Wer sich als Neuling dem SM-Bereich nähert und in den einschlägigen Foren und Webseiten stöbert, findet diese Welt voller „Sklavinnen“, „Herren“,“Doms“ und „Subs“. Klare Rollenverteilungen beherrschen die Szene, zumindest auf den ersten Blick. Und es gibt eine Art „DS-Ideologie“ (DS = Dominanz/Submission), nämlich die Rede von der Macht des dominanten Parts über den Submissiven, von der alleinigen Herrschaft über das erotische oder auch das ganze Leben. Manche Subs bezeichnen sich als „Besitz“ bzw. „Eigentum“ ihres Herrn bzw. ihrer Herrin und werden nicht müde, die Freuden des Dienens und des Beherrscht-werdens in den höchsten und oft recht romantischen Tönen zu feiern.
Was bedeutet das alles? Wie kommt es, dass gestandene Erwachsene sich einem anderen unterwerfen, ihre Selbstbestimmung abgeben und sich der Willkür ihres Partner komplett ausliefern?? Und was sind das für Leute, die fortwährend „das Sagen haben“ wollen? Sind die alle verrückt oder beziehungsgestört, kompensieren sie etwas, das ihnen im Alltag fehlt, oder ist das Ganze eine Art Aufarbeitung prägender kindlicher Erlebnisse?
Diese Fragen bewegen nicht nur den interessierten Neuling, sie tauchen in verschiedenen Formen auch immer wieder in Szene-Diskussionen auf. Regelmäßig reißen dann Fronten auf zwischen denjenigen, die aufgrund eigenen Erlebens die „Kindheitsthese“ oder das „Kompensationsmodell“ vertreten, und den anderen, die es als „angeborene Veranlagung“ ansehen, etwa der Homosexualität vergleichbar. Groß ist auch die Gruppe derjenigen, die diese Diskussionen ablehnt, um sich „nicht pathologisieren zu lassen“, was als Reaktion auf gesellschaftliche Diskriminierung verständlich ist, die Suche nach der Wahrheit allerdings nicht befördert.
Und der Dissens geht noch weiter: was unter „dominant“ bzw. „submissiv“ zu verstehen sei, scheidet die Geister. Die einen sehen diese Eigenschaften als dominierende Persönlichkeitsanteile, die sich im gesamten Lebensvollzug äußern, andere betrachten sie als Aspekte der Gesamtpersönlichkeit, die „neigungshalber“ auf dem Feld der Erotik und Liebesbeziehungen ausgelebt werden. Begriffe wie „alltagsdominant“ und „naturdevot“ entstammen der ersteren Gruppe, für die die Gelegenheitsdominanten bzw. Submissiven dann folgerichtig „nur Spieler“ sind, oft durchaus abwertend gemeint.
Allen gemeinsam ist der Bezug auf absolute Freiwilligkeit: Erst der Submissive ermöglicht durch seine Unterwerfung und Hingabe dem Partner das Ausleben seiner Dominanz. Der Rahmen und die Bereiche, auf die sich das Machtgefälle bezieht, werden frei vereinbart. Sub kann selbstverständlich jederzeit das Arrangement kündigen, das ist auch denjenigen klar, die eine Paar-Ideologie unwiderruflichen „Eigentums“ pflegen. Echte Sklaverei ist zum Glück abgeschafft, das wissen alle und 99,9 % finden das auch gut so.
Schaut man länger hin und lernt praktizierende BDSMler im Alltag kennen, relativiert sich in der Regel der erste Eindruck vom „totalen Machtgefälle“. Allermeist wird die Hierarchie ausschließlich im Reich der Erotik ausgelebt – wobei „Erotik“ weit zu verstehen ist, nicht als bloßer sexueller Akt. DS ist geradezu eine Methode, das erotische Feld in den Alltag auszudehnen und diesen so zu erotisieren: Wenn der Dominante jederzeit das Recht hat, auf Sub zuzugreifen und irgend etwas seiner Lust Dienliches zu verlangen, kann das ganz schön spannend sein!
Womit ich – endlich – beim eigentlichen Thema dieses Artikels angekommen bin, nämlich der Frage nach dem tieferen SINN eines konsensuellen Machtgefälles. Wer nur auf die Szene hört und sich allenfalls mit den Wurzeln der Neigung beschäftigt, schaut oft gar nicht mehr aufs ganz normale Beziehungsleben, das ja oft mehr ein „Beziehungselend“ ist. Dabei kommt das intensive Erleben, das in Beziehungen mit DS-Elementen so tief berührt, zu großen Teilen aus der Vermeidung und Umschiffung dieses von vielen in vergangenen Beziehungen ausschweifend erlittenen Elends – ganz unpathologisch also, als eine Art radikaler Befreiungsschlag.
Die Etablierung einer klaren Hierarchie aus freier Willensentscheidung beider Beteiligter beendet nämlich erst einmal den üblichen Machtkampf, der das Liebesleben vieler Paare bestimmt: Wer hat recht? Wer sagt, was anliegt? Wer bestimmt, wann es zur sexuellen Begegnung kommt? Vom offenen Streit bis hin zu subtilen Formen emotionaler Erpressung bildet diese Auseinandersetzung ja weithin den Beziehungsalltag, sobald die rosa Wolke der ersten Verliebtheit nicht mehr trägt. Jeder Partner führt innerlich eine Art „Beziehungskonto“, auf dem Ego-bestätigende Handlungen des Partners als Plus erscheinen, eigene „Dienste“ und eigenes Nachgeben als Minus zu Buche schlagen. Männer müssen sich oft durch Wohlverhalten den Sex erst verdienen, die Atmosphäre muss stimmen, Balzverhalten wird erwartet. Oft ist nicht die richtige Zeit, nicht der passende Ort, die erotischen Praktiken verkümmern zu Wiederholung des immer Gleichen, weil man ja weiß, worauf der Partner steht – und alles andere wäre eine durch nichts gerechtfertigte „Zumutung“. Die Verpflichtung zur Monogamie, der die meisten Paare anhängen, beinhaltet den Druck, „irgendwie“ miteinander ein befriedigendes Sex-Leben erreichen zu müssen oder in frustrierender Askese zu leben. Was für ein Machtpotenzial für denjenigen Partner, der sexuell weniger bedürftig ist!
Die NUTZUNG sexueller Bedürftigkeit für erotik-fremde Zwecke ist also ein beziehungszerstörendes, gleichwohl verbreitetes Verhalten. Mittels einer klaren Hierarchie wird dem jeglicher Boden entzogen: Wann immer „Dom“ will, ist „Sub“ zu Diensten – eine drastische und radikale Änderung der Rahmenbedingungen! Da beiden Seiten die Freiwilligkeit, ja Erwünschtheit dieses Arrangements jederzeit bewusst ist, verfallen die Partner gar nicht erst in die Routinen und Gewohnheiten des üblichen Machtkampfes, sondern gewinnen einen Freiraum, im neuen, so grundsätzlich anderen Rahmen Erfahrungen mit sich selbst und dem (herrschenden bzw. sich unterwerfenden) Partner zu machen.
Ein Beispiel aus dem „normalen Leben“: Wenn Chef A dem Angestellten B eine schwierige Arbeit aufträgt, wird B beim Ausführen der Anweisung ganz andere Dinge erleben, je nachdem, ob er innerlich gegen den Chef, dessen Autorität und Berechtigung, diese Arbeit anzuweisen, kämpft oder nicht. Von innerer Kündigung, schlampiger und unengagierter Abwicklung, bis hin zur bewussten Sabotage ist im ersten Fall alles möglich, doch wird der Angestellte sich ganz gewiss nicht kreativ und motiviert in die Aufgabenstellung versenken und sich darin selbst verwirklichen.
Der Machtkampf verunmöglicht die Selbsterfahrung in der Sache – und genau das ist in DS-Arrangements anders. Hier konzentriert sich Sub auf die Aufgabe und versucht, zu gehorchen, was immer „der Herr“ (oder „die Herrin“) auch verlangt. Der Blick wendet sich nach innen, hin zum eigenen Erleben mit der ungewohnten Zumutung: Kann ich das? Was denke, fühle und empfinde ich dabei? Wie weit reicht meine Fähigkeit, zu leisten, was Dom wünscht, bzw. zu ertragen, was er/sie verordnet? Wo ist die Grenze? WAS bedeutet „Grenze“? Wie gehe ich mit inneren Widerständen um? Woher kommen sie, was bedeuten sie im Einzelnen? Kann ich meine Gefühle und Empfindungen zeigen oder verstumme ich? Warum? Fragen über Fragen – und sie werden nicht „grübelnd“ gelöst, sondern beantworten sich in der Selbstbeobachtung, die ganz von selber und ohne Verordnung einsetzt.
Sub erlebt ein spannendes Match zwischen Körper, Geist und Gefühl, lernt, wie diese Ebenen aufeinander wirken bzw. miteinander verschränkt sind. Mit zunehmender Erfahrung ereignen sich Entwicklungen und Veränderungen: die oft schablonenhaften Vorstellungen vom „richtigen BDSM“ verlieren sich, etwa die Idee, dass Sub immer passiv und still Doms Befehlen gehorchen sollte, was der natürlichen Gefühlslage angesichts so mancher Herausforderung doch gar nicht entspricht. Sub lernt, dass es möglich ist, spontan Gefühle zu zeigen, auch OHNE den Konsens über das Machtgefälle grundsätzlich in Frage zu stellen – Dom lernt, mit der gelegentlich „renitenten“ Sub umzugehen, ohne sich gleich als Dominanter in Frage gestellt zu sehen.
Denn auch für den dominanten Partner ändert sich das gesamte Erleben, wenn er nicht mehr um die Macht kämpfen muss, sondern von vorne herein das Sagen hat. Auf zwei Ebenen eröffnet sich ein neues Feld. Einerseits das der freien Selbsterfahrung: Was will ich eigentlich, wenn ich „alles haben“ kann? Was ist denn im einzelnen „meine Lust“? Worin besteht der Kick dieser oder jener Zumutung an Sub? Fantasie und Kreativität bekommen einen ausgedehnten Abenteuerspielplatz, auf dem jede Menge Experimente möglich sind. Das innere Bangen, ob das jeweilige Ansinnen beim Partner „ankommt“, ist durch das vereinbarte Machtgefälle zumindest insoweit befriedet, dass es nicht grundsätzlich um die „Berechtigung“ geht: Dom hat (im Prinzip) immer recht und darf „alles“ verlangen – DAS ist das befreiende Arrangement, auf dessen Bestand Dom vertrauen kann.
Gleichwohl bleibt ein Teil dieses brisanten Gefühls erhalten: Wie weit kann ich gehen? Wie weit wird Sub folgen? Wo sind die Grenzen und wie erkenne ich sie? Das ist das zweite „neue Erlebensfeld“, das sich erst durch Abwesenheit des üblichen Machtkampfes, bei dem es nur um die eigene Durchsetzung bzw. Unterbutterung geht, eröffnet: Intensive Zuwendung, genaue Beobachtung, Konzentration der Aufmerksamkeit auf das Verhalten von Sub und kleinste Anzeichen des Befindens (=Fürsorge!). Wenn ich das Sagen habe, trage ich auch Verantwortung und muss darauf achten, nicht zu weit zu gehen.
Womit ein drittes „Wachstumsfeld“ angesprochen ist, das DS-Beziehungen (bzw. Beziehungen „mit DS-Dimension“) eröffnen: intensive und ehrliche Kommunikation mit dem submissiven Partner ist erforderlich, um das Spiel an den Grenzen erfolgreich spielen zu können. Denn alleine aus den Reaktionen lässt sich nicht immer entnehmen, ob Sub bereits am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen ist, egal wie aufmerksam Dom schaut. Es ist ja gerade das „Verschieben der Grenze“, das viele Subs erleben wollen, wozu dann auch das Ertragen (und Ausdrücken!) negativer Emotionen und Widerstände gehört. Hier hilft also nur das miteinander Reden, der offene Austausch über das je eigene Erleben und die daraus erwachsenden Wünsche und Ängste. Dies zu tun, bzw. dafür eine Form zu finden, die das Erleben nicht stört, und den Dominierenden nicht zum bloßen Umsetzer von Subs Kopfkino-Szenarien degradiert, ist für Einsteiger (bzw. mit einem neuen Partner) oft nicht leicht, für eine auf längere Dauer angelegte Beziehung jedoch unverzichtbar. Unterm Strich müssen beide Seiten im gemeinsamen Arrangement Erfüllung finden, sonst gibt’s die Abstimmung mit den Füßen und ständiger Partnerwechsel auf der Suche nach dem „richtigen BDSM“ ist die Folge.
Gelingt allerdings das grundstürzende Experiment „Dominanz und Unterwerfung“, wird ein innerlich beeindruckend friedliches miteinander Umgehen möglich, das in „ganz normalen Beziehungen“, in denen täglich der Machtkampf tobt, oft schmerzlich vermisst wird. Reizvolle Herausforderungen, spannende Abenteuer, jede Menge Selbsterkenntnis, persönliches Wachstum und ein Zugewinn an Kompetenz (und Gelassenheit!) im Umgang mit den allgegenwärtigen Machtkämpfen des Alltags sind der Lohn der Mühe, eine außergewöhnliche Erotik zu wagen und deshalb in manchen Kreisen als „pervers“ zu gelten.
Bei alledem wundert es nicht, dass auch BDSM-ferne Erotik-Ratgeber heute des öfteren, das „Spiel mit der Macht“ als Bereicherung empfehlen. Experimentierfreudige Menschen machen oft schon bei den ersten Fesselungsexperimenten die Erfahrung, wie befreiend es sein kann, von der Verantwortung für das Geschehen „spielimmanent“ entbunden zu sein. Insbesondere eine repressive Erziehung, die zu mancher sexuellen Verklemmtheit führte, kann hier umschifft, bzw. überwunden werden, was für manche „Vanillas“ (= Nicht-BDSMler/innen) dann den Einstieg in ein SM- oder DS-Selbstverständnis bedeutet – auch ganz ohne explizit sadomasochistische Neigungen . Sie als Mode-SMler zu diskriminieren, halte ich für unangemessen, sondern ermuntere im Gegenteil, der eigenen Lust und Sehnsucht zu folgen und sich nicht von den manchmal etwas verstiegen oder gar verstörend wirkenden Diskussionen der „Szene“ verwirren zu lassen.