Ein Thema, das ich kürzlich in der SZ intensiver behandelte, will ich hier mal zur Diskussion stellen – es beginnt mit drei Fragen:
1. Was ist Nähe? Ganz konkret: Wann fühlt Ihr Euch einem anderen Menschen nah?
2. Ist NÄHE in Bezug auf Euer BDSM-Erleben ein BESONDERES Thema? Inwiefern?
3. Sehnt Ihr Euch nach Nähe oder fürchtet Ihr sie? Ist SM und/oder DS für Euch ein Mittel, jemandem besonders nahe zu kommen? Oder ist es im Gegenteil eine Methode, DISTANZ zu wahren und Nähe eben NICHT erleben zu müssen?
NÄHE ist ja an sich die Bezeichnung eines nur geringen Abstands, ursprünglich ein Begriff der physischen Welt. Wo man leicht sehen und sagen kann, was „nahe“ beieinander steht und was eher ferne liegt.
Das haben wir aufs Zwischenmenschliche übertragen und hier geraten die Bedeutungen schillernd. Die meisten verstehen Nähe als liebevolle Nähe, als vertrauensvolles Miteinander: das Gegenüber ist nicht Gegner, sondern Freund, Liebender, Schützender. Man fühlt sich nah, wo man sich zeigen kann, wie man gerade ist und nichts befürchten muss.
Für mich ist das Vertrauen eher der Rahmen, in dem Nähe stattfinden kann. Doch geht Nähe ja auch spontan, mit Fremden, ohne lange Vorgeschichte und sogar ohne Vertrauen: ein Blick, ein Erkennen, man weiß, man hat dasselbe im Kopf bzw. im Sinn. Flirten ist so ein Aufblitzen dieser Nähe: man hat einander als Begehrende erkannt.
Zwischenmenschliche Nähe ist für mich immer dann gegeben, wenn jeder vom Anderen weiß, was er/sie gerade fühlt oder denkt – und man voneinander weiß, DASS man es weiß.
In Bezug auf BDSM las ich in einer Selbstdarstellung mal den Satz „Du schlägst mich und mit jedem Schlag fühle ich mich Dir näher“ und war verwundert. Denn „Nähe“ würde ich in einer solchen Szene nur erleben, solange das Schlagen kommunikativ ist, mir Top damit also etwas sagen oder zeigen will. Also solange wir reden, uns gegenseitig heraus fordern, eine lustvolle Kontroverse inszenieren. Werden die sinnlichen Eindrücke allerdings heftiger, dann gerät die personale Ebene eher aus dem Blick. Sub versinkt in den intensiven Empfindungen, konzentriert sich aufs Spüren und „Schmerz erotisieren“ – und ENTFERNT sich innerlich eher vom Gegenüber, wenn auch lustvoll. <br/> <br/> Eine gute Session zeichnet sich für mich dadurch aus, dass Top zum einen meditative Phasen des „nach innen Gehens“ zulässt, andrerseits Sub aber auch immer wieder zurück holt, wach macht, an sich erinnert. Ein Wechselspiel also, das die Aufmerksamkeit zwischen mehreren Dimensionen switchen lässt – wunderbar!
Alles in allem wurden in der Diskussion rund um das Thema vier verschiedene Formen von Nähe beschrieben
1. Friedlichkeit, sich angenommen fühlen, wie man ist, Angstfreiheit
2. Vertrautheit – wortloses Verstehen, baut sich über Jahre auf
3. gemeinsames Interesse, gemeinsames Erleben
4. Unverstelltheit (das „wahre Gesicht“ zeigen/sehen)
Für die meisten ist Nähe ein sehr anstrebenswertes Ziel, ihr Mangel wird als negativ empfunden. Gleichzeitig macht sie auch Angst: man fürchtet, sich selbst zu verlieren – ein Aspekt, der allerdings selten zur Sprache kommt. Eher jagen viele nach Nähe, tun aber gleichzeitig viel dazu, dass sie nicht wirklich entsteht (z.B. indem man lediglich ein Kopfkino möglichst genau umsetzen will, fast egal mit wem).
In einer lebendigen Beziehung eignet sich das BDSM-typische „Spiel mit Distanz und Nähe“ sehr gut, um die Ambivalenz bezüglich „Nähe“ mit sich selbst und dem Partner auszuexperimentieren. Seine Inszeniertheit und das beiderseitige Wissen darum ermöglichen Verhaltensweisen, die üblicherweise nur aus innerer Distanz machbar und stimmig sind – und eröffnen damit auch das schadensfreie gemeinsame Erleben eines Gefühls- und Affekt-Spektrums, das in Beziehungen normalerweise nicht drin ist. Bzw. wenn, dann eben nur „im vollen Ernst“ – und DAS wollen wir ja gerade NICHT!