Mein Leben als devot veranlagte Frau in der türkischen BDSM-Szene

Nennt mich Elif, ich bin devot, 37 Jahre alt und lebe in Istanbul. Meiner Neigung wirklich bewusst wurde ich erst während meines Auslandssemesters in Frankreich und wagte dort auch die ersten kleinen Schritte in diese Richtung. Als ich aus Frankreich zurückkam, war ich fasziniert von den neuen Erfahrungen. In der Türkei über Sexualität zu sprechen, ist ohnehin schwierig, doch über BDSM zu reden, schien fast unmöglich. Schon in Frankreich war es für mich schwer, mich auszutauschen oder jemanden für Bondage zu finden, doch in der Türkei waren die Hürden noch deutlich größer.

Das Leben als BDSM-interessierte Frau in der Türkei ist mit erheblichen sozialen und politischen Herausforderungen verbunden. Die Gesellschaft ist stark von konservativen Werten und traditionellen Geschlechterrollen geprägt. Ich habe das Glück, in Istanbul zu leben, wo die Atmosphäre etwas offener ist, doch Sexualität bleibt ein Tabuthema, vor allem außerhalb der Ehe und jenseits gesellschaftlicher Erwartungen. Für Frauen ist die soziale Kontrolle besonders ausgeprägt. Schon das offene Ausleben von Sexualität kann zu familiärem und sozialem Ausschluss führen. Wer sich als Frau zu BDSM bekennt, riskiert nicht nur Stigmatisierung, sondern auch Diskriminierung und Gewalt, insbesondere wenn man von klassischen Rollenbildern abweicht oder queer ist. Die Entwicklung der letzten Jahre war in dieser Hinsicht eher negativ. Allerdings muss man zwischen der allgemeinen gesellschaftlichen Stimmung und der eigenen kleinen Bubble unterscheiden.

Eine sichtbare Szene, wie ich sie aus Frankreich oder Deutschland kenne, gibt es in der Türkei kaum. Die Angst vor Entehrung der Familie, sozialer Ächtung und dem Verlust des Arbeitsplatzes ist groß. In konservativen Kreisen kann schon das Gerücht über alternative sexuelle Vorlieben massive Probleme verursachen. Deshalb ist Diskretion in der Szene oberstes Gebot.

Rechtlich ist einvernehmlicher BDSM in der Türkei nicht ausdrücklich verboten, doch das Strafrecht setzt hier enge Grenzen. Körperverletzung ist auch bei Einvernehmlichkeit grundsätzlich strafbar, und es gibt keine explizite Ausnahme für BDSM Praktiken, wie diese in Deutschland existiert. Besonders riskant sind Praktiken, die sichtbare Spuren hinterlassen oder als entwürdigend ausgelegt werden könnten. Polizei und Justiz sind meist wenig sensibilisiert für den Unterschied zwischen einvernehmlichem BDSM und Gewalt. Zudem gibt es keinen gesetzlichen Schutz für sexuelle Minderheiten. Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre war sehr repressiv, nicht nur Menschenrechtsaktivistinnen werden verfolgt, sondern auch bei Themen wie sexuelle Selbstbestimmung geraten Aktivisten zunehmend unter Druck.

Dennoch existiert in der Türkei eine kleine, aber engagierte BDSM Community, die sich regelmäßig austauscht. In türkischen Foren wie bdsmtr.com, auf Telegram oder in Fetlife-Gruppen werden regelmäßig Stammtische organisiert. Solche Treffen haben meist ein recht gemischtes Publikum, wobei junge Leute hier schon stärker vertreten sind, als zum Beispiel bei französischen Stammtischen. Die Stammtische dienen vor allem dazu, sich auszutauschen, aber auch um sich zu vernetzen. Wie wahrscheinlich überall empfindet fast jeder Neuling eine große Erleichterung, endlich offen und unter Gleichgesinnten über Neigungen, Ängste und Wünsche sprechen zu können.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Stammtisch. Ich war nervös, hatte Angst, erkannt zu werden, und überlegte mehrfach, ob ich wirklich hingehen sollte. Schließlich betrat ich das kleine Café in Kad?köy, wo wir uns verabredet hatten. Zu meiner Überraschung war die Atmosphäre entspannt und herzlich. Niemand stellte indiskrete Fragen, niemand drängte sich auf. Wir redeten erst über ganz Alltägliches, Arbeit, Bücher, das Leben in Istanbul. Erst später, als das Eis gebrochen war, erzählte eine andere Frau, wie sie jahrelang glaubte, mit ihren Wünschen allein zu sein. Sie sagte: „?lk defa birine ‘ben bir sub’um’ demek çok zordu ama sonunda özgür hissettim.“ Zum ersten Mal jemandem zu sagen, dass sie Sub ist, sei schwer gewesen, aber am Ende habe sie sich frei gefühlt. In diesem Moment spürte ich, wie viel Kraft aus einer Gemeinschaft entstehen kann, der man sich zugehörig fühlt. Ich war nicht mehr allein.

Wer einen Partner findet, der in der Szene aktiv ist, oder sich sicher fühlt und sein eigenes kleines Netzwerk aufgebaut hat, wird dann auch zu privaten Partys oder Play-Events eingeladen. Diese finden meist in gemieteten Wohnungen oder kleinen Locations in Istanbul oder Ankara statt und werden streng geheim gehalten. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, neue Gäste kommen nur auf Empfehlung. Es gibt klare Regeln zu Einvernehmlichkeit, Sicherheit und Diskretion. Die Atmosphäre ist respektvoll, und es wird sehr darauf geachtet, dass niemand fotografiert oder Informationen nach außen trägt. Gerade diese enge Vernetzung sehe ich als Stärke der Szene, da schwarze Schafe kaum eine Chance haben.

Der Austausch in den Foren und Gruppen ist für viele, besonders für Frauen, ein wichtiger Anker. Hier werden Fragen zu Sicherheit, Rollenbildern, Coming-Out und praktischen Themen wie Equipment oder Aftercare diskutiert. Viele Frauen berichten, dass sie durch diese Online-Community überhaupt erst den Mut gefunden haben, ihre Neigung zu akzeptieren und auszuleben. In einer Gesellschaft, in der so vieles verschwiegen wird, ist diese gegenseitige Unterstützung unbezahlbar.

Ich habe gelernt, meine devote Seite als Teil meiner Identität zu akzeptieren. Es ist nicht immer leicht, gerade in einer Kultur, in der traditionelle Rollenbilder noch sehr stark sind. Doch ich habe auch erfahren, wie befreiend es ist, sich selbst treu zu bleiben und Menschen zu finden, die einen so akzeptieren, wie man ist. Heute weiß ich: Auch in der Türkei gibt es einen Platz für Frauen wie mich. Man muss ihn nur suchen und den Mut haben, ihn einzunehmen.

Übersetzungshilfe: KI

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