Aktueller Blick auf cnc beim BDSM
Früher stand CNC für das bewusste Verzichten auf ein Safeword – heute heißt es oft das genaue Gegenteil: Immer mit Ausstiegsmöglichkeit. Wie gehen wir damit um, wenn in einer Szene ein Begriff so drastisch umdefiniert wird? Führt der Bedeutungswandel von CNC zu mehr Missbrauchsgefahr, oder ist er ein Zeichen für eine sicherere Szene? Wie definiert ihr aktuell den Begriff?
HerrM
Also ist mir jetzt komplett neu dass der Begriff jetzt das Gegenteil bedeutet, höre ich für mich zum ersten Mal ?
DOMinik_GS
Ich möchte ja nicht unbedingt als "von der ganz alten Schule" erscheinen. Aber ich kenne CNC ("Consensual Non-Consent") eigentlich auch nur als das generelle Zustimmen zu nicht unbedingt gewollten BDSM-Praktiken. Quasi einer völligen Machtverschiebung zum (oder zur) DOM/Top.
(Auch wenn ich CNC eigentlich nie praktiziert habe.)
Kann mich bitte jemand aufklären, wie genau man den Begriff heute eventuell als das Gegenteil interpretieren kann oder definiert?
Gentledom
Ich habe die ersten zehn deutschsprachigen Googletreffer genommen und durch ChatGPT gejagt, dabei sollte ChatGPT den folgenden Punkt prüfen:
Analysiere die Texte die folgen nach den Punkten, antworte jeweils nur mit ja oder nein, aber nur sofern es eine valide Aussage hierzu in dem Text gibt:
- Safeword, ja (9) oder nein (1x keine Aussage zu dem Punkt)
- Konsens auch während cnc, ja (10) oder nein
- Gleichwertigkeit während cnc, ja (7) oder nein (3x keine direkte Aussage)
- Bedürfnisse beider gleich wichtig beim cnc, ja (8) oder nein (2x keine direkte Aussage)
Damit kommen wir nun zu den eigentlichen Fragen :)
Schattengestalt
Konsens bedeutet für mich im CNC, dass ich Tabus beachte und Bedürfnisse berücksichtige. Im Unterschied zu meinem normalen Spiel frage ich jedoch nicht immer wieder nach, erkundige mich nach dem Wohlbefinden oder nehme auch mal in den Arm. Das folgt im CNC erst später, dafür intensiver.
Auch Worte wie "Nein", Schreie und Tränen sind hier erst recht kein Grund zum Aufhören sondern oft Teil der Intensität. Das fließt bei mir zwar auch ins normale BDSM ein, was aber natürlich auch heißen kann, dass mein 'normales' BDSM in dem Bereich CNC wandelt.
Das Andere, was ich in CNC einordne, ist Fremdverwendung - ich als Dom erlaube das, wovon ich denke, dass es meiner Sub gut tut, bzw. was sie aushält. Freie Verfügbarkeit für andere, Rapeplays, Jagd: wenn hier Sub im Einzelnen entscheiden müsste, mit wem sie was zulässt, könnte sie niemals in die Situation eintauchen.
Das Safewort spielt dabei eine unfassbar kleine Rolle, weil es auch beim Spiel mit Grenzen nie fällt, so lange Sub sich sicher ist (sein kann), dass Dom auf sie achtet und ihre Grenzen rechtzeitig erkennt. Das kommt mit der Zeit.
Denn auch im Rapeplay kann ich einen Moment achtsamer mit meinem Opfer umgehen, wenn ich das Gefühl habe, dass es tatsächlich abstürzt. Und ich kann mich durch rhetorische Fragen vergewissern, ob mein Gegenüber noch Freude an ihrer Rolle findet.
Der größte Teil muss jedoch vorher stattfinden, wo der mentale Zustand abgetastet wird und ein sicheres Spiel gewährleistet wird. Das bezieht übrigens alle Teilnehmer mit ein, die sich an Grenzen herantasten wollen.
Woanders bin ich in einem CNC Forum und habe den Eindruck (anders als beispielsweise Mindfuck, der dort alles bedeuten kann), dass die Mitglieder des Forums genau diese Linie verfolgen:
Konsens und Bedürfnisse werden vorher abgesteckt, Safewords gibt es dennoch. Sie werden aber nicht genutzt. Erfahrungsberichte zeigen dort, dass vor allem das Aftercare oft nicht intensiv genug ist.
Ich weiß nicht, in welchen Kreisen CNC anders gedeutet wird, ich kam nie mit ihnen in Kontakt. Aber im Zweifel nutzen Menschen dann einfach den Begriff CNC, spielen aber auf ganz andere Spielart. So wie viele Menschen sich in BDSM einordnen, wenn sie mal einen Klaps auf den Po bekommen. Sollen sie halt.
Das wird dem/der verantwortungsbewussten Dom und dem/der aufmerksamen Sub aber egal sein, wo er/sie sein Gegenüber ja ohnehin erst einmal sehr intensiv kennenlernt oder diese Verantwortung einem Dritten übergibt.
Jagd-Parties (mit Fremden) halte ich da für etwas schwieriger, weil die Absprachen und das Auffangen danach mir schwerer erscheint. So reizvoll sie wäre, dazu konnte ich mich noch nicht überwinden. Nur bei solchen Events sähe ich die Gefahr, dass verweichlichte Begriffe zu falschen Vorstellungen führen. Aber wer sich von einem Dutzend Männern durch den Wald jagen lässt, dürfte vermutlich nicht mehr allzu vanilla sein...
Susi2002
Wenn ich etwas will, dass nicht consensual ist, dann will ich ja gerade nicht mit einem Safeword doch wieder die Kontrolle erlangen. Vielleicht will ich ganz bewusst erleben, wie ich über eine Grenze getrieben werde. Dass ich dabei abrutschen und sehr tief fallen kann ist mir bewusst. Mit einem Safeword würde es für mich gar keinen Sinn machen. Da finde ich die "alte" Definition besser, wobei für mich ist sie nicht alt sondern immer noch aktuell, da sie mir logischer erscheint.
AndersimNorden
Da fängt es ja schon an, wofür ist ein safeword da. Für mich hat das Safeword eine "heilige" Funktion, etwas was Dom zu respektieren hat und Sub nicht leichtfertig nutzt. Zum Vergleich und wo wir dies vor kurzem hier hatten, ähnlich wie "abklopfen" im Kampfsport, die letzte Sicherungsleine. Als Dom sollte man entsprechend handeln daß man das Safeword gar nicht erst hört und als Sub sollte man dies nicht als "topping from the bottom" oder "Pause & Stop" Funktion missbrauchen.
Jeder entwickelt seine eigenen Regeln im miteinander und auch wenn CNC in gewisser Weise ein Freifahrtsschein für Dom ist, sollte es sich nicht über gewisse Grundsätze hinwegsetzen.
Persönlich hinterfrage ich die ganzen Begriffe & Deutungen, gerade was Sicherheitskonzepte angeht, schon länger und schreibe sie mir schon länger nicht mehr auf die Fahne. Ob nun sowas wie SSC, RACK, PRICK, CNC oder was auch immer, am Ende ist es immer eine eigene Mischung von allem und gar nichts davon. Es sind grobe Orientierungshilfen, wenn man anfangs voneinander null Plan hat, aber wenn man nicht 08/15 BDSM nur nach Handbuch betreibt, entwickelt man zusammen irgendwann sowieso sein eigenes Konzept. Aber die Grundsätze von Vernunft, Vertrauen & Verantwortung, die aus meiner Sicht das Wichtigste sind, sollten sich immer über alles andere hinwegsetzen, selbst wenn das Risikobewussten etwas lockerer sitzt und man mit dem Feuer spielt.
Herbstblüte
Ich finde solche Umdeutung von Begriffen immer total schwierig. Weil wenn da zwei Menschen über verschiedene Dinge reden, ohne das es auffällt, dann kann es so erschreckend schief gehen und in der Regel ist Dom dann der Arsch (bis zu rechtlichen Konsequenzen). Für mich macht es das also absolut nicht sicherer.
Gleichzeitig kann man sich grundsätzlich nicht auf feste Definitionen verlassen und sollte diese immer hinterfragen, wie das Gegenüber es meint. Für mich bedeutet es, es herrscht genereller Konsens, auch in Momenten wo im Detail kein Konsens vorhanden ist. Der generelle Konsens zu genau diesen Handlungen besteht. Allerdings schließe ich mich meinem Vorschreiber an - egal was man tut, man muss immer mit Vernunft handeln und nicht auf ein bestehendes Konzept bestehen, nur weil man das beschlossen hat.
Weissenburg
Es ist immer der Dom, der weiter gehen will, der Grenzen auslotet und dann überschreiten will. Oder der die Bedürfnisse der Sub zu wahren hat und dies an einigen Stellen vielleicht nicht tut.
Diese ganzen Regelkonstrukte sind irgendwie so eine Art Grundrechtekatalog der Sub gegen den Dom. Nichts davon natürlich real-juristisch belastbar, aber immerhin.
Was mir in jeder Diskussion darüber fehlt, bzw wozu ich noch nie eine Diskussion gefunden habe ist: Der umgekehrte Fall. Das bewusste oder während einer Session durch den rauschhaften Zustand der Sub getriebene Überschreiten der Grenzen durch die Sub.
Aber vielleicht gibt es keine Doms, die sich das Heft des Handelns aus der Hand nehmen und sich von einer Sub treiben lassen, Dinge zu tun, die man selbst nicht mehr verantworten kann und die aller Wahrscheinlichkeit nach die Sub überfordern.
Ich habe keine Ahnung, welches Konzept hier greift.
Und im Übrigen halte ich von diesen Regel-Konstrukten ohnehin fast nichts. Das, was gestern wie von selbst ging, will am nächsten Wochenende unter identischen Bedingungen nicht funktionieren. SM ist hochgradig individuell, es ist von Personen abhängig, von Beziehungen, vom Ort, Tageszeit, Stimmung, wie ist die Woche gelaufen, ausgeschlafen, Probleme mit den Kindern, zu warm, zu kalt, habe meine Tage und was auch immer.
Das kann kein Regelwerk abbilden. Das muss man mit- und aneinander lernen.
AndersimNorden
Man sollte als Dom auch mal "Nein" sagen. Ob aus Verantwortungsbewusstsein, als Selbstschutz, bei mangelnder Erfahrung oder Unsicherheit. Wie will man (temporäre) Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen wenn man es nichtmal für sich selbst kann? In einer Session mit Drehbuch wo Sub insgeheim das Zepter schwingt, mag das funktionieren, aber dann ist das Dömchen auch nur Wunscherfüller. Und solange es für die Menschen funktioniert, ist es ja okay. Nur auf der Klinge tanzen bei Dingen wie dem CNC-Konzept funktioniert das nicht wirklich und widerspricht irgendwie auch der ganzen Idee dahinter. Darum ist ein Safeword vielleicht keine so dumme Idee auch wenn es nie genutzt wird. Bevor man "no safeword, no limit, no consens" eingeht, sollte man schon einen sehr sehr sehr langen Weg zusammen gegangen sein. Das Vertrauen muss man erstmal miteinander aufbauen und nicht nur Sub zum Dom, sondern auch Dom zu Sub.
JustAnApple
Was wenn ich als Dom ein Safe word möchte? Muss ich mich dann sub beugen, das CNC für sie nur ohne funktioniert und mit vertraut?
Gentledom
"Muss ich mich dann sub beugen, das CNC für sie nur ohne funktioniert und mir vertraut? "
BDSM ist konsensual, wenn man keine gemeinsame Basis findet, lässt man es. Niemand zwingt einen dazu mit jemandem zu spielen, der nicht zum eigenen BDSM passt. Ohne Safeword kannst du natürlich auch bei jedem Pieps von ihr abbrechen und nachfragen, das wäre dann sicher und evtl würde sie dann einlenken um doch wieder mehr Spaß zu haben. Meins wäre es nicht. Oder du sagst du bestehst drauf, Sicherheit ist nicht dispositiv und Sicherheit dafür zu wollen sich nicht strafbar zu machen ist in meinen Augen sehr nachvollziehbar.
"Diese ganzen Regelkonstrukte sind irgendwie so eine Art Grundrechtekatalog der Sub gegen den Dom. Nichts davon natürlich real-juristisch belastbar, aber immerhin."
Nope, informierte Einwilligung + Zustimmung + Abbruchsoption ist juristisch äußerst belastbar. Maximal geht es dann noch um den Nachweis der drei Punkte aber wenn diese gegeben sind, dann ist es rechtlich sicher, sofern man sich in dem Rahmen bewegt der keine Amputation oder Lebensgefahr vorsieht. Meinte zumindest der BGH...
So nun aber zurück zum eigentlichen Thema :)
ScandiSub
Ich denke beim CNC-Konzept muss es eine detaillierte Absprache zum Ablauf der gewünschten Situation und deren Ziele geben. Ein Safeword oder eine Geste, sollte definitiv vorher abgesprochen werden, denn Sub kann und soll sich in dieser Szenerie wehren. Jetzt nenn mir aber einen „Super-Dom“, der während dieser CNC-Session zwischen, ‚oh das spielt sie ja nur‘ und ‚jetzt könnte es für sie gefährlich werden‘ sofort unterscheiden kann. Diese Verantwortung, würde ich als Sub keinem Dom zumuten wollen. CNC unterscheidet sich für mich durch ein detailliertes Vorbesprechen und absolutes Vertrauen zum Spielpartner (aber mit zumindest einer Safe-Geste) von den anderen Konzepten, um gewagte Szenarien - zum Erreichen einer Grenzerfahrung (!) - spielen zu können.
Schattengestalt
Wie AndersimNorden halte ich das Safeword für heilig. Nach über 10 Jahren BDSM habe ich es nie gehört. Mit mancher Spielpartnerin hatten wir eine Vorstufe (gelb), die auch eingesetzt wurde. Heute verzichte ich darauf und versuche, meine Sub nochmal deutlich intensiver kennenzulernen, um sie in jeder Situation lesen zu können. Und trotz Safeword würde ich CNC auch erst nach einiger Erfahrung spielen wollen.
Wenn ich nun also ein Safeword (oder in manchen Situationen einen schweren Gegenstand in der Hand) als letzte Sicherheit einsetze, was lässt sich dagegen denn im CNC Kontext sagen?
Es kann Kommunikationsfehler geben. Im Eifer des Gefechts können Körperteile in die falschen Öffnungen rutschen. Unerwartet können Triggerpunkte erreicht werden, die Sub vorher noch nicht kannte. Und selbst innere Verletzungen durch vorher nicht erkannte Krankheiten können auftreten.
In einer idealen Welt kann Dom all' das an seiner Sub lesen und macht keine Fehler. Doch selbst dann ist manches unvorhersehbar.
Ich würde niemals ohne Safeword spielen wollen. Man kann aber die Vereinbarung treffen, dass das Safeword wirklich nur in Notfällen genutzt wird - wenn eben gar nichts mehr geht. Das dürfte bei den meisten Menschen aber ohnehin schon gegeben sein.
Wenn Sub das Gefühl hat, dass sie Vorstufen wie gelb, ggf. sogar orange braucht, dann wäre ein anderes rabiates Spiel vielleicht erst einmal sinnvoller.