflektieren auf rationaler Ebene ihr Erleben, die anderen „befinden sich im Spiel“. Schreibend erschaffen sie ihre „zweite Wirklichkeit“, in der sie zum Beispiel „24/7-Sklavin von Dom Soundso“ sind, der in der ersten Wirklichkeit am anderen Ende der Republik lebt und sie nur sehr gelegentlich aufsucht, wenn überhaupt.
All das muss man einrechnen, wenn man in solchen Foren kommuniziert: Datenbanken sind geduldig und nehmen unterwürfigst alles an, was jemand verlautbart. Und auch im Löschen sind sie immer dienstbereit: da verschwinden plötzlich Leute, die wochenlang auf sehr individuelle Art Gespräche führten, ganze Themen werden von den Admins und Deputies schon mal in den Orkus befördert – was „Wirklichkeit“ war, ist plötzlich weg und nicht geschehen oder erweist sich im nachhinein als reine Show, die jemand abgezogen hat, um dann sang und klanglos die Segel zu streichen, wenn der Unterhaltungswert nicht mehr stimmt.
Das alles ist „ganz normal“ in den virtuellen Welten der Foren und Communities – in der SZ kommt es lediglich aufgrund des hohen Traffics (über 50.000 Mitglieder!) besonders dicke.
Ich hab‘ also schnell gelernt, nur noch „Real- und Premium-Mitglieder“ tendenziell ernst zu nehmen – nämlich solche, die jemand persönlich „von Angesicht“ kennt (=“real“) oder die durch regelmäßige Zahlungen (=Premium) einen etwas verbindlicheren Eindruck im Blick auf ihre reale Existenz machen. Aber manches plötzliche Verschwinden (z.B. von „Silberwolf“) hat mich schon genervt: man kommt sich auf ungeile Art „benutzt“ vor, wenn sich plötzlich einer als „Fake“ entpuppt, der eben noch JEMAND war – und damit auch eine Person des eigenen gedanklichen Innenlebens, umso mehr, je mehr er inhaltlich beigetragen hat.
Kumulierender Frust – ich werde dünnhäutig!
Im Lauf der drei Monate kam so eine kleine Verletzung zur anderen, alles nicht spektakulär, alles im „Virtuellen“ recht üblich – erst jetzt, nachdem ich das dringliche Bedürfnis spürte, mich ein wenig auszuklinken, sehe ich, was alles so aufgelaufen ist zu einem netten kleinen „Frust-Paket“. Ich will ja nicht zum Misanthropen werden, da mach ich lieber mal Pause!
Lesend und schreibend merkte ich, dass ich immer empfindlicher wurde: es ging mir zunehmend nahe, was ich so alles an extremen Positionen und Lebensweisen zu lesen bekam, und das veränderte mein eigenes Schreiben in eine Richtung, die ich niemals beabsichtigt hatte, ja sogar immer vermeiden wollte! Ich begann, gegen Meinungen, Haltungen und Grundverständnisse von BDSM anzuschreiben, die mir als extrem, lieblos, egoistisch, verrückt, schwer abgefahren oder wie auch immer „daneben“ vorkamen. Die „innere Schreiberin“ reagierte auf die Gefühle, die diese Berichte und Diskussionen in mir auslösten und neigte auf einmal zu Texten, die außerhalb dieser „virtuellen Szene“ kein Mensch mehr verstehen würde! Insider-Jargon mochte ich noch nie – jetzt erwischte ich mich dabei, wie ich mich flüssig darin ausdrückte und kaum mehr anders konnte!
VOR der Zeit in der Sklavenzentrale schrieb ich begeisterte Artikel über BDSM – Tenor: diese Spielarten der Erotik sind NICHT „pervers“, sondern im Gegenteil ganz WUNDERBAR! Und manches Erleben aus dem Reich der „dunklen Erotik“ steht doch eigentlich jedem erotisch aufgeschlossenen Menschen offen, wenn er/sie sich nur mal trauen würde, es auszuprobieren…
Zu normal? Reif für die Insel!
Das hat sich leider verändert. Im Moment fühl ich mich glatt „zu normal für die SZ“. Ich bin länger schon nicht mehr damit beschäftigt, BDSM-Erlebnisweisen darzustellen und zu rühmen, Tipps zu geben und das Unverständliche verständlich zu machen, sondern schreibe gegen (wenige!) Extremisten an, verteidige einen Common Sense, den es in der Szene, wie sie sich in der SZ zeigt, nicht gibt – ja bin ich denn blöd? Schließlich sind das doch alles Erwachsene, die machen können, was sie wollen…
Tja, solange sie allein zu zweit bleiben, mag das stimmen, doch sobald es darum geht, in einer Gemeinschaft „über BDSM“ zu kommunizieren, braucht es für mich eine Art Minimalkonsens, sonst fehlt mir jegliche Basis für Gespräche. Wer nur zur eigenen Lust handelt, ausschließlich „die Neigung ausleben“ will, ohne noch andere Werte und vor allem den GANZEN MENSCHEN in Betracht zu ziehen, mit dem dies alles erlebt wird, der ist für mich einfach schwer erträglich. Es schlägt mir aufs Gemüt, nicht gleich, aber auf Dauer schon. Genauso wie die Denkverweigerer, die auf jede tiefer schürfende Frage abwehrend reagieren und spüren lassen, dass sie Nachdenken für etwas dem Erleben abträgliches halten. Oder die Träumerinnen und Träumer, die einzig danach streben, ihr Kopfkino 1:1 aufgeführt zu bekommen – ziemlich egal, mit wem und unter welchen Umständen. Und natürlich die, die nicht mal einen Profiltext lesen, bevor sie mir unverlangt mitteilen, dass sie sich liebend gerne unterwerfen würden und was ich im einzelnen alles mit ihnen anstellen könnte…
Oh, genug geklagt – ich sag ja, ich bin reif für die Insel – DIESE INSEL, mein eigenes Blog! <br/> Wenn ich dann die kommunikative Gelassenheit wieder gefunden habe, stürze ich mich gewiss wieder ins Getümmel – schließlich ist die SZ ohne Frage die spannendste BDSM-Community weit und breit!