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 index » Blogs » Clus BDSM » Neigung und Denken, Kopfkino und Wirklichkeit 

Neigung und Denken, Kopfkino und Wirklichkeit

Manchmal empfinde ich große Müdigkeit, wenn ich mal wieder in einem Forum die Themen und Beiträge verfolge: Darf Dom Subs Wünsche erfüllen? Darf Sub Wünsche äußern? Muss Sub immer gleich gehorchen oder ist es ok, sich auch mal körperlich „überwältigen“ zu lassen? Wie weit sollte der Gehorsam gehen? Kann Dom verlangen, dass Sub sich die Haare schert? Was ist von Ohrfeigen als Mittel der Bestrafung und / oder Demütigung zu halten? Ist Demütigung im BDSM-Kontext überhaupt eine, wenn Sub doch darauf steht? Ist eine „Bestrafung“ wirklich eine Strafe oder doch etwas ganz anderes?

Das wird dann alles recht kontrovers verhandelt, wobei ich immer den Eindruck habe, dass diejenigen mit den extremsten Positionen oft auch die mit den wenigsten realen Erfahrungen sind. Das Kopfkino dominiert diese Gespräche, feuchte Träume werden als Realität dargestellt: die voll versklavte Sub sieht ihren 500 Kilometer entfernt lebenden Dom alle Monate mal, lebt aber ausschließlich für seine Lust – „DS“ (=Dominanz und Unterwerfung als Beziehungsmodell) findet eben im Kopf statt und nicht immer lebt in den Köpfen der Beteiligten derselbe Traum. Gespräche und Diskussionen ÜBER BDSM werden dann dazu benutzt, die jeweilige Wunschwelt im Kopf zu stabilisieren und zu bestätigen. Die Neigung zur Selbstreflexion ist entsprechend gering, denn sie würde dabei nur stören.

Dominanz verpflichtet…

Damit Kopfkino und Realität zu einer befriedigenden Mischung zusammen fließen, muss die Schere im Kopf kritische Gedanken abschneiden und manche Irritation schaut man besser gar nicht erst an. Für die schärfsten Widersprüche gibt es ja „Pflaster“, die wieder und wieder auf die wunden Stellen geklebt werden: etwa der Verweis auf Doms allgegenwärtige Weisheit und Güte, der ihn (bzw. sie) schon immer das Richtige tun bzw. anweisen lässt, damit Subs Leben als stets freudig dienendes Wesen nicht allzu schmerzhaft mit dem Alltag kollidiert.

In privaten Dialogen hat mir schon so mancher Dominante sein Erschrecken darüber mitgeteilt, wie weitgehend manch eine Sub „sich unterwerfen“ möchte: Dom soll eine Art Pappi-Ersatz sein, soll ihre Seele und ihr ganzes Leben in seine – gütigen und strafenden- Hände nehmen, soll ihr sagen, wo es für sie lang geht und sie möglichst von aller Verantwortung für’s eigene Leben befreien („Hilfe, sie will gleich als 24/7-Sklavin bei mir einziehen“!).
Ein Ehemann erzählte mir, wie seine Frau sich ihm „zum Geschenk machte“, nachdem sie BDSM für sich entdeckt hatte – und dass er das ja gar nicht hätte ablehnen können! Als erstes übergab sie ihm dann ihre sämtlichen Tagebücher und er verbrachte mehr als einen Tag damit, jede Menge Text zu lesen, der ihm einiges Durchhaltevermögen abverlangte. Als nicht-besitzender „gleich berechtigter“ Ehemann hätte er höchstens ein paar Seiten lesen müssen – tja, Dominanz verpflichtet! :-)

Bei männlichen Subs tritt das Bedürfnis nach Unterwerfung unter den Willen einer Dommé seltener in extremen Varianten auf. Ihre Wünsche gehen eher dahin, im explizit erotischen Kontext möglichst viele ihrer spezifischen (vornehmlich masochistischen) Träume erfüllt zu sehen: „Belastbarkeit“ ist das Stichwort. Oft bekomme ich Zuschriften, in denen mir detailliert aufgezählt wird, was ich alles mit ihnen machen könnte, wenn ich mich denn ihrer erbarmen und sie „als Sklave annehmen“ würde. Ich frage sie dann zurück, ob sie denn vor ihrer BDSM-Phase fremde Frauen auch mal eben darauf angesprochen haben, dass sie es gerne von vorn, von hinten, mit Händen, Schwanz und Zunge machen – dann ist meist Schweigen im Walde!

Hm, ich bin ein wenig abgeschweift! Im Grunde fehlt mir das Gespräch über Dinge, die nicht in den Foren stehen: Flops, Zweifel, Verunsicherungen, sich wandelnde Neigungen, Aussetzer, Ent-Täuschungen, wahre Selbsterkenntnis, die nicht alles hemmungslos romantisiert (oder auf bloße Praktiken reduziert) und die nicht einen Teil der Gefühlswelt für das Ganze nimmt. Gespräche mit Erwachsenen, die imstande sind, ihre Neigungen und deren Folgen für’s Fühlen und Denken aus einer beobachtenden, nicht wertenden Distanz anzusehen, Menschen, die einfach berichten, was ist, anstatt stets mit flammendem Herzen (oder geschwollenem Schwanz und feuchter Möse) zu beschwören, was sein sollte.

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